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40 Jahre: Die Hand Gottes
Maradonas berühmtestes Foul
Die »Hand Gottes« war nicht nur ein Handspiel, sondern Diego Maradonas Revanche für den Falkland-Krieg.
Es ist irritierend. Wenn Kunst politisch ist, erwartet niemand begleitende und erläuternde Worte, die dem Bild, dem Film, der Musik oder dem Tanz beigefügt werden müssen, möglichst in eindeutig politischer Terminologie. Geht es aber um das Politische im Sport, wird genau das verlangt: eine Geste aus dem politischen Kampf, etwa eine in den Himmel gereckte Faust, ein Aufdruck auf dem Trikot oder, noch besser, eine gesprochene Erläuterung, was diese oder jene Aktion nun politisch macht. Die meisten sind es nicht gewohnt, eine Sprache des Sports zu lesen und zu erkennen.
Vor 40 Jahren erlebte die Welt des Fußballs etwas, das bis heute wirkt: Diego Armando Maradona, der argentinische Weltstar, erzeugte 1986 im WM-Viertelfinale gegen England einen Moment, der das Politische des Fußballs gezeigt hat, die Sprache des Sports.
Es war der 22. Juni 1986, es spielte sich im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt ab, vor Ort waren 114.580 Zuschauer, an den Fernsehern saßen Millionen. In der 51. Minute erzielte Maradona das 1:0 mit der »Hand Gottes«, in der 54. Minute gelang ihm das 2:0, später gewählt als »WM-Tor des Jahrhunderts«. Das Spiel endete 2:1 für Argentinien.
»Und das war die Revanche, das bedeutete (…) etwas von den Falkland-Inseln wieder zurückzuholen.« Diego Maradona in seiner Autobiographie über das WM-Viertelfinale gegen England 1986
Schon, dass das Spiel um 12 Uhr Ortszeit angepfiffen wurde, in der brütenden mexikanischen Mittagshitze, damit es zu einer günstigen Zeit in Europa übertragen werden konnte, gehörte zur Vorgeschichte dieses denkwürdigen Spiels. Eine noch wichtigere Vorgeschichte bildete der vier Jahre zuvor ausgetragene Krieg zwischen Großbritannien und Argentinien um die, auf Englisch ausgedrückt, Falklands beziehungsweise die, auf Spanisch ausgedrückt, Malvinas. Seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts war die südatlantische Inselgruppe unter britischer Kolonialverwaltung, doch Argentinien reklamierte sie schon lange als Teil seines Staatsgebiets. Im April 1982 besetzte argentinisches Militär dann die Inseln, doch die britische Armee eroberte sie zurück. Beinah 1.000 Tote waren in diesem Krieg auf beiden Seiten beklagen, im Juni 1982 war er zu Ende. Aus britischer Perspektive gilt es als letzter Kolonialkrieg, auf argentinischer Seite leitete die Niederlage zwar das Ende der Militärdiktatur ein, wurde aber auch als eine weitere koloniale Demütigung wahrgenommen.
Hintergrund: der Falkland-Krieg zwischen England und Argentinen
Entsprechend aufgeladen war das Viertelfinale zwischen England und Argentinien. In seiner Autobiographie schrieb Maradona: »Auch wenn wir vor dem Spiel sagten, dass Fußball nichts mit dem Falkland-Krieg zu tun hätte, so wussten wir doch, dass dort viele junge Argentinier gestorben waren, die von ihnen abgeknallt worden waren wie die Hasen.« Das Zitat – das ist bedeutsam – stammt aus der deutschsprachigen Ausgabe von Maradonas Autobiografie, wo wie selbstverständlich der Begriff »Falkland« verwendet wird. Im spanischsprachigen Original wird das Wort »Malvinas« verwendet. Maradona schreibt dort weiter über das anstehende Spiel gegen England: »Und das war die Revanche, das bedeutete (…) etwas von den Falkland-Inseln wieder zurückzuholen.«
Tatsächlich hatte Mannschaftskapitän Maradona selbst in der Ansprache kurz vor dem Spiel, bevor die Spieler hinaus auf den Platz gingen, gesagt: »Macht schon, macht schon, diese Hurensöhne (…) macht schon, dieser Haufen hat unsere Nachbarn getötet, unsere Verwandten, die Söhne von … « Sein Mitspieler José Luis »Tata« Brown berichtete später: »Ich dachte nur noch an Rache, indem ich dieses Spiel gewinne.«
So ging die argentinische Auswahl ins Spiel, so tauchte Maradona in der 51. Minute alleine vor Englands Torwart Peter Shilton auf, sprang hoch und erzielte das 1:0. Auch wenn es nicht alle sofort gesehen hatten – der Schiedsrichter beispielsweise sah nichts, und der Linienrichter sagte nichts –, es war ein Handspiel. In Maradonas Worten führte die »Hand Gottes« den Ball. Ein Begriff, der um die Welt ging.
