Die ersten Männergruppen

Alexandra Kurth wirft einen soziologischen Blick auf das deutsche Verbindungswesen.

Feiste Gesichter, bunte Bänder, Bier und Gesang auf der einen, schwarze Kapuzen, Sonnenbrillen, Trillerpfeifen und Hassparolen auf der anderen Seite – so sieht es nicht selten aus, wenn die Antifa und das Studentenverbindungswesen eine ihrer rituellen Begegnungen abhalten. Das gilt zumal für Universitätsstädte, die klein genug sind, um den so genannten Burschis überhaupt die nötige Aufmerksamkeit zu bescheren. Man denke nur an den Marburger Marktfrühschoppen oder das Maisingen in Tübingen. Warum aber überhaupt gegen das »Verbindungsunwesen« mobilisieren? Gewiss, es handelt sich um grundsätzlich sexistische, streng hierarchisch gegliederte, undemokratisch verfasste und häufig aufs Übelste deutschtümelnde Organisationen, die obendrein einer kleinen konservativen Männergruppe den Zugang zu gesellschaftlichen Spitzenpositionen eröffnen. In traditionslinker Lesart bildeten sie die Agentur, in der insbesondere in der wilhelminischen Ära die angehende akademische Elite sich selbst mit den Eigenschaften gewappnet hat, deren die Funktionsträger einer nach außen aggressiv-imperialistischen und im Innern antisozialistisch-antifeministischen Politik des Deutschen Reiches bedurften. Unbestreitbar ist, dass die frühe Faschisierung der deutschen Universitäten vor allem auf ihr Konto geht. Eine differenziertere Lesart lenkt den Blick jedoch vor allem auf die Binnenstruktur der Verbindungen: das Modell des Männerbundes. Die Perspektive auf die körperpolitische Dimension dieses Organisationstypus eröffnet nämlich jenseits der Frage nach der Herrschaftsfunktionalität bestimmter Klassen oder Schichten zugeordneter Denk- und Verhaltensweisen zugleich eine auf die Strukturen des gesellschaftlichen Ganzen. Die Forschung zum deutschen Verbindungswesen mit solcher Herangehensweise anzureichern, gehört zum Programm einer kürzlich als Buch unter dem Titel »Männer – Bünde – Rituale« erschienenen, von Alexandra Kurth verfassten soziologischen Dissertation. Ohne Rituale im weitesten Sinne kommt keine Organisation aus. Das gilt nicht nur für Burschenschaften, sondern ebenso für die Wissenschaft. Gerade die Promotion ist ein Ritus par excellence, vor allem einer der Initiation: In Doktorarbeiten geht es stets auch um den Ausweis der Anschlussfähigkeit an den vorherrschenden Kanon im Betrieb. In der Arbeit von Kurth lautet die theoretische Referenz aber nicht Butler oder Foucault, sondern ganz und gar nicht hip: Norbert Elias. Und schon darum provoziert die Studie eben auch nicht die bloße Erkenntnis, dass eine angesagte Denkrichtung den Kreis der Anhänger wieder einmal um eine Person erweitert hat, die es meisterhaft (das gehört sich bei einer Dissertation so) beherrscht, das zum Jargon verdinglichte Denken einem neuen Gegenstand überzustülpen. Mit dem deutschen Verbindungswesen hatte sich seinerzeit schon Elias selbst auseinandergesetzt. In seinen Studien, beispielsweise zur satisfaktionsfähigen Gesellschaft des Kaiserreichs, versuchte er den »nationalen Habitus« näher zu bestimmen, der den »Entzivilisierungsschub« ermöglicht habe, als den Elias das unsägliche Verbrechen der Deutschen deutet. Böse gesagt erscheint letztgenanntes vor dem Hintergrund seiner linearen Theorie des modernen Zivilisationsprozesses, dessen Mustermodell er mit der akribischen Untersuchung des Verhaltenswandels der weltlichen Oberschichten in Frankreich beim Eintritt in die Moderne zeichnet, wie ein gesellschaftlicher Betriebsunfall. Dennoch ist dem Versuch etwas abzugewinnen, die Verinnerlichung von Normen und Zwängen auf Seiten der Einzelnen, also die Entstehung des modernen Individuums, in Beziehung zu setzen zur Herausbildung des modernen Staates und dessen Gewaltmonopol. An der Relation von Psychogenese und Soziogenese – so nennt es Elias – setzt auch Kurths Studie an. Allerdings konzentriert sich die Darstellung auf die Wandlungen innerhalb des modernen Verbindungswesens. Im Mittelpunkt steht nicht wie bei Elias der Beitrag der Korporationen zur Aufweichung des Gewaltmonopols im Kaiserreich, sondern die Frage, wie sich bestimmte normative Konzeptionen von Männlichkeit in den Verbindungen seit 1800 ausbilden. Häufig