Notizen aus Neuschwabenland, Teil 39 – Copy & Paste mit Caroline Sommerfeld

Die Fehler der Kopistin

Kolumne Von

Zum Weihnachtsfest wird beim neurechten Verlag Antaios Weltanschauung in klingende Münze verwandelt. Der Boom am rechten Rand der Politik beglückt den Eigentümer Götz Kubitschek mit öffentlicher Aufmerksamkeit und Umsatz. Sein Versandhandel vertreibt must-haves für den nationalistischen Bücherschrank, häufig aus eigener Produktion. In den Artikeln der hauseigenen Zeitschrift Sezession werden die Verlagsprodukte zur Standardlektüre erklärt, ein bewährtes Verfahren, von dem schon Gerhard Freys National-Zeitung lebte. Was hier Geschäft und was Überzeugung ist, lässt sich kaum mehr trennen. Diese Selbstreferentialität nimmt mitunter komische Züge an, etwa wenn die dünnen ideologischen Erzeugnisse des Verlags zu Fachliteratur erhoben werden. Der ohnehin überschaubare Kreis der Autoren der Sezession hofiert sich so erfolgreich selbst. Das erinnert an den Gerhard-Löwenthal-Preis, den die Wochenzeitung Junge Freiheit fast ausschließlich an eigene Autoren verleiht, die sich dann als preisgekrönte Journalisten vorstellen.

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Caroline Sommerfeld, eine Autorin der Sezession, hat diese Selbsterhöhung perfektioniert. Dank ihrem alternativen Touch, einer philosophischen Dissertation und der Ehe mit dem bekannten Germanisten Helmut Lethen konnte sie zur neurechten Vorzeigeintellektuellen aufgebaut werden. Die durch den Namen ihres Gatten generierte mediale Aufmerksamkeit hat sie für den Verlag zu einer idealen Werbeträgerin gemacht. Die »Mutter von drei Kindern« mit einem Abschluss in Hochbegabtenpädagogik, wie sie vorgestellt wird, inszeniert sich als Erleuchtete. Für die Wahrheit, so die Botschaft der fundamentalistischen Anthroposophin und Katholikin, scheue sie weder Verfemung noch Martyrium. Da ihr altes Umfeld mit ihr brach, als sie sich den Wiener »Identitären« anschloss, schlüpfte sie gekonnt in die Opferrolle.

In Ausgabe 92 der Sezession hat Sommerfeld unter dem Titel »Das unsichtbare Böse« wieder eines ihrer philosophisch verbrämten Traktate publiziert. Sie schreibt über einen völkerfressenden »Big Other«, der hinter den Umbrüchen der Zeit schalte und walte. Dafür zieht sie Jean Raspails Roman »Das Heerlager der Heiligen« heran, eine dystopische Überfremdungsphantasie aus den siebziger Jahren, die von Antaios erfolgreich neu aufgelegt wurde. »Big Other«, zitiert sie Raspail, sei sowohl der »Fremdling« als auch der »Allesüberwachende«, dem eine ganze Heerschar von »Medienmachern, Show-Biz-Leuten, Künstlern, Menschenrechtlern, Akademikern« und weiteren Vertretern der Zivilgesellschaft bis hin zu den NGOs diene. Mit dem Stichwort der »Stellvertreterminoritäten« wird zudem ein Antaios-Bändchen von »Sophie Liebnitz« aufgerufen, hinter dem Pseudonym versteckt sich dem Blog »Achse des Guten« zufolge die Literaturwissenschaftlerin Bettina Gruber. Als dritte Referenz dient das verschwörungsideologische Büchlein »›Neue Weltordnung‹ – Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie?«, das der Szeneautor Manfred Kleine-Hartlage 2011 bei Antaios veröffentlicht hat. Diesem Gebräu verdankt Sommerfeld ihre schon transzendente Erkenntnis: Im Kampf gegen »diffuse, abstrakte Eliten« habe man es nicht einfach mit einem Feind zu tun, »sondern mit dem Bösen auf einer höheren Ebene«.

Wichtigste Masche der Autorin ist wie stets ihr doktorandenhaftes namedropping. Von Niklas Luhmann zu Carl Schmitt braucht sie nur einen Satz, bei Platon borgt sie das Bild des »großen Tieres«, dem es sich zu erwehren gelte. Kurz darauf nimmt sie Immanuel Kant, den italienischen Renaissance-Philosophen Pico della Mirandola und die französische Mystikerin (und Antifaschistin) Simone Weil in Anspruch. Leonard Cohen, Ludwig Wittgenstein und Thilo Sarrazin laufen ebenso durchs Bild wie Hans Magnus Enzensberger und George Spencer Brown. Dabei nimmt Sommerfeld es mit den Zuordnungen nicht immer genau. Die Rede von den globalen »Anywheres« und den lokal verhafteten »Somewheres« schreibt sie vor lauter Begeisterung über den eigenen Diskurs dem AfD-Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland zu, der sich dabei aber auf den britischen Publizisten David Goodhart berufen hatte.

Am Ende all dieser Bildungsdemonstration steht Sommerfelds übliche völkisch-identitäre Prämisse: Durch das Böse »wird mein Gemeinwesen zerstört, mein Volk, meine Heimat, mein Ort«. Für sie sind »Globalismus« und »freie Migration von Menschen« ein »Angriff auf das Wesen des Volkes an sich«. Der Befund schreit nach der Tat: »Dies muss verhindert werden, nicht bloß hinausgezögert. Bei Strafe des Untergangs. Diesen Zusammenhang nicht nur nicht zu bemerken, sondern sich in seinen Dienst zu stellen, ist genau das, was das große Tier einfordert.«

Trotz abstrakter Metaphorik kommt auch sie nicht ohne Personalisierung aus und fällt ins Geraune nach Muster der »Protokolle der Weisen von Zion«: In ihrem Konstrukt dient der 1974 verstorbene jüdische US-amerikanische PR-Spezialist Walter Lippmann als eine der Schlüsselfiguren jener »Neuen Weltordnung«, die auf Manipulation durch »globalistische« Eliten fuße. Neben seinen antisemitischen Implikationen ist der Text in hohem Grad plagiatorisch. Nahezu die gesamte Darstellung von Lippmans Medien- und Demokratietheorie, etwa eine Drittelseite des insgesamt siebensei­tigen Artikels, steht fast identisch seit 2008 auf Wikipedia. Die Verkünderin hoher Botschaften arbeitet also nicht nur mit extrem heißer Luft, sondern zeigt sich auch hochbegabt beim copy and paste. Das ist zwar konsequent, schließlich ist die Neue Rechte ein Plagiat der zwanziger und dreißiger Jahre, für eine Autorin, die sich zur Protagonistin einer kommenden Elite stilisiert, jedoch hochgradig peinlich. In ihrer Simulation von Bedeutung wird der Kern der »Rechtsintellektualität« offensichtlich. Es wäre wünschenswert, wenn dieses Beispiel auch dem staunenden bürgerlichen Feuilleton die Hemdsärmeligkeit neurechter Theorieproduktion vor Augen führte.