Ein neuer Sammelband zu Rassismus in Deutschland trivialisiert seinen Gegenstand

Maximal zahnlos

Der Sammelband »Eure Heimat ist unser Alptraum« will schonungslos Rassismus und Antisemitismus in Deutschland kritisieren, liefert aber stattdessen Verharmlosungen und Übertreibungen.

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Gegen diese banale Zustandsbeschreibung wehrten sich Rechte und Rechtsextreme jahrelang. Vergeblich natürlich, die hiesige Bevölkerung ist zu einem nicht geringen Anteil migrantisch. Wer das nicht aushält oder gar meint, zweifelsfrei bestimmen zu können, was deutsch sei, ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Die gesellschaftspolitischen Debatten und Veränderungen hierüber wirken unweigerlich auf diejenigen zurück, deren Familien oder Elternteile einst in die Bundes­republik oder in die DDR eingewandert sind. Sie ziehen daraus unterschiedliche Konsequenzen. Viele wollen nicht über ihre Herkunft wahrgenommen werden, was mittlerweile als »postmigrantische« Subjektivität bezeichnet wird. Andere pflegen dementgegen einen Minoritätsstatus, was oftmals mit der Selbststilisierung als Opfer einhergeht.

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Ein Dokument von migrantischem Opferhabitus ist der kürzlich von der Taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah und der Schriftstellerin Fatma Aydemir herausgegebene Sammelband »Eure Heimat ist unser Alptraum«. Anlässlich der Umbenennung des Bundesministeriums des Inneren, das seit 2018 den schrägen Zusatz »für Bau und Heimat« trägt, schreiben in dem Buch 14 Autorinnen und Autoren mit migrantischer und beziehungsweise oder jüdischer Familiengeschichte über ihr Leben in Deutschland. Der Ullstein-Verlag hat »schonungslose Perspektiven auf eine rassistische und antisemitische Gesellschaft« angekündigt. Wer das erwartet hat, wird allerdings nach wenigen Seiten enttäuscht. Das analy­tische Niveau ist überwiegend dürftig, der aufklärerische Wille nachrangig, die politische Vision fragwürdig. Es gibt nur wenig Erkenntnis, dafür aber viel Wirbel um Diversität. Die Beteiligten feiern sich selbst: »Für uns« lautet die vorangestellte Widmung. Folgerichtig geht es anschließend bevorzugt um das als »anders« empfundene Sosein, das unter vielen emo­tionalen Teilaspekten ausgebreitet wird. Dass dabei mitunter mehr empfunden als gedacht wird, dürfte erklären, weshalb einige Autoren nicht über das Jargonisieren hinauskommen.

Politisch ist »Eure Heimat ist unser Albtraum« deshalb so trivial, weil hier der Mainstream der Minderheiten spricht. Nichts an diesem Sammelband ist rebellisch, nichts mutig. Nichts tut weh, nichts rüttelt auf. Das Buch ist so vorhersehbar wie die migrantischen Figuren in der »Lindenstraße«, so erhellend wie ein Critical-Whiteness-Seminar und so subversiv wie der Karneval der Kulturen. Das Zielpublikum wird unterhalten.

Der Journalist Deniz Utlu spricht zum Beispiel von der »Perspektive des Empowerments«, was offenbar die Hoffnung auf das Besserfühlen im Schlechten meint. Veränderungen beginnen jedoch mit selbstbewussten Antworten auf dumme Sprüche im Alltag, mit Rechtsbeistand und Öffentlichkeit sowie einem Bewusstsein dafür, dass man nicht alleine ist. All das gab es allerdings schon einmal, und es war bei weitem scharfsinniger als das, was in »Eure Heimat ist unser Albtraum« vorgelegt wird.

Nichtidentitätspolitische Zusammenschlüsse wie Die Unmündigen, Kanak Attak oder Café Morgenland, die in den neunziger Jahren rassistischen Zuständen den Kampf ansagten, ohne in eine Dichotomie des Wir/Ihr plus Selbstviktimisierung zu verfallen, können sich die hier Schreibenden offenkundig gar nicht mehr vorstellen. Dass diese Gruppen verschwiegen werden, dürfte vor allem damit zu tun haben, dass sie ihren Nachfolgern in Sachen Gesellschaftstheorie, Analysevermögen, Provo­kation und Spaß um Längen voraus waren. Yaghoobifarah, Aydemir und Co. würden im Vergleich, was Originalität und Aufsässigkeit anbelangt, sehr schlecht abschneiden. Ihren Band dominiert der gefühlige Tonfall, der häufig von narzisstischen Projektionen verstärkt wird. Statt verbal in die Offensive zu gehen, wird lieber intersektional gegreint und entstellt.

