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Sarah Bernsteins »Übung in Gehorsam«

Die Fremde

Buchkritik von

Sarah Bernsteins Roman »Übung in Gehorsam« ist verstörend, verfehlt aber dabei nicht sein Ziel.

Sarah Bernsteins Roman »Übung in Gehorsam« handelt von einer namenlosen Erzählerin, die an einen namenlosen Ort reist. Sie ist dort, um sich um ihren Bruder zu kümmern, der später unter ihrer Obhut schwer erkrankt. Es gibt keine Dialoge, alles ist aus der Perspektive der jungen Frau erzählt.

Der Leser erkennt, dass sie jüdisch ist – auch wenn das Wort nie verwendet wird – und vermutet, dass sie (wie die Autorin) aus Kanada stammt. Das Land, in das die Erzählerin zieht, ist das Herkunftsland ihrer Vorfahren, wo diese verachtet und schließlich, wie es heißt, »in Gruben gesteckt« wurden. Wie ein Gespenst spukt die Erzählerin durch die Stadt, fährt nachts Fahrrad, wandert zu Fuß durch die Landschaft und hinterlässt seltsame, gewebte Puppen an den Häusern der Einheimischen. Plötzlich geschehen im Dorf unheimliche Dinge; es gibt Missernten, Tiere verenden. Die sich häufenden Unglücksfälle werden der Fremden angelastet.

»Übung in Gehorsam« ist ein Roman, den man nicht so schnell vergisst. 

Dieser düstere und oft verstörende Roman ist vermutlich nicht für jeden geeignet. Es ist fast quälend, bei der Lektüre im Kopf der Erzählerin gefangen zu sein. Sie treibt Empathie und Selbstaufgabe bis zu ihrem (un)logischen Ende, indem sie sich selbst – als eine schmerzhaft erniedrigte Figur – und die ermordeten Vorfahren durch die Augen der Täter sieht: schuldig und des Todes wert. Gleichzeitig ahnt man, dass sie selbst eine Art Täterin ist, die nicht nur die Stadtbewohner, sondern auch ihren kranken, bewegungsunfähigen Bruder terrorisiert; man denkt hier an Kathy Bates in der Verfilmung von Stephen Kings »Misery«.

»Übung in Gehorsam« ist ein Roman, den man nicht so schnell vergisst. Sarah Bernstein gelingt es, psychologisch auszudeuten, wie Projektionen, Kleinstadtenge und Ängste die Figur einer Fremden konstruieren, sie als Bedrohung erscheinen lassen und schließlich aus der Gemeinschaft ausschließen.

Sarah Bernstein: Übung in Gehorsam. Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2025, 208 Seiten, 22 Euro