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Der Filmkurator Samuel Israel zeigt in Karlsruhe Filme aus Israel
»Die kloppen sich ja wegen allem«
Nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 gründete der Programmleiter der Kinemathek Karlsruhe, Samuel Israel, die Filmreihe »Masel Talk«. Sie zeigt konsequent israelische Filme – und spart dabei Konfliktträchtiges nicht aus.
So wie dem Programmleiter der Kinemathek Karlsruhe, Samuel Israel, ging es wohl vielen jüdischen Menschen außerhalb Israels nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023: »Ich hatte so ein bisschen Angst und Panik und wollte wissen: Was ist los mit meinen Leuten? Wie geht es denen?«, erzählt er im Gespräch mit der Jungle World.
Konfrontiert mit dieser Ohnmacht wuchs bei Israel, der damals bereits in der Kinemathek arbeitete, allerdings noch nicht als Programmleiter, der Wunsch, »irgendwas hier zu machen«. Dabei fiel ihm eine Lücke im Programm des Kinos auf: »Hier gibt es so viele Reihen. Wir haben Reihen über die verschiedensten Völker. Wir haben ein Farsi-Filmfestival. Aber wir haben nichts über Israel, nichts Regelmäßiges über Juden.«
Zusammen mit ehemaligen Kooperationspartnern wie dem Deutsch-Israelischen Freundeskreis Karlsruhe machte er sich daran, diesen Umstand zu ändern. Unter der Prämisse, »irgendwas Positives zu Israel« zu machen, entstand innerhalb kürzester Zeit die Filmreihe »Masel Talk«, die »jüdische Themen, Geschichte und Gegenwart ins Zentrum« stellt. Der Name der Reihe geht auf zwei Israelis zurück, mit denen Israel als Mitglied einer Gruppe Studierender der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg im Kino ins Gespräch kam. Als erster Film der Reihe wurde im November 2023 »The Boy« des israelischen Regisseurs Yahav Winner gezeigt.
Für den Kurator, der – wie er selbst sagt – eigentlich aus dem Genre-Kino kommt, wurde die Reihe zugleich zum Ansporn, sich intensiver mit der Filmgeschichte und -kultur von Israel zu beschäftigen, das seine Familie einst in Richtung Deutschland verließ: »Begonnen hat es dort tatsächlich mit klassischen Propagandafilmen, ähnlich wie die Propagandavideos in der Sowjetunion. Die Leute sollten herausgefordert werden, auf dem Kibbuz, in dem Land zu arbeiten. Als dann zum ersten Mal künstlerische Produktionen kamen, war das schon was Besonderes. Das ist eine reiche Filmhistorie, die ich jetzt auch mit der Reihe ein bisschen entdecke.«
Unglücklich ist Samuel Israel mit der Rolle, in die er durch die Unwissenheit und Naivität vieler Menschen gedrängt werde: »Ich meine, es ist tragisch, dass man ein Land so verteidigen muss.«
Seine Kenntnis sei davor eher bruchstückhaft gewesen, beschränkte sich etwa auf den schwarzhumorigen »Big Bad Wolves« (den Quentin Tarantino einmal zu einem der besten Filme der zehner Jahre erklärte) oder die sogenannten Bourekas-Komödien. »Das sind so Filme wie ›Eis am Stiel‹. Ganz platte Komödien – aber mit sehr viel Charme.«
Ein anderer Klassiker des nach einem israelischen Teiggericht benannten Genres, der in der Reihe lief, ist das Filmregiedebüt des Schriftstellers Ephraim Kishon mit dem Titel »Sallach Shabati« (deutscher Verleihtitel: »Sallah – oder: Tausche Tochter gegen Wohnung«). Der Film von 1964 erzählt die Geschichte des ursprünglich aus dem Jemen stammenden Juden Sallah, der nach seiner Auswanderung in den noch jungen jüdischen Staat erst einmal mit dessen Menschen und deren Gewohnheiten warm werden muss.