Immer wieder tauchen Formulierungen auf, die pauschalisieren, wo Genauigkeit gefragt wäre. »Es wird mehr Verständnis für weiße Verbrecher und Mörder aufgebracht als für schwarze Jugendliche, die gegen keine Gesetze verstoßen haben«, schreibt Sharon Dodua Otoo in einer für den Band typischen, grobschlächtigen Polarisierung, die das Anliegen der Schriftstellerin unweigerlich konterkariert. Aydemir wiederum schreibt, dass Geld »nach Rassismus das zweitgrößte Tabuthema der Deutschen« sei, obwohl im zurückliegenden Vierteljahrhundert erheblich an diesem Ideologem gerüttelt wurde. Es gibt Kampagnen gegen Rassismus im Fußball, Initiativen wie »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage«, und »Diversität« ist zu einem institutionellen Schlüssel­begriff aufgestiegen. All das kann in seiner Effektivität angezweifelt oder als politische Pädagogik kritisiert werden; es zu unterschlagen, ist jedoch das Vortäuschen falscher Ge­gebenheiten. Im Falle einer tatsächlichen Tabuisierung wäre »Eure Heimat ist unser Albtraum« zudem in einem Kleinstverlag erschienen, nicht bei Ullstein.

Absurd ist auch Olga Grjasnowas Bemerkung, migrantische Individuen würden nur dann Medienpräsenz genießen, »wenn sie die ›richtigen‹ Thesen vertreten, also den Islam kritisieren, mahnen und warnen wie etwa Hamed Abdel-Samad oder – als sein weibliches Gegenstück – Necla Kelek«. Die üppige Sendezeit für Ayman Mazyek, Khola Maryam Hübsch, Fatih Zingal und Kübra Gümüşay im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verschweigt die Schriftstellerin genauso wie die einschlägig bekannten TV-Darbietungen des Salafistenpre­digers Hassan Dabbagh, des Ditib-Funktionärs Murat Kayman und des Politikers Haluk Yildiz, vom sogenannten Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit. Dass Grjasnowa trotzdem an das Gegenteil glaubt, ist dem unterkomplexen Grundge­danken des Bandes geschuldet. Die Autorinnen und Autoren behaupten eine repressive Dauerrealität, der sie immer und überall ausgeliefert ­seien. Daraus folgern sie: Alle (Deutschen) sind irgendwie rassistisch, nur sie nicht – oder vielleicht doch auch ein bisschen, wie sich der Leiter des Kulturressorts von Spiegel Online, Enrico Ippolito, gedacht haben mag, dessen Essay mit einer selbstbeschämenden Ansage endet, die auf Critical-Whiteness-Kontakt schließen lässt: »Natürlich ist er, bin ich, der Spaghettifresser, ein Rassist.« Auch weitere Beiträge fallen mit Übertreibungen auf, die eine genaue Beschäftigung mit Rassismus verweigern. Während sich die Bloggerin Nadia Shehadeh durch »Mikroaggressionen« bedrängt fühlt, die sie angeblich »wie ein Tinnitus« drangsalierten, heißt es bei Aydemir weitaus dramatischer, die AfD könne »uns unser Existenzrecht absprechen«.

Die Bagatellisierung der realen Gefährdung von Leib und Leben steht für das mangelnde historische Verständnis dafür, warum die Beschäftigung mit Antisemitismus und Rassismus in Deutschland eine solch dringende politische Angelegenheit ist. Ganze drei Mal fällt »Shoah« als Begriff in einem Buch, das immerhin von sich behauptet, von einer »antisemitischen Gesellschaft« zu berichten.

Damit nicht genug: Sasha Marianna Salzmann bezieht sich in ihrem Essay auf die Queer-Theore­tikerin Jasbir Puar, die sich mit ihren Schriften auch einen Namen als Apologetin des Selbstmordattentats gemacht hat.

