Der letzte linke Kleingärtner – die Hühner und das Klima

Klimaschutz ist Hühnersache

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 55.
Krauts und Rüben Von

Mein Gemüsegarten atmet auf. Die Wetterextreme wie sengende Hitze und lange Trockenheit haben sich gelegt. Die Temperatur ist sommerlich, aber weit von 40 Grad entfernt. Und auch wenn die Böden an vielen Stellen in Europa viel zu trocken sind, hat der gelegentliche  Regen zumindest hier für Entspannung und bei Bohnen, Kartoffeln, Zucchini, Gurken und Salat für nachholendes Wachstum gesorgt. Man ist schon mit wenig zufrieden.

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Meine fünf Hühner, denen die Hitze schwer zu schaffen machte, gehen wieder einer geordneten Tätigkeit nach, Tag für Tag, zwölf Stunden lang. Sie legen Eier, scharren den Boden frei, vertilgen Schnecken und Engerlinge und schließlich düngen sie den Boden mit ihren Ausscheidungen. Der 12-Stunden-Hühnertag ist normal, weil ich keine Hühnergewerkschaft in meinem Imperium dulde. Jüngst litt jedoch die Hühnerdisziplin merklich. Immer wieder gelang es zwei oder gar drei Hühnern, das Gehege zu verlassen und an Stellen im Garten herumzuscharren, die nicht für sie vorgesehen sind. Zunächst nahm ich an, sie hätten sich unter dem Zaun durchgewühlt. Denn drüberflattern können sie nicht, weil ich ihnen ordentlich die Flügel gestutzt habe – das dachte ich zumindest. Aber nicht jeder Gedanke eines Kleingärtners ist – hier passt die Redewendung – das Gelbe vom Ei. Entweder hatte ich die Flügel nicht ausreichend gestutzt oder sie sind schneller nachgewachsen als erwartet. Mittlerweile habe ich die Flügel noch einmal gestutzt. Seither läuft das Hühnergetue wieder in den von mir bestimmten Bahnen. Ich brauche keine Mitarbeiter, die ihr Leben eigenständig gestalten. Das führt zu nichts.

Es ist übrigens noch ein wenig Platz im Hühnerstall. Vielleicht sollte der letzte linke Kleingärtner der Weltöffentlichkeit – drunter macht es ein Kleingärtner ja nicht – den Vorschlag unterbreiten, Greta Thunberg Unterschlupf zu gewähren, und zwar bei den Hühnern. Freilich müssten all die wichtigen Typen, denen dieses Girlie so außerordentlich auf den Keks geht, eine ordentliche Gebühr dafür zahlen – und was diese Leute nicht wüssten: Thunberg dürfte beim Kleingärtner einfach ein wenig ausspannen, auf der Terasse die Beine hochlegen, den Hühnern beim Gackern und den Pflanzen beim Wachsen zuschauen. Es ist schon auffallend, wie viele Männer nicht damit klarkommen, dass eine 16jährige, noch dazu aus dem Ausland, vor den Mikrophonen steht, vor denen sie offenbar selbst gern stünden. Aber irgendwie kann gerade ein Kleingärtner das Geraune von konservativ bis links gut verstehen: Wer lässt sich schon gerne als gestandener Mann von einem Mädel die Welt erklären? Das blickt ja noch nicht einmal, was Abseits im Fußball ist.

Der letzte linke Kleingärtner würde jedenfalls in die Bresche springen. Das wäre ein guter Dienst an Thunberg, die sich vom vielen Trubel erholen könnte; ebenso für mich wegen des Geldes; für meine Hühner, die dann mehr Gesellschaft hätten; und fürs Klima wäre es auch gut. Warum fürs Klima? Das weiß ich nicht, aber das sagt man zurzeit so. Ich bin mir sicher, im Garten wäre Thunberg gut aufgehoben. Ich bin bereit und nehme Gebote entgegen.

Wenn wir schon beim Klima sind: Das Gründungsdokument der Bewegung »Fridays for Future« stand übrigens am 5. April 2018 an dieser Stelle in dieser Zeitung. Es handelt sich um die Nummer 36 der Gartenkolumne mit der visionären Überschrift »Klimaschutz und große Gefühle«. Nachdem die Handlungsanweisungen des Kleingärtners (organisieren und Apfelwein trinken) in verschiedene Sprachen übersetzt worden waren, ging es Ende 2018 mit dem weltweiten Öko- und Weltuntergangsklimbim der Schüler los (allerdings ohne Apfelwein). So muss es gewesen sein. Wie sollten die sonst in der Lage gewesen sein, sich ein Programm zu geben, das medial und politisch über den Tag hinausweist? Da musste jemand ran, der das kann. Mir sind die Schülerökos sehr sympathisch: Sie gehen aufs Ganze und retten die Welt vor dem Untergang. Drunter machen sie es nicht. Das hat etwas von epischer Größe und gefällt dem deutschen Gemüt – wie die Tätigkeit des Kleingärtners, der bekanntermaßen die ganze Welt ernährt. Das ergänzt sich wunderbar. Denn wo bliebe meine Bedeutung für die Menschheit, wenn die Menschheit vorher den Bach runtergeht?