In den USA wird der Mindestlohn durch Trinkgelder unterlaufen

Devot für den Mindestlohn

Der Mindestlohn für »tipped workers« in den USA liegt bei zwei Dollar. Dort ersetzt das Trinkgeld noch immer einen Teil des Lohns und ­unterwirft Kellner und Barkeeper der Macht der Kunden.

Tucker Carlson redet sich gerne in Rage. Oft geht es in seiner Sendung auf Fox News um Migranten und Donald Trump. Der rechte Starmoderator verteidigt dann die Welt des weißen, konservativen Amerika gegen vermeintliche Terroristen oder die Demokraten. Anfang Februar machte Carlson seine Gegner auf andere Weise verächtlich als sonst: »Frage jeden Kellner, wie viel Trinkgeld Progressive geben, fragen Sie sie.« Eine Gruppe Linker würde in einem Restaurant große Pläne gegen strukturelle Ungleichheit schmieden, aber dann die Kellner nicht ordentlich bezahlen. Ein ehrlicher Konservativer wie er würde dagegen dem Servicepersonal mit einem anständigen Trinkgeld helfen, die Miete zu bezahlen, suggerierte der Moderator.

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Die linken Kritiker des tip dagegen sehen die zehn bis 20 Prozent, die Restaurantgäste in den USA auf die Rechnung drauflegen, nicht nur als Anerkennung für guten Service, sondern auch als unlauteres Instrument zur Bestrafung vermeintlichen Fehlverhaltens, mit dem weiße Männer und ehrliche Konservative überwiegend nichtweiße Frauen maßregeln können, und als Abwälzung der Lohnzahlungspflicht des Arbeitgebers auf die Kunden. Deswegen arbeiten sie an der ­Abschaffung des Trinkgeldsystems. ­Dabei können sie auch auf die rassistische Geschichte der Praxis verweisen.

Das Trinkgeld ist ein Exportprodukt Europas. Es waren wohlhabende US-Amerikaner, die im 18. und 19. Jahrhundert auf Reisen in der Alten Welt die Praxis europäischer Aristokraten beobachteten, besonders gute Diener mit ­einem Trinkgeld zu belohnen. Nach Hause zurückgekehrt begannen sie dies ebenfalls zu tun. Die Mehrheit der aufkommenden Industriegesellschaft, die Lohnarbeiter sowieso, lehnte es ab, für ein Produkt oder eine Dienstleistung über deren Preis hinaus noch hart erarbeitetes Geld zu bezahlen.

Das Trinkgeld ist ein Exportprodukt Europas. Es waren wohlhabende US-Amerikaner, die im 18. und 19. Jahrhundert auf Reisen in der Alten Welt die Praxis europäischer Aristokraten beobachteten, besonders gute Diener mit ­einem Trinkgeld zu belohnen. Nach Hause zurückgekehrt begannen sie dies ebenfalls zu tun. Die Mehrheit der aufkommenden Industriegesellschaft, die Lohnarbeiter sowieso, lehnte es ab, für ein Produkt oder eine Dienstleistung über deren Preis hinaus noch hart erarbeitetes Geld zu bezahlen. Wegen Kritik an der Praxis verschwand diese in Europa weitgehend und war auch in den USA zunächst nur wenig populär.

Das änderte sich mit dem Beginn der Restauration nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg in den Südstaaten. Das Trinkgeld wurde in den 1870er Jahren Teil des Jim-Crow-Systems, das zahlreiche Praktiken und Gesetze umfasste, die Afroamerikaner nach der Sklavenbefreiung in niederer gesellschaftlicher Position und Knechtschaft festhielt.

Neben der Weiterbeschäftigung als gering bezahlte Lohnarbeiter auf den Baumwollplantagen standen schwarzen US-Amerikanern damals nur wenige Berufe offen, darunter solche in dienender Funktion, etwa als Barkeeper, Haushälter oder Kellner. Von der Belohnung für besonders guten Service eines Dieners wurde das Trinkgeld zum Ersatz für den Lohn eines formell freien Arbeiters im Dienstleistungs­gewerbe. Viele Unternehmen zahlten ihren Angestellten überhaupt keinen Lohn, gaben ihnen aber die Möglichkeit, Trinkgelder zu kassieren. Das sorgte nicht nur für prompte Bedienung, sondern sicherte auch unterwürfiges Verhalten des vom guten Willen der weißen Kunden abhängigen überwiegend schwarzen Servicepersonals.