Zudem schürt die Autorin selbst Vorurteile, indem sie gegen »nationale, patriotische, schwule Retter des Abendlandes« anschreibt, die es angeblich »zur Genüge« gebe, wobei sie aber nur Jens Spahn anführen kann. Ihr Essay verrät, wohin der in »Eure Heimat ist unser Albtraum« angedachte Antirassismus tendiert: Salzmann plädiert dafür, »eigene Strukturen« zu schaffen, denn: »Wenn wir in Gefahr sind, werden wir uns auf­einander verlassen können. Wir sind die Alternative für Deutschland.« Das klingt nicht nur wie eine Drohung, es ist auch eine. Die Idee einer Gegengesellschaft gärt hier bereits. Und sie zeichnet sich wie jede Gemeinschaftsrhetorik durch fixe Zugehörigkeitskriterien aus, was wiederum eigene Feindbilder generiert. Eines davon ist der »gute Schwule«, von dessen immenser Macht Salzmann überzeugt ist. An ihrem Beitrag lässt sich die intersektionale Intoleranz des gut ausgebildeten Milieus studieren, das immerhin von sich behauptet, für eine offene Gesellschaft zu streiten.

Zugleich werden mit dem Islam verknüpfte gesellschaftspolitische Konflikte im Bund mit den üblichen rhetorischen Tricks verharmlost. »Warum heißt es immer Parallelgesellschaft und nie Subkultur?« fragt zum Beispiel der Dichter Max Czollek, als seien von ihren Eltern verschleierte und von ihrer »Com­munity« überwachte siebenjährige Mädchen dasselbe wie 17jährige, die aus eigenem Entschluss zu Emos werden.

»Eure Heimat ist unser Albtraum« ist ein antirassistisches Wohlfühlbuch, von »Betroffenen« für »Betroffene« und sogenannte Herkunftsdeutsche, die an diesem Spektakel teilhaben möchten. Von denen haben Deutschlands völkische Vordenker, Schläger und Heimatpropagandisten nichts zu befürchten. Sicher vor den angeblich »schonungslosen Perspektiven« ist auch das nationalistische bis faschistische migrantische Milieu, das von Ditib zu den Grauen Wölfen reicht. Es wird von den Autorinnen und Autoren vollständig ausgeblendet, obwohl es die Heimatpropaganda die in machen dieser Kreise gepflegt wird, locker mit dem neonazistischen Pendant aufnehmen könnte. Ebenfalls unangetastet bleibt das vom Salafismus ausgestellte Versprechen auf jenseitiges Heil, das Reinheit zur Voraussetzung macht. Der Sammelband klagt einzig über die AfD, weil gegen diese bereits ein öffentlicher Konsens existiert, an den sich bequem anschließen lässt. Daneben wird noch etwas Schattenboxen gegen den Erzfeind »Normalität« betrieben. Das macht diese Texte zahnlos, aber passgenau für die massenmediale Vermarktung.

Politisch ist »Eure Heimat ist unser Albtraum« deshalb so trivial, weil hier der Mainstream der Minderheiten spricht. Nichts an diesem Sammelband ist rebellisch, nichts mutig. Nichts tut weh, nichts rüttelt auf. Das Buch ist so vorhersehbar wie die migrantischen Figuren in der »Lindenstraße«, so erhellend wie ein Critical-Whiteness-Seminar und so subversiv wie der Karneval der Kulturen. Das Zielpublikum wird unterhalten. Die Beiträge stammen übrigens von Personen, die für Spiegel Online, Tagesspiegel, Taz und das Missy Magazine schreiben, deren Arbeiten mit gewichtigen Preisen bedacht wurden, deren Romane bei marktführenden Verlagen erscheinen oder die an einer Habilitation sitzen – und die sich dennoch als eine »Kollektivität« am Rande der deutschen Gesellschaft wähnen. Bei allen bestehenden Problemen zu behaupten, einem fortwährenden Albtraum ausgeliefert zu sein, ist nicht nur politischer Selbstbetrug, sondern auch ein kalkulierter Missbrauch der deutschen Migrationsgeschichte zum Zwecke maximierter Selbstvermarktung.

 

Fatma Aydemir, Hengameh Yaghoobifarah (Hg.): Eure Heimat ist unser Alptraum. Ullstein, Berlin 2019, 208 Seiten, 20 Euro