Laborbericht

Frauen ins All

Frauen in der Raumfahrt? In den USA ist das längst normal. Doch bis heute war keine deutsche Frau im Weltall.
Kolumne Von

Es wäre eine Premiere gewesen: Die Astronautinnen Anne McClain und Christina Koch sollten den ersten ausschließlich von Frauen durchgeführten Außeneinsatz an der Internationalen Raumstation (ISS) absolvieren. Bei einer solchen Operation muss jedoch wirklich alles stimmen – auch die Größe des Raumanzugs. Und daran haperte es: Der gemeinsame Einsatz wurde abgesagt, weil beide einen Anzug in mittlerer Größe (Medium) benötigt hätten, auf der ISS jedoch nur einer davon einsatzbereit ist.

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Es wäre verlockend, in die allgemeine Kritik à la »mit mehr Frauen in der Missionsplanung wäre das nicht passiert« einzustimmen, die diese Meldung in den sozialen Medien begleitete. Das mag zwar ins Welt­bild passen, nicht aber zur Faktenlage. McClain hatte auf der Erde sowohl in Anzügen mittlerer als auch großer Größe (Large) trainiert; man war davon ausgegangen, dass ihr im All das große Modell besser passen würde, weil Menschen in der Schwerelosigkeit ein paar Zentimeter zulegen. Der Größenzuwachs fiel dann einfach nicht so stark aus wie erwartet. Einem männlichen Kollegen hätte das Gleiche passieren können.

Also Friede, Freude, Geschlechtergerechtigkeit im Weltall? Jein. Tatsächlich verzeichnet zumindest die Nasa in der Astronautenausbildung inzwischen einen Frauenanteil von fast 50 Prozent. Derzeit stellen Koch und McClain unter den US-Bürgern an Bord der ISS sogar eine weibliche Zweidrittelmehrheit, und mittlerweile dürfte sich die Nasa mit den spezifischen Bedürfnissen von Frauen auch besser auskennen als zur Zeit der ersten US-Astronautin Sally Ride, die gefragt wurde, ob 100 Tampons die richtige Anzahl für einen einwöchigen Space-Shuttle-Flug seien.

In Russland ist Gleichstellung dagegen offenbar kein Thema: Zwar durfte sich die UdSSR 1963 der ersten Frau im All, Walentina Teresch­kowa, rühmen; ihr folgten in den mehr als 50 Jahren danach allerdings gerade einmal drei weitere Kosmonautinnen. Nachholbedarf hat auch Europa, bisher haben lediglich eine Britin, eine Französin und eine Italienerin an Missionen auf der russischen Station Mir beziehungsweise der ISS teilgenommen. ­Deutsche Raumfahrerinnen gibt es bislang keine. Im Rahmen der privaten Initiative »Die Astronautin« trainieren allerdings Suzanna Randall und Insa Thiele-Eich für einen Raumflug.

Rekrutiert werden derzeit auch »terrestrische Astronautinnen«: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sucht Probandinnen, die einfach nur zwei Monate im Bett liegen müssen – mit leicht nach unten geneigtem Kopfende; zwischendurch die Beine vertreten ist nicht drin. Also nicht unbedingt der Traum­job, nach dem es auf den ersten Blick aussieht, aber wichtig, um die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den Körper zu simulieren und herauszufinden, ob es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Noch bis Mitte Mai können sich Nichtraucherinnen im Alter von 24 bis 55 Jahren beim DLR bewerben.

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