»Eine Quasi-Fortsetzung der Sklaverei« nennt das Saru Jayaraman vom Food Labor Research Center der University of California in Berkeley.

Auch im Norden erkannten Restaurantbesitzer, dass es für sie vorteilhaft war, einen Teil des Lohns ihrer Angestellten durch Trinkgeld zu ersetzen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verboten einige US-Staaten die Praxis, doch der Supreme Court hob diese Gesetze wieder auf.

Das heutige Trinkgeldsystem stammt aus der Zeit des New Deal. Seit 1938 mussten Arbeitgeber laut dem Fair Labor Standards Act nur so viel zahlen, dass Lohn und Trinkgeld zusammen die Höhe des damals eingeführten Mindestlohns erreichten. Deswegen beträgt der nationale Mindestlohn für tipped workers, Trinkgeldarbeiter, nur 2,13 Dollar – der für andere Arbeiter jedoch 7,25. Trinkgeldarbeiter sind ­solche, die je nach Bundesstaat täglich mehr als 20 oder 30 Dollar tip erhalten. Nur in sieben Bundesstaaten erhalten Trinkgeldarbeiter den normalen Mindestlohn. In über 20 Bundesstaaten, die überwiegend im industriellen rust belt rund um den Lake Michigan und im Nordosten des Landes liegen, aber auch in Florida, muss die Summe aus durchschnittlicher Trinkgeldhöhe und Lohn auf gleichem Niveau liegen wie der Mindestlohn für andere Arbeiter im Staat.

Im vergangenen Jahr hat die US-Regierung sogar eine Verschlechterung für Trinkgeldarbeiter vorgeschlagen. Laut dem Entwurf zur Änderung des Fair Labor Standards Acts wären die Restaurantbesitzer als Arbeitgeber Eigentümer der Trinkgelder. Das Teilen der Trinkgelder wäre nur noch freiwillig. Nach einem öffentlichen Aufschrei und Protest von Restaurantarbeitergewerkschaften wurde diese Änderung wieder gestrichen. Stattdessen können Kellnerinnen nun ihre tips mit den Arbeitern in der Küche teilen. Denn seit Jahren wächst wegen des teils üppigen tipping die Ungleichheit ­zwischen Mitarbeitern in Restaurants ohne Kundenkontakt in der Küche und Kellnerinnen, die Trinkgelder bekommen.

Ganz anders angehen wollen das Problem Senator Bernie Sanders und progressive Demokraten mit dem Fair Wage Act. Sie wollen den seit 2009 nicht mehr erhöhten nationalen Mindestlohn auf 15 Dollar anheben – für alle Arbeiter. Sanders und andere ­Parteilinke unterstützen schon seit Langem die Kampagne für einen Mindestlohn in solcher Höhe. Anfang Februar fand im US-Repräsentantenhaus die erste Anhörung des Gesetzentwurfs im Ausschuss für Bildung und Arbeit statt. Der Mindestlohn würde demnach bis 2024 auf 15 Dollar steigen, auch der deutlich niedrigere Mindestlohn für Trinkgeldarbeiter würde schrittweise auf diesen Wert angehoben und die Sonderstellung der tipped workers damit abgeschafft. Derzeit unterstützen 190 Demokraten im US-Reprä­sentanten den Fair Wage Act – 218 wären für eine einfache Mehrheit nötig.

Damit stehen die Chancen auf eine Verabschiedung nicht schlecht; die Demokraten stellen im Repräsentantenhaus derzeit 235 Abgeordnete. Im Senat jedoch haben die Republikaner eine Mehrheit von 53 zu 47.

Umfragen zeigen, dass es unter weißen US-Amerikanern weniger Unterstützung für 15 Dollar Mindestlohn gibt als unter Schwarzen und Latinos. Ein möglicher Grund: Schätzungen des Economic Policy Institute zufolge könnten 38 Prozent aller schwarzen abhängig Beschäftigten davon profitieren, aber nur 23 Prozent der weißen. Insgesamt würden rund 40 Millionen Arbeiter von dem Gesetz profitieren. Ein anderer Grund könnte mit der Geschichte des Trinkgeldsystems zu tun haben. Weiße Wohlhabende wie Tucker Carlson wollen nur freiwillig mehr zahlen, egal ob der Kellnerin oder bei der Entlohnung anderer Arbeiter – es ist eine Frage von guten Manieren und Tradition und eine von Rassismus und Macht.