Die sportlichen Highlights des Jahres 2018

Vorrundenaus, ein Zar, Niederlagen und ein Abstieg

Die schönsten und überraschendsten Momente des Sportjahrs 2018.

Beschwipst von der nationalen Katastrophe

Wir sitzen im Wohnzimmer von Christiane Rösinger. Ich hatte sie 1992 zum ersten Mal auf einem Konzert der Lassie Singers gesehen. Es war eine Offenbarung. Damals wurde mir bewusst, warum ich nach Berlin ­gegangen war: Hier trifft man Mädchen, die schlau und lustig sind. Jetzt sitze ich in ihrer guten Stube und wir schauen WM. Deutschland gegen Südkorea.

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Für mich als professionellen Sportreporter ist das ein großes Privileg. Ich muss nicht arbeiten. Ich muss nicht mit anderen Männern zusammensein, die den Fußball als Schwanzverlängerung missbrauchen. Die schon immer alles besser gewusst haben. Ich darf einfach ganz naiv Fußball gucken.

Deutschland ist scheiße, schon das ganze Turnier über. Die Magie ist weg. Jetzt im letzten Vorrundenspiel geht es um alles. Aber die kleine Schar von Leuten, die sich hier bei Frau Rösinger versammelt hat, ist herrlich entspannt. Schöne, interessante Menschen, die mit der »Nation« und ihrem drohenden Untergang nichts am Hut haben. Es geht um Wichtigeres: Wer denn jetzt da wirklich schwul ist in dieser deutschen Vorzeigemannschaft?

Neuer? Löw? Und wie schön es doch wäre, wenn alle schwul wären. Deutschland ist aberwitzig schlecht und verliert mit 0:2. Eine nationale Katas­trophe. Seit 1938 war keine deutsche Nationalmannschaft in der Vor­runde einer WM ausgeschieden. Wir sind alle sehr beschwipst von der ­leckeren Bowle, die Frau Rösinger zusammengeschüttet hat. Deutschland ist raus. Aber wir hatten einen sehr netten Nachmittag.

Felix Schwadorf

 

Rückkehr eines Zaren

Das Turnier »16 Carat Gold« des Wrestling-Unternehmens Westside Xtreme Wrestling (wXw), das alljährlich im März in der Turbinenhalle in Oberhausen ausgetragen wird, ist immer wieder aufs Neue der frühe Höhepunkt im kontinentaleuropä­ischen Wrestling-Kalender. Auch in diesem Jahr war das Turnier wieder prominent besetzt, und doch war es nicht das große Finale am dritten Tag, das dafür sorgte, dass für einen kurzen Augenblick die gesamte Wrestling-Welt auf Oberhausen blickte. Es war der Hauptkampf des zweiten Tags.

Schon lange zuvor war deutlich geworden, dass bei diesem Zusammentreffen der österreichische Kampfkoloss Walter gegen den schurkenhaften Titelträger John Klinger um die Unified World Wrestling Champion­ship kämpfen würde. Doch nichts, wirklich gar nichts hatte auf das hingedeutet, was dann geschah. Walter hatte vorab das Recht erhalten, eine stipulation festzulegen, also eine besondere Bedingung für den Kampf. Und so ergriff er, als er bereits mit Klinger im Ring stand, das Mikrophon und sagte, er schulde jemandem noch einen Gefallen, eine dritte Person werde kämpfen. In der Halle wurde es dunkel und auf dem riesigen Bildschirm hinter dem Ring ­erschienen Hammer und Sichel, dann ertönten die ersten Töne einer lange nicht gehörten Hymne und plötzlich stürmte er auf die Bühne: Ilja Dra­gunov, der Publikumsliebling aus Russland, der selbsternannte Zar, der vor drei Monaten ganz plötzlich und unerwartet von der Bildfläche verschwunden war.

Nun war er zurück, und in der Turbinenhalle gab es kein Halten mehr. Menschen schrien, jubelten, lagen sich in den Armen. Manche weinten sogar. Ihr Zar war zurück! Und als er rund 20 Minuten später John Klinger einen Torpedo Moskau verpasste – ein Angriff, bei dem sich Dragunov wie ein Geschoss mit dem Kopf voraus in seinen Gegner hineinbohrt – und der Ringrichter bis drei zählte, wussten alle: Das hier war mehr als Wrestling – es war Perfektion.

Jan Tölva

 

Ein klassischer Fall von Schadenfreude

Als Fan eines unterklassigen Fußballvereins hat man wenig zum Lachen. Es gilt, einfach in Würde die Niederungen des Alltags zu ertragen. Weshalb auch mein schönstes Sport­erlebnis eine unerwartete Schmach war. Selbstverständlich nicht für meinen Lieblingsklub, sondern für den ungeliebten und weit erfolgreicheren Konkurrenten aus der Nachbarstadt: Leipzig!

Die erste Begegnung der beiden europäischen Fußballprojekte des österreichischen Unternehmers Dietrich Mateschitz auf internationaler Ebene hielt sportlich weit mehr, als sie vorab versprochen hatte. Sie war der Knaller. RB Leipzig blamierte sich gleich im ersten Spiel gegen den FC Red Bull Salzburg. Was für ein Hinspiel! Derart spannenden Betriebssport bekam man hierzulande zuletzt zu sehen, als die Bayer-Vertretung aus Leