Trotz Protesten wurde das albanische Nationaltheater in Tirana abgerissen

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Kürzlich wurde in Tirana das albanische Nationaltheater abgerissen. Im Kampf gegen den Abriss entstand eine für das Land neuartige Protestbewegung.

Am 17. Mai schlug noch vor Sonnenaufgang ein Bagger seine Schaufel in die Fassade des Albanischen Nationaltheaters in Tirana, die sofort einstürzte. Das 1939 unter italienischer Besatzung errichtete Gebäude wurde unter Polizeischutz dem Erdboden gleichgemacht. In jüngerer Zeit wurden schon andere historisch bedeutsame Gebäude in Tirana abgerissen. Das ebenfalls 1939 errichtete Qemal-Stafa-Stadion verschwand 2016. Immer mehr historische Wohngebäude müssen dem Bau von Hochhäusern weichen.

Die Allianz zum Schutz des Theaters kritisierte auch die Privatisierung öffentlichen Eigentums, die Zerstörung öffentlichen Raums sowie den Autoritarismus der albanischen Regierung.

Das Nationaltheater stellte jedoch einen Sonderfall dar. Der Abriss beendete eine zweijährige Auseinander­setzung um das Gebäude. Anfang 2018 hatte Albaniens Ministerpräsident Edi Rama von der Sozialistischen Partei (PS) den Abriss angekündigt (Jungle World 16/2018). Anstelle des Nationaltheaters sollte eine der Regierung nahestehende Baufirma Hochhäuser und ein neues Theater nach Plänen des dänischen Architekten Bjarke Ingels errichten. Dieser hat sich einen Namen als Architekt auffälliger, als utopisch bezeichneter Bauwerke gemacht, die die Inwertsetzung städtischen Raums mit einer Rhetorik des Fortschritts und der Nachhaltigkeit verbinden. In dem Bauprojekt verbindet sich denn auch die brutale und profitorientierte Umgestaltung der albanischen Hauptstadt mit dem Interesse des autoritär regierenden Rama, der sich gern als Künstler und Freigeist inszeniert und sich hier ein Denkmal als radikaler Modernisierer setzen will.

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Nach der Veröffentlichung der Pläne gründeten Theaterschaffende und Intellektuelle die Aleanca për Mbrojtjen e Teatrit (AMT, Allianz zum Schutz des Theaters). Diese thematisierte nicht nur die historische und kulturelle Relevanz des Gebäudes, sondern kritisierte auch die Privatisierung öffentlichen Eigentums, die Zerstörung von Umwelt und öffentlichem Raum sowie den Autoritarismus der Regierung. Die AMT entwickelte sich zu einer für Albanien neuartigen zivilgesellschaftlichen Protestbewegung. Mit Mahnwachen und einer Besetzung versuchten ihre Mitglieder, das Gebäude zu schützen.

Im März nahm der internationale Denkmalschutzverband Europa Nostra das Theater in seine Liste der sieben am meisten gefährdeten Baudenkmäler Europas auf. Marija Gabriel, die EU-Kommissarin für Kultur, rief dazu auf, dieses »kulturelle Erbe« zu erhalten. Doch Hoffnungen auf Rettung des Theaters wurden enttäuscht. Während der pandemiebedingten Ausgangssperren, die in Albanien besonders hart ausfallen, wurde das Grundstück an die Kommune von Tirana übertragen. Deren Bürgermeister Erion Veliaj (PS) sprach sich dagegen aus, das Gebäude zu erhalten. Der Stadtrat beschloss den Abriss am 14. Mai, drei Tage später räumten Polizisten gewaltsam das Theater, in dem Aktivistinnen und Aktivisten übernachteten.

Nach dem Abriss äußerten Vertreter verschiedener europäischer Staaten ihr Missfallen über den Vorgang. Der deutsche Botschafter in Albanien, Peter Zingraf, sagte am 17. Mai: »Der eilige Abriss des Nationaltheaters in Tirana heute im Morgengrauen ist für mich in der Form, wie wir ihn gesehen haben, schwer nachvollziehbar. Gerade im aktuellen Ausnahmezustand sind Dialog zwischen Regierung und Zivilgesellschaft sowie transparentes Regierungshandeln besonders wichtig.« Das Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Tirana geißelte den Abriss als »autokratische Maßnahme im Schatten von Corona«. Das christdemokratische Engagement hat Gründe: Die mit CDU und CSU in der Europäischen Volkspartei verbündete Partia Demokratike (PD) hatte sich an den Protesten gegen den Abriss des Theaters beteiligt. Ihr Vorsitzender Lulzim Basha und die AMT gingen im Juli 2019 sogar eine strategische Partnerschaft ein. Redi Muçi von der linken politischen Gruppe Organizata Politike (OP), die die Proteste gegen den Abriss ebenfalls unterstützte, kritisiert das im Gespräch mit der Jungle World als »strategischen Fehler«. Die AMT habe versucht, »das Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten zu kippen, indem sie Führer der Oppositionsparteien einlud, sich an den Protesten zu beteiligen«. Sie habe gehofft, »deren Fähigkeit zur Mobilisierung ihrer Anhänger würde beim Schutz des Gebäudes ­helfen«. Dadurch sei der Protest in den Augen vieler allerdings kompromittiert worden. Der AMT sei vorgeworfen worden, sich von den Oppositionsparteien instrumentalisieren zu lassen.

Tatsächlich dürfte es der PD vor allem darum gegangen sein, die Auseinandersetzung um das Theater für ihren andauernden Machtkampf mit der Regierung zu nutzen. Die politischen und ökonomischen Verhältnisse, die sich in der Verwüstung des Stadtbilds von Tirana niederschlagen, hat die PD mitzuverantworten. Den Abriss des Qemal-Stafa-Stadions beispielsweise hatte die Regierung von Ramas Vorgänger Sali Berisha (PD) in die Wege geleitet.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Erfahrungen des Kampfs um das Theater auf künftige Bewegungen in Albanien auswirken werden. Sicher ist, dass die politischen und ökonomischen Missstände, die am Beispiel des Nationaltheaters deutlich wurden, viele Menschen in Tirana wie im Rest des Landes betreffen.