Das Album »Pilgrimage« von X.Y.R.

Labyrinthische Klangexkursion

Platte Buch Von

Den Namen seines Musikprojektes X.Y.R. hat Vladimir Karpov laut Posting auf Instagram Nikolai Gogols Roman »Die toten Seelen« entlehnt. Die Abkürzung löst er als »xram ­yedinennogo razmuwlenuja« auf, was sich aus dem Russischen übersetzen ließe als »Tempel der einsamen Betrachtung«. In Gogols Roman trägt der Gartenpavillon eines Gutsbesitzers eben diese Inschrift.

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Seit 2012 hat Karpov nicht weniger als zehn Alben vorgelegt. »Pilgrimage« – auf das inzwischen schon eine neue EP folgte – erschien im September 2020 und wurde im Heimstudio des Musikers aus Sankt Petersburg aufgenommen. Man hört ihn hier unter anderem an seinem Korg M1 Synthesizer, während sein Kollege Alexey Krjuk ein Elektron Octatrack und einen Modular Hairud bediente.

Das Album umfasst zwei 20minütige Ambient-Kompositionen, deren ätherische Klänge durch field recordings von Vögeln und Bächen ergänzt wurden. Der musikalische Gestus dieser labyrinthischen Klangexkursion, die durch den Albumtitel ohnehin schon sakral anmutet, ist vornehmlich einer des Raschelns und des Wisperns, des flüchtigen Vorbeiwehens.

Der Titel des ersten Stücks, »Black Monk in the Dunes«, lässt an Anton Tschechows Novelle »Der schwarze Mönch« denken; dort erinnert sich der Protagonist einer Legende über einen Mönch in schwarzem Habit, der vor 1 000 Jahren durch die syrische Wüste wanderte. Einige Meilen entfernt sahen Fischer den Mönch als Luftspiegelung und diese – die Gesetze der Optik gelten hier nicht – bewegte sich fortan weiter durch Zeit und Raum bis in die Tiefen des Weltalls.

Auch im zweiten Stück, »Echoes of Time« (die Verse »The echo of a distant time/Comes willowing across the sand« aus Pink Floyds »Echoes« kommen einem in den Sinn), vollzieht sich auf der Formebene ein solches rätselhaftes Wandern, das somit als für das Album programmatisch erscheint. Behagliches Befremden evozierend, verbindet es dabei Wald- mit Ufo-Ästhetik.

X.Y.R.: Pilgrimage
(Not Not Fun Records)