»Viele Filme aus der Zeit handeln von dem Konflikt zwischen den aus Europa eingewanderten Israelis und den Mizrahim, also zwischen Aschkenasim und Sephardim, die eine ganz andere Gesellschaft hatten. Es war so, dass die Aschkenasim in den Filmen quasi die Reichen und Gelehrten waren, aber auch so ein bisschen die Dödel. Und die Sephardim waren halt die Cleveren auf der Straße, die gearbeitet haben und diesen orientalischen Charme besaßen«, erläutert Israel. Selbst aus einer Familie von Mizrahim stammend, habe er auch zu Hause viel über diesen Konflikt erfahren. Er war auch der Grund, weswegen seine Familie damals Israel verließ.
Der Kurator kennt das Land und seine Konflikte daher gut. Unglücklich ist er mit der Rolle, in die er durch die Unwissenheit und Naivität vieler Menschen gedrängt werde: »Ich meine, es ist tragisch, dass man ein Land so verteidigen muss. Ich will das gar nicht. Ich will keine Länder verteidigen. Aber wenn es keinen Grund gäbe, würde ich es auch nicht tun. Dann würde ich es smashen, wo ich nur immer könnte. Aber die Geschichte von Israel ist eine besondere und komplizierte Geschichte. Ich verstehe, dass man, wenn man den Hintergrund nicht hat, da nicht unbedingt Bescheid wissen muss. Aber in Deutschland würde ich mir wünschen, dass vielleicht genauer hingeschaut wird – gerade wenn man von Staatsräson spricht.«
Wenn ein Programmleiter eines kommunalen Kinos Fragen zu den Kriegstaktiken der IDF beantworten soll
Seine Erfahrung sei eine andere: »Ich erlebe sehr viel Naivität, sehr viel Ignoranz.« Auch wenn er davon ausgehe, dass vieles »nicht böse gemeint« sei, sei er über die Jahre hinweg immer »dünnhäutiger« geworden, wenn es um sogenannte Israel-Kritik gehe: »Das bedeutet nicht, dass ich selber nicht auch meine Fragen habe. Aber im Kulturkontext will ich das einfach aussparen. Ich will keinen Raum für diese Kritik hier bieten, weil ich denke, dass das mittlerweile ein Symbolwort geworden ist für einen Hass.« Eigentlich, sagt Israel, würde er gerne über alles reden: »Ich bin ja auch für Meinungsfreiheit und hätte da gerne eine dickere Haut. Aber sobald jemand mit Kritik kommt, komme ich sofort in Erklärungsnot. Dann soll ich auf einmal die ganze Geschichte erklären – und das nervt mich.« Manchmal gehe das sogar so weit, dass man ihm als Programmleiter eines kommunalen Kinos Fragen zu den Kriegstaktiken der IDF stelle.
Umso verständlicher ist es, dass er inzwischen dazu neigt, sich bei den Veranstaltungen, die er allein kuratiert, sich ausschließlich der israelischen Filmgeschichte zu widmen – ohne »Israel-Kritik«, ohne große politische Debatten. Diese finden vor allem bei Kooperationsveranstaltungen statt, etwa mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Dort kann er sich auf die Expertise eingeladener Gäste verlassen. Entscheidend sei für ihn, »dass jemand sich vorbereitet hat mit einem Thema, das er besprechen möchte. Und dass man kompetent Fragen beantworten kann. Und kompetent Fragen ablehnen kann. Das ist mir am wichtigsten.«
Zu den bisher in der Reihe gezeigten Filmen gehören mit »Life According to Agfa« (1992), »Shikun« (2024) oder »Yes« (2025) allerdings auch solche, die mit dem israelischen Staat und seiner Gesellschaft hart ins Gericht gehen. Für den »Masel Talk«-Kurator gehören auch solche kritischen Filme selbstverständlich zur israelischen Perspektive. »Das ist eine sehr innerisraelische Debatte, die auch sehr gut ist. Was aber manchmal schwierig ist, weil es da ziemlich hart abgeht. Die kloppen sich ja wegen allem. Und hier geht es dann in eine ganz andere Richtung«, sagt er.
