Neue Recherchen über Journalistenmorde in der Zentralafrikanischen Republik

Aufklärung unerwünscht

Im Fall der drei im vorigen Sommer in der Zentralafrikanischen Repub­lik getöteten russischen Journalisten wurden neue Recherchen veröffentlicht. Sie legen nahe, dass die Journalisten in einen Hinterhalt gelockt wurden.

Ein halbes Jahr ist seit der Ermordung von drei russischen Journalisten in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) vergangen. Zeit genug für umfangreiche Ermittlungen, doch die Aufklärung des Falls lässt auf sich warten. Das größte Interesse, die Umstände, den Verlauf und die Hintergründe aufzudecken, die zum Tod von Orchan Dschemal, Alexander Rastorgujew und Kirill Radtschenko geführt haben, zeigt der im Exil lebende ehemalige »Oligarch« Michail Chodorkowskij. In dessen Auftrag waren die drei kriegserfahrenen Profis in Afrika unterwegs, um Material für einen Film über die Wagner-Gruppe, eine russische Söldnertruppe, zu sammeln. Doch die ZAR, eines der instabilsten und unterentwickeltsten Länder der Erde, in dem Kämpfe zwischen konkurrierenden christlichen und muslimischen Milizen die Gesellschaft lahmlegen, war für sie Neuland. Am 30. Juli 2018, zwei Tage nach ihrer ­Ankunft, fuhren sie nach Einbruch der Dunkelheit mit einem Auto aus der Stadt Sibut heraus und wurden kurz darauf erschossen.

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Nach Ansicht der russischen Behörden deutet die Sachlage auf einen Raubüberfall hin, zumindest solange nichts anderes erwiesen sei. Die Tageszeitung Moskowskij Komsomolez ver­öffentlichte unlängst Auszüge aus Schrei­ben der russischen Botschaft in der ZAR an das Außenministerium und das für den Fall zuständigen Ermittlungskomitee. Daraus geht hervor, dass sich die russische Seite durchaus bewusst ist, wie schleppend und wenig zielorientiert die lokale Polizei vorgeht. Eigene Ermittler entsandte Russland jedoch erst vier Wochen nach den Morden, und auch dann nur für ein paar Tage. Ende September war eine geplante Anfrage der russischen Behörden zur Leistung von Rechtsbeistand immer noch in Arbeit. Derweil sei der zentral­afrikanische Generalstaatsanwalt auf Kosten einer russischen Privatfirma mit Gefolge zu einer Fortbildung nach St. Petersburg gereist, so ein Botschaftsangehöriger.

Chodorkowskijs Recherchezentrum »Dossier« zufolge setzten sich Mitglieder der lokalen Gendarmerie und Wagner-Angehörige auf die Spur der drei Journalisten.

Den offiziellen Ermittlungen lässt sich nicht viel entnehmen. Der von den drei Journalisten, die kein Französisch sprachen, angeheuerte Fahrer überlebte und sagte aus, bewaffnete und maskierte Banditen hätten den Wagen angehalten. Ihm sei die Flucht gelungen, weil er sich einfach wieder hinters Steuer gesetzt habe, während zwei der Journalisten Widerstand geleistet hätten. Ansonsten kann oder will er sich an nichts erinnern.
Aufschlussreicher sind Ergebnisse von Chodorkowskijs Recherchezentrum »Dossier«. Demnach ergibt sich folgendes Bild: Mitglieder der lokalen Gendarmerie und Wagner-Angehörige verfolgten die Spur des Filmteams. ­Anhand der Verbindungsnachweise des Mobilfunkanbieters stellte sich heraus, dass der Fahrer seit dem 28. Juli in ständigem Telefonkontakt mit dem Gendarmen Emmanuel Kotofio stand, der vor nicht allzu langer Zeit im Sudan einen von russischen Militärangehörigen geleiteten Ausbildungskurs absolviert hatte. 47 Telefonverbindungen zwischen den beiden innerhalb von zwei Tagen wurden festgestellt, wobei sich Kotofio während des Angriffs am Tatort oder unweit davon aufhielt. Den Kontakt zu dem Englisch sprechenden Fahrer vermittelte ein »Martin«, den es vermutlich gar nicht gibt. Er sollte für die Journalisten als Fixer vor Ort arbeiten, aber sie hatten mit ihm nur schriftlich per Messenger kom­muniziert. Sie waren gerade auf dem Weg zu »Martin«, als die Tat geschah.