wird dem modernen Verbindungswesen ein bürgerlich-revolutionärer Anfang beschieden, der jedoch spätestens nach 1848 ins reaktionäre Gegenteil umgeschlagen sei. Bei Kurth ist stattdessen von Ambivalenzen die Rede. Verschwiegen wird nicht, dass auf dem Wartburgfest nicht nur bürgerliche Freiheitsrechte eingefordert wurden, sondern zugleich sowohl das erste bürgerliche Gesetzbuch, der Code Napoléon, als auch z.B. Saul Aschers antideutsche Streitschrift in die Flammen geworfen wurden. Erklärter Republikanismus und »christliches Germanentum« schlossen sich in den Augen der revolutionären Burschen eben keineswegs aus. Das gelang jedoch nur, weil der von »teutonischer Virilität« beseelte Kampf gegen »Welschtum und Mosaismus« nicht zuletzt zugleich einer gegen das »Unmännliche« war. Anhand minutiöser Analysen des Symbolgehalts u. a. von Comment-Büchern, Liedern, Uniformen und Fahnen kann die Verfasserin, die offenbar jahrelang unermessliche Berge historischen Materials durchforstet hat, darlegen, wie in der verbindungsstudentischen »Manneszucht« die individuell anzustrebende Form kriegerischer Männlichkeit das Mittel zu dem Zweck liefert, die deutsche Nation im kollektiven Kampf gegen innere und äußere Feinde zu formen. Doch Feinde lauern nicht nur im Inneren des Reiches. Insbesondere müssen all die Regungen bekämpft werden, die die Tugenden der Kameradschaft und Treue, der Stand-, Ehr- und Wehrhaftigkeit zu unterminieren drohen, vor allem die sexuellen. Folgt man der Studie, so wird in Verbindungen seit je weit mehr über die Differenz und das Verhältnis der Geschlechter debattiert, als man als Außenstehender überhaupt glauben mag. Fast hat man den Eindruck, der Studentenbund sei in dieser Hinsicht die Vorform der Männergruppe. In den Entwürfen wilhelminischer Männerbündler ist indes mehr Wahres enthalten als in jeder Ideologiekritik, die vermeintlich »dahinter stehende« Interessen entlarven will. So zum Beispiel, wenn Heinrich Schurtz den Männerbund als den alleinigen Träger »höherer gesellschaftlicher Entwicklung« und Substanz des Staates bestimmt. Dergestalt imaginierte Identität basiert auf Verdrängung. »Wehe der Kultur, die sich den Frauen auslieferte!« heißt es etwa bei Hans Blüher, und weiter: »Der Mann, der sich hingibt, ist verloren.« Nicht in der weiblichen Sexualität erblickten die bündischen Männer die Gefahr, sondern darin, dass die »Hingabe« der Frau an ihre, also der Männer eigene Sexualität gemahnte. Gegen den Ansturm dieser Kräfte, so ließe sich folgern, musste das phallische, mehr oder weniger desexualisierte Regiment errichtet werden, dessen Vorkämpfer bekanntlich vor »Heldentodgeilheit« (Karl Kraus) nur so strotzten. Das Geheimnis wollte freilich gehütet werden. Beschwor man wie Blüher allzu offen die – zwar sublimierte, aber dennoch als solche auf das Physische des Triebes verweisende – mann-männliche Erotik als Basis des Männerbundes, so provozierte das verschärfte völkische Beobachtung und Verdammung. Steht Blüher für die schillernde Theoretisierung des Männerbundes, so wurde dieser in den Verbindungen vor allem gelebt und in der NS-Propaganda schließlich zum gesellschaftlichen Ideal erhoben: Weil in ihr das »Verhältnis zwischen Mann und Mann«, also die »Freundschaft als Lebensform« verkümmere, so zitiert die Autorin den NS-Pädagogen Alfred Bäumler, seien der Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft und die Begründung des Bundes dasselbe. Der Intention, die »Ambivalenzen des deutschen Zivilisationsprozesses« paradigmatisch an den Verbindungen als »zentralen sekundären Sozialisationsinstanzen« vor allem des Bürgertums aufzuzeigen, wird die Studie von Alexandra Kurth gerecht; die »Ambivalenzen« verwandeln sich am Ende in den »Ausdruck des Scheiterns«. Das zu Tage geförderte Material enthält zudem zahlreiche wichtige Anknüpfungspunkte für notwendige Debatten, die, wie es scheint, noch gar nicht so richtig begonnen haben. So zum Beispiel das Thema des Geschlechterverhältnisses des Antisemitismus. Dass Elias’ Theorie hierbei hilfreich sein kann, mag bezweifelt werden. Alexandra Kurth: Männer – Bünde – Rituale. Studentenverbindungen seit 1800. Campus Verlag, Frankfurt/ New York 2004, 29,90 Euro

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