Darin zeigt sich die kuratorische Gratwanderung der Reihe: Einerseits will Israel das Land in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zeigen, andererseits besteht immer das Risiko, dass Außenstehende diese Kritik vereinnahmen und ins absolut Negative verkehren. Weil es sich bei den genannten Filmen zugleich um Arbeiten einiger der bedeutendsten Autorenfilmer Israels handelt – namentlich Assi Dayan, Amos Gitai und Nadav Lapid –, ist es für den Kurator noch selbstverständlich, diese zu zeigen. Sie seien es, für die kommunale Kinos wie die Kinemathek Karlsruhe da seien: »Filme, die für den internationalen Markt gedreht wurden, die künstlerischen Filme.«
»Ich schätze tatsächlich das meiste von den Filmen, die jetzt auch auf der Berlinale liefen, als dedizierte Propagandafilme ein. Aber ich möchte keine Propagandafilme zeigen.« Samuel Israel
Für Israel gibt es demzufolge keine engen inhaltlichen, ästhetischen oder politischen Leitlinien bei der Auswahl der Filme. Wenn ein Film interessant ist, wird er gezeigt. Eine Linie zieht er nur bei Filmen, die die Grenze zur Propaganda überschreiten: »Jetzt ist eine Zeit, in der viele Propagandafilme gedreht werden, die ich auch so nennen möchte. Ich schätze tatsächlich das meiste von den Filmen, die jetzt auch auf der Berlinale liefen, als dedizierte Propagandafilme ein. Aber ich möchte keine Propagandafilme zeigen.« Zudem sei bei den »propalästinensischen Filmen« oder Produktionen, bei denen »Palästina als Produktionsland dabei ist«, die er bisher gesehen habe, noch nichts Interessantes dabei gewesen.
Für ihn war daher auch schnell klar, dass er den kontrovers diskutierten »No Other Land« von 2024 nicht zeigen wird – was direkt die antiisraelische Bubble auf den Plan rief: »In dem Zusammenhang hatte ich ganz viele Anfragen. Warum wir den Film nicht zeigen? Das grenzte schon an Belästigung. Da kamen jeden Tag irgendwie zehn E-Mails.« So etwas habe er bisher »noch nie, bei nichts« im Zusammenhang mit der Programmgestaltung erlebt.
Am Ende habe sich das Ganze aber »auch in Grenzen gehalten«. Neben vereinzelten Anfeindungen auf Social Media gilt dies allgemein für den Kontakt mit der antizionistischen Szene. Der Polizeischutz, den die Deutsch-Israelische Gesellschaft bei allen Veranstaltungen mit ihrer Beteiligung beantragt, wurde bisher zum Glück noch nicht praktisch benötigt.
Mittlerweile kann Israel voller Stolz behaupten, dass »Masel Talk« die bisher langlebigste Reihe in der Kinemathek ist. Ideen für deren Zukunft hat er schon viele: »Es gibt zum Beispiel eine Phase, die mich sehr interessiert, an die ich noch nicht rangekommen bin. Ich glaube, es waren die siebziger oder achtziger Jahre, in denen das israelische Kino den Palästinenser entdeckt hat und sich um dessen Situation gekümmert hat. Da gibt es eine ganze Reihe von Filmen, Gefängnisfilme. Das ist etwas, was ich noch gar nicht kenne, auf die ich mich aber gerne konzentrieren würde, denn da sollen ganz schöne Klassiker darunter sein.«
Israels Begeisterung für Nadav Lapid (»Seine vergangenen Filme fand ich alle großartig. Ich denke, er ist einer der größten israelischen Regisseure aktuell«) soll zukünftig genauso viel Raum eingeräumt werden wie den Filmen neuer aufstrebender Regisseure wie Dani Rosenberg oder Tom Shoval. Ebenso kann Israel sich vorstellen, sein Themenfeld ein wenig zu öffnen – sich zum Beispiel mehr der deutsch-jüdischen Geschichte oder der Tradition des jüdischen Humors im Kino zu widmen. Und so langsam fühlt er sich auch immer mehr bereit, sich durch die Filme zu wühlen, die sich mit dem Massaker vom 7. Oktober beschäftigen. Das Netzwerk aus hiesigen sowie internationalen Verleihern und Produzenten, das er sich über die Jahre hinweg aufgebaut hat, hat bereits einige dieser Filme im Portfolio.
So gut es um die Zukunft seiner Reihe auch bestellt ist, in Sachen Antisemitismus und Israel-Hass in der Filmbranche macht der Kurator sich dennoch keine falschen Hoffnungen: »Es geht einfach so weiter. Ich denke schon, dass es ein Problem gibt bei dem, was man Kulturelite nennen darf. Die irgendwie jetzt ein Thema haben, das sie unbedingt ganz knallhart, ohne Erbarmen besprechen möchten.«