Der Kriegsjournalist Kirill Romanowskij, der für die Nachrichtenagentur RIA FAN arbeitet, hatte ihnen »Martin« empfohlen. Hier schließt sich wieder ein Kreis: Zahlreiche Medien stellen die Agentur in einen engen Zusammenhang mit dem umtriebigen Geschäftsmann Jewgenij Prigoschin, über dessen Firmennetz die Finanzen der Wagner-Truppe offenbar abgewickelt werden. Damit nicht genug: Kotofio soll während der zwei verhängnisvollen Tage gleich 97 Mal mit dem ehemaligen russischen Polizeioffizier Alexander Sotow telefoniert haben, einem Angestellten der zu Prigoschins Imperium gehörenden Firma M-Finans. Zumindest behauptet das der ukrainische Geheimdienst SBU.

Über den SBU erhielten Journalisten der BBC Zugang zu Daten von knapp ­einem Dutzend mutmaßlicher Wagner-Angehöriger, die sich Ende Juli 2018 in der ZAR aufhielten. Zu einem anonymisierten Gespräch erklärte sich aber nur ein Mann bereit, der mit zivilen Aufgaben betraut war. Er berichtete der BBC zufolge, dass Prigoschin alle Kader für einen Einsatz in Afrika persönlich auswähle. Wie häufig jener sich dort aufhält, ist unbekannt, sein Privatjet fliegt die Route jedenfalls regelmäßig. Im August vergangenen Jahres betätigte sich Prigoschin nach Angaben von Le Monde im Sudan als Mittler zwischen verfeindeten Milizen aus der ZAR. Kurz darauf verkündete das russische Außenministerium die Unterzeichnung einer Absichtserklärung zur Beilegung der Konflikte in Zentralafrika.

Doch alles hat seinen Preis. Die ZAR hat Rohstoffe zu bieten, darunter Gold und Diamanten. Den Zuschlag für den Abbau in lukrativen Gegenden erhielt bereits 2017 die russische Firma Lobaye Invest, die ebenfalls Prigoschin zugeschrieben wird. Über Lobaye Invest erfolgt die Anstellung russischer Experten. In Sicherheitsfragen lässt sich im Übrigen der Präsident der ZAR, Faustin-Archange Touadéra, offiziell von Walerij Sacharow beraten. »Dossier« fand heraus, dass der bereits erwähnte Sotow bei der Polizei unter der Leitung von Sacharow gedient hatte, außerdem war die von ihm im Juli 2018 benutzte Sim-Karte auf Sacharow registriert.

Erste Berichte über Wagner-Söldner in Zentralafrika und im Sudan erschienen im vergangenen Jahr, als nächste Station steht Libyen auf dem Programm. Bei einem Treffen des libyschen Armeegenerals Khalifa Haftar mit dem russischen Verteidigungsminister Sergej Schojgu im November in Moskau saß auch ­Prigoschin am Tisch. Wie immer will er nur für das Catering zuständig gewesen sein, damit hat er sein Geschäft angefangen und es weit gebracht. Etwaige Verbindungen zu Wagner streitet er vehement ab.

Sicherlich geht Wagner ursprünglich nicht auf sein Konto. Das Internet­portal The Bell recherchierte zur Entstehungsgeschichte der Söldnertruppe und stieß dabei auf gesprächsbereite, dem russischen Verteidigungsministerium nahestehende Personen. Als Vorbild für Wagner diente nach deren Angaben der international tätige Militärdienstleister Executive Outcomes, dessen Gründer, der Südafrikaner Eeben Barlow, 2010 als Redner auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg auftrat. Bis zur Einsatzfähigkeit dauerte es aber einige Jahre. Prigoschins Kandidatur als eine Art Chefmanager mobil einsetzbarer und an Gesetze nicht gebundener Söldnertruppen scheint eine Idee des russischen Generalstabs gewesen zu sein. Prigoschin gilt als handlungsbereit und verlässlich, Präsident Wladimir Putin kennt ihn seit fast 20 Jahren.

Das Geschäftsmodell von Wagner in Verbindung mit Prigoschins Firmen sieht je nach Bedarf und Gewinnversprechen die Lieferung komplexer Dienstleistungen vor, von Militärberatung über Kampfeinsätze bis hin zum Aufbau und Betrieb ziviler Infrastruktur. In der ZAR hat bereits ein mit russischen Geldern bezahlter neuer Radiosender seine Arbeit aufgenommen. Für die Sowjetunion war einst die Präsenz auf dem afrikanischen Kontinent außenpolitisch wichtig. Nun kehrt Russland mit neuen Ideen zurück.