Dabei war der Erste, der von der »Hand Gottes« sprach, übrigens gar nicht Maradona, sondern Néstor Ferrero, argentinischer Redakteur der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. »Nun, dann muss es wohl die Hand Gottes gewesen sein«, hatte Ferrero im Interview mit Maradona gesagt, nachdem dieser seinen Regelverstoß geleugnet hatte. Maradonas Antwort: »So muss es gewesen sein.«
Maradonas Vermächtnis und das WM-Tor des Jahrhunderts
Wie sich später herausstellte, hatte Maradona solche Tore sogar trainiert. Was Engländern (und im Grunde allen Europäern) als Betrug erschien, wurde in Argentinien (und im Grunde allen postkolonialen Fußballländern) anders wahrgenommen. Der argentinische Fernsehkommentator Víctor Hugo Morales hatte es sofort bemerkt. »Der Treffer wurde mit der Hand erzielt, das kann ich zweifelsfrei festhalten, aber ich will Ihnen auch sagen, was ich denke«, erklärte Morales, »Argentinien gewinnt 1:0 – und Gott möge mir verzeihen –, aber das 1:0 gegen England, durch ein Handspiel … Was soll ich dazu noch sagen?« Der Mann freute sich.
Mariano Siskind, Harvard-Literaturwissenschaftler, hat dieses Tor »c als mythische Figur in der Dritten Welt und dem Globalen Süden« genannt. Zwei Interpretationen dieses Tores gebe es, sagt Siskind. In Europa und den USA erkenne man darin nur Betrug, »aber in Lateinamerika, Afrika und der Dritten Welt betrachten sie es als eine Form, eine ehemalige Kolonialmacht zu demütigen, und als ultimativen Ausdruck von Gerissenheit oder Schläue«. Der Sportjournalist Christian Eichler schrieb zu diesem Viertelfinale: »Ein Spiel, das beides ist: Fußball als eine Form von Kunst. Fußball als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.« Und in einer soziologischen Studie zur kulturellen Bedeutung Maradonas heißt es, dass gerade die »Hand Gottes« zusammen mit dem folgenden und ebenso wichtigen 2:0 Maradona zu einem »globalen Symbol des antikolonialen Kampfes« gemacht habe.
Dieser zweite Maradona-Treffer, dreieinhalb Minuten nach der »Hand Gottes« erzielt, wurde 2002 bei einer von der Fifa durchgeführten Internetwahl zum »WM-Tor des Jahrhunderts« gewählt.
In der eigenen Hälfte bekam Maradona den Ball und lief auf das englische Tor zu. Einen Gegenspieler nach dem anderen spielte er aus, Finte an Finte, und nachdem er Shilton umlaufen hatte, spitzelte er den Ball quasi mit den Zehen ins Tor. Auch die englischen Experten waren begeistert. BBC-Kommentator Barry Davies, eben noch ob des Handspiels empört, rief aus: »Oh! Das war einfach großartig, das muss man zugeben. Gegen dieses Tor gibt es nichts zu sagen. Das war reines fußballerisches Genie.« Und Englands Stürmer Gary Lineker sagte später: »Mein Gott! Was für ein Tor! Ich sollte applaudieren. Er hat sich gegen all diese Spieler durchgesetzt.«
An der Genialität des zweiten Tores besteht kein Zweifel, aber gerade das Gesamtpaket dieses nicht nur fußballhistorischen Viertelfinalspiels macht deutlich, warum Diego Maradona bei so vielen Menschen als antikolonialer Rebell gilt.
Maradona als widersprüchliche Figur
Der 2020 verstorbene Maradona vereinte in sich unglaubliche Widersprüche. Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano sagte einmal: »Jeder kann in Maradona eine Synthese von menschlichen (oder zumindest männlichen) Schwächen erkennen: Frauenheld, gierig, Trinker, Betrüger, Lügner, Aufschneider, ein Mann ohne Verantwortung.«
Solche Widersprüche sind: einerseits Millionenverträge und ausschweifenden Partys, andererseits die Gründung einer Spielergewerkschaft. Einerseits die Mafia-Kumpanei, andererseits solidarische Aktionen, wie er sie etwa in seinem ersten Jahr beim SCC Neapel durchführte; da lehnte der Club seinen Vorschlag ab, ein Benefizspiel für ein Kind zu veranstalten, das dringend eine teure medizinische Behandlung benötigte, doch Maradona überzeugte seine Teamkollegen, organisierte alles, zahlte die fällige Versicherung aus eigener Tasche, das Spiel fand auf einem matschigen Platz neben dem Haus statt, wo die Familie des Kindes lebte, und es kamen 4.000 Zuschauer. Einerseits die Freundschaft zu Diktatoren und korrupten Politikern wie dem früheren argentinischen Präsident Carlos Menem, andererseits sein Bekenntnis zu linken Bewegungen. Und vielleicht das dramatischste, weil persönlichste Beispiel, die einerseits 2014 auf einem Handyvideo dokumentierte Gewalt gegen seine Freundin, dazu die Nichtanerkennung vieler unehelicher Kinder, andererseits sein in Europa kaum bekanntes Engagement für feministische Kampagnen für das Recht auf Abtreibung.
Er selbst sagte einmal: »Ja, ich bin links, ganz links, von Kopf bis Fuß, im Glauben. Aber nicht so, wie ihr in Europa das definiert. Ich will das Leben der Armen verbessern, dass wir alle Frieden und Freiheit haben.« Maradonas Widersprüche offenbarten sich in dem vielleicht größten Moment seiner ohnehin großen Fußballerkarriere, zwischen der 51. und 55. Minute des England-Argentinien-Spiels.
Dies war wohl einer der Momente, die man als »großen Sport« bezeichnet, wo ein Fußballspiel als Parabel einer postkolonialen Auseinandersetzung ausgetragen wurde, die von einer unglaublich großen Menge an Menschen als solche sofort verstanden wurde. So ist es wohl: Wenn es keine erläuternden und begleitenden Worte gibt, die einem Ereignis beigefügt werden, ist das Politische umso offensichtlicher.
