Über »Ein Damm über die Behringstraße« von Wolfgang Polte

Nie mehr frieren!

Sibirien, Alaska, Grönland – wer will da schon wohnen? Viel zu ungemütlich. Dabei könnten diese fiesen Gegenden längst begehrte Wellness-Oasen sein. Das schreibt zumindest ein ideologischer Heizlüfter namens Wolfgang Polte in der DDR-Bildungs- und Propagandafibel »Urania-Universum« bereits im Jahre 1960.

Kalt war’s, das Buch lag auf der Straße. Urania-Universum, Band VI, 495 Seiten Wissenschaft, Technik, Kultur, Sport und Unterhaltung. Der Nachkriegs-DDR-Bürger will vom Fortschritt des Sozialismus seriös unterrichtet werden – Edelpelztierzucht in Sachsen, Erdölsuche im Harz. Ich nehm’s mit.
Der Kracher: Wolfgang Poltes Beitrag »Ein Damm über die Behringstraße«. Darin berichtet er von einem Plan, »so unerhört und phantastisch, dass man ihn als sensationell bezeichnen kann«. Was für ein Heißmacher, was für Aussichten! Ein Ferienhaus auf den Aleuten? Eine Strandbar an der ochotskischen Riviera? Kamtschatka statt Mallorca? Für Polte keine Utopie.
Denn: Würde die Welt nur auf den genialen russischen Ingenieur P. M. Borissow hören, so brodelt es aus Polte, dann wäre das alles kein Traum. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Borissow nämlich die Idee, das warme Wasser des Stillen Ozeans in das nordpolare Eismeer zu pumpen. Mittels gigantischer Pumpanlagen, eingebaut in einem 74 Kilometer langen Damm über die Behringstraße. Das Ziel: Weg mit dieser scheißkalten Polkapppe, »Land und Nahrung für Milliarden«.
Ein kühner Plan? Eine Wodka-Idee?
Nein, ein Projekt, »das der ganzen Menschheit nützen würde«, findet der Wissenschaftsredakteur Polte. Der Damm zwischen Alaska und Sibirien ist dabei das Entscheidende. »Eine breite Autostraße könnte von Gibraltar über Madrid, Paris, Berlin, Warschau, Moskau, New York bis zur Südspitze Südamerikas führen«, jubelt Polte. »Mit einem Express könnte man, ohne umzusteigen, von Madrid bis nach Buenos Aires gelangen!«
Kostet gerade mal 70 Milliarden Rubel, rechnet der Urania-Experte vor, denn sowjetische Ingenieure sind keine Phantasten. »Man ist bei den sowjetischen Ingenieuren und Wissenschaftlern durch ihre Erfolge in der Erforschung des Weltraums (…) auf jede Überraschung im positiven Sinne gefasst und weiß, dass sie in anderen Dimensionen denken und handeln können, als es ihre Kollegen in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung auch nur zu wünschen und zu hoffen wagen.«
Und gewissenhafter sind sie auch. Borissow und seine Kollegen hatten herausgefunden, dass sich durch ihren ursprünglichen Plan, die Warmwasser-Einleitung ins Polarmeer, das Klima in Nord- und Mitteleuropa rasch abkühlen und das ganze Gebiet zwischen Schleswig-Holstein und Sizilien regelrecht einfrieren würde. »Schöne Konsequenzen«, schmunzelt Polte, »für die wir uns als Mitteleuropäer sicher bedankt hätten.«
Aber den schönen Plan (»Pfirsischplantagen in Wladiwostok«) deshalb gleich aufgeben? Nein, nicht mit den sowjetischen Ingenieuren und Wissenschaftlern, »die vom Wunsch beseelt sind, eine Klimaveränderung herbeizuführen«. Deshalb sieht die neue Idee aus dem Jahre 1960 so aus, »nicht die Wassermassen des Stillen Ozeans ins Eismeer zu pumpen, sondern umgekehrt den warmen Golfstrom des Atlantiks durch das Eismeer hindurch in den Stillen Ozean abzusaugen«. Da hätte man auch gleich draufkommen können, erhitzt sich Polte, damit jetzt endlich »das Treibeis der Arktis zum Schmelzen gebracht und die Riesengebiete des Nordens erwärmt werden«.
Um den Golfstrom zu beschleunigen, umzulenken und am besten sogar noch zu erhitzen, braucht man aber nicht nur eine Menge Ingenieurskunst, sondern auch Unmengen an Energie. »Atomkraftwerke sind brauchbare Energieträger«, schlägt Fachmann Polte vor, »um den Eispanzer des nördlichen Eismeeres, der eine Fläche von 13 Millionen Quadratkilometern umfasst, zum Schmelzen zu bringen (…) und eine subtropische Landschaft in unsere Breitengrade zu zaubern.«
Aah, nie mehr frieren, nie mehr Winter. Herrlich. Aber wer ist wieder einmal dagegen? Die Amerikaner. Statt sich »in einem dem Frieden und dem Glück ihrer Völker dienenden Bauvorhaben zu vereinen, (…) werden Milliardenbeträge in die Rüstung gepumpt, die für das amerikanische Volk praktisch wertlos ist, da die gesamte Menschheit davon überzeugt ist, dass die Sowjetunion das gewaltigste Bollwerk des Friedens darstellt und gar nicht daran denkt, die Menschheit in das Verderben zu schicken«, empört sich Tauchsieder Polte. Aus heutiger Sicht völlig zu Unrecht. Denn jetzt wissen wir: Der Kalte Krieg verhinderte das Abschmelzen der Polkappen, und dank eines anderen, ebenfalls etwas größeren Bauvorhabens drei Jahre später blieb das Klima stabil.

Wolfgang Polte: »Ein Damm über die Behringstraße«, in: Urania-Universum, Band VI. Urania-Verlag, Leipzig/Jena, 1960

Geändert: 17. Dezember 2009

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