Luís Farinha, Historiker, im Gespräch über die Aufarbeitung der Diktatur in Portugal

»Ein positiver Bezugspunkt ist das Regime nicht«

Interview Von

Was hat der »Estado Novo« Salazars in Portugal hinterlassen?
Vor allem ein traumatisches und schmerzvolles Erbe. Während der Diktatur gelang es, die überwiegende Mehrheit der Portugiesen zum Schweigen zu bringen, weil die Bevölkerung in ökonomischer Unterentwicklung und im Analphabetismus gehalten wurde. Dazu kamen die brutale Repression im Alltag und die Folter an vielen Orten. Das Gebäude, in dem sich unser Museum befindet, war von 1928 bis 1965 eine Haftanstalt für politische Gefangene. Heute ist es das Widerstands- und Freiheitsmuseum.

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Worin genau bestand der repressive Charakter des Regimes?
Von zentraler Bedeutung waren die Deportationen, Gefängnisstrafen und Entlassungen aus öffentlichen Ämtern. Dem Regime gelang es, das Parteiensystem, Gewerkschaften und die freie Presse abzuschaffen. Zunächst wurden vor allem Republikaner und Sozialisten ausgeschaltet und oft in die Kolonien deportiert. Die staatliche Zensur war sehr streng. Ein weiterer wichtiger Teil der Repression waren der brutale Polizeiapparat sowie die Militärgerichte. Dazu kommen noch Massenorgani­sationen wie die Jugendorganisation Mocidade Portuguesa, in der die Mitgliedschaft für Portugiesinnen und Portugiesen im Alter von sieben bis 14 Jahre verpflichtend war. Für Erwachsene gab es die paramilitärische Organisation Legião Portuguesa, deren Ziel unter ­anderem der Kampf gegen die Kommunisten und Anarchisten war.

Derzeit sind Sie daran beteiligt, einen weiteren Erinnerungsort auf der kapverdischen Insel Santiago zu schaffen. Was hat es damit auf sich?
In Tarrafal gab es ein Konzentrations­lager, in das Hunderte Regimegegner deportiert wurden. Tarrafal ist besonders bekannt, weil dort viele bedeutende Kommunisten, Anarchisten und ­Republikaner jahrelang inhaftiert ­waren. Dennoch wissen die meisten Por­tugiesen kaum etwas über das Konzen­trationslager, in dem brutal gefoltert wurde.
Derzeit zeigen wir im Aljube-Museum in Lissabon eine Fotoausstellung mit dem Titel »Tarrafal Nunca Mais!« (Nie mehr Tarrafal). Zur Vernissage kam auch der kapverdische Minister für Kultur, der sich stark daran interessiert zeigte, diesen Teil der Geschichte in seinem Land bekannter zu machen. In unserer Ausstellung werden zum ersten Mal die Gesichter der in Tarrafal Umgekommenen öffentlich gezeigt. Das erzeugt bei vielen Besuchern Neugierde – und angesichts der Brutalität natürlich auch ein gewisses Unbehagen.

Wurden Regimegegner auch an ­andere Orte in den damaligen portugiesischen Kolonien deportiert?
Ähnliche Strafgefangenenlager gab es in Timor, Angola, Guinea, São Tomé und Príncipe sowie in Mosambik. An einem weiteren wichtigen Ort politischer Repression des »Estado Novo«, dem Hochsicherheitsgefängnis der Geheimpolizei Salazars (Pide) in Peniche, wird gerade das Nationale Widerstandsmuseum gebaut.

Wie kann man sich den Widerstand unter Salazar vorstellen?
Im Bürgerkrieg während der Militärdiktatur zwischen 1926 und 1933 gab es mehrere Revolten von unterschiedlichem Umfang. Auf der Insel Madeira etwa wurde 1931 eine konstitutionelle Republik mit eigener Regierung installiert, nachdem zivile und militärische Kräfte erfolgreich revoltiert hatten. Auch Jahre später gab es weitere Erhebungen.

Welche Rolle spielten Aktivitäten im Untergrund?
Sehr wichtig in diesem Zusammenhang war zweifellos die Kommunistische Partei Portugals (PCP) mit einer etwa 600 Titel umfassenden klandestinen Presse und Millionen veröffentlichter Pamphlete. Aus dem Ausland – insbesonders aus Algier und Bukarest – sendeten klandestine Radiostationen jahrelang oppositionelle Botschaften nach Portugal. Daneben war der Widerstand aber auch in der Kunstszene verbreitet, trotz des brutalen Repressionapparats, für den selbst Bücher oder Ausstellungen Grund genug für eine Inhaftierung waren. Wichtige Künstler sind zum Beispiel der Komponist, Dirigent und Musikwissenschaftler Fernando Lopes-Graça und José »Zeca« Afonso, dessen politische Folk-Musik im Widerstand gegen den »Estado Novo« eine große Rolle spielte. Sein Song »Grândola, Vila Morena« wurde zum Erkennungszeichen der Nelkenrevolution.

Wie geht man in Portugal mit dem »Estado Novo« um? Was fällt Ihnen hierzu bei den portugiesischen Museumsbesucherinnen und -besuchern auf?
Im Detail wissen viele der Besucher nicht, was damals in den Gefängnissen passiert ist, ob in Portugal oder in den Kolonien. Das Regime hatte es ja geschafft, die Opposition zum Schweigen zu bringen, und das wirkt bis heute nach. Trotzdem wird in der Gegenwart an die Diktatur mit einer gewissen Selbstverständlichkeit erinnert, und auch in den Schulen ist der portugie­sische Faschismus ein Thema. Dennoch haben nur Akademiker Zugang zu vertieftem Wissen darüber. Ein positiver Bezugspunkt für Politiker und Wähler ist das Regime heute übrigens nicht, keine politisch relevante Kraft beruft sich darauf.

Trotzdem wurde Salazar 2007 in der Fernsehsendung »Os Grandes Portugueses« mit deutlichem Vorsprung zum bedeutendsten Portugiesen aller Zeiten gewählt. Wie ­erklären Sie sich das?
Dieses Votum würde ich schlicht als ­Ergebnis einer unseriösen »Fernsehdemokratie« einschätzen, denn keine bedeutende Umfrage, und erst recht keine wissenschaftliche Studie, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Deshalb schenkten portugiesische Historiker, ob politisch links oder eher rechts ­eingestellt, dieser Abstimmung keine besondere Aufmerksamkeit.

Ihr Museum befindet sich im ­Zentrum von Lissabon, in unmittelbarer Nähe vieler berühmter Sehens­würdigkeiten wie der Praça do Comércio oder des Stadtteils ­Alfama. Interessieren sich auch ausländische Touristen für Ihre Ausstellungen?
Für 2018 schätzen wir die Zahl unserer Besucherinnen und Besucher auf 30 000. Gerade im Juli und August sind unsere Besucher bestimmt zur Hälfte Touristen. Das sind dann aber Personen, die unser Museum gezielt aufsuchen. Die Mehrheit ist sehr neugierig und weiß wenig über die Dik­tatur des »Estado Novo« und ihre Geschichte. Vor allem die Brutalität der Repression, die einen zentralen Platz in unserer Dauerausstellung, aber auch in einigen der Wechselausstellungen einnimmt, ist vielen unbekannt. Ansonsten kommen hauptsächlich Portugiesen zu uns, auch im Rahmen des Schulunterrichts.

Wie wird in den Familien an die Repression und die Diktatur erinnert?
In den Familien der Folterer wird über diese Zeit wenig gesprochen. Individuelle Zeugenberichte mögen in den Familien zwar bekannt sein, aber insgesamt dominieren vor allem Schweigen und Verdrängung – das ist ein Thema, das in Portugal wissenschaftlich viel zu wenig erforscht ist. Die wenigen Prozesse gegen Täter nach dem Sturz des »Estado Novo« waren in der Regel eine Farce.
Bei den Familien der Folteropfer sieht es anders aus: Dort ist es durchaus verbreitet, über die eigenen Erfahrungen Zeugnis abzulegen. Interessanterweise setzte das aber erst einige Jahre nach der Nelkenrevolution ein, vermutlich weil bei vielen die Erinnerung an die eigene Geschichte mit Scham behaftet war. Heute verstehen es viele Zeitzeugen als eine Art Bürgerpflicht, über ihre eigenen Erfahrungen zu berichten – damit so etwas wie der ­»Estado Novo« und die brutale Folter nie wieder passieren. Das ist auch ein Leitgedanke unseres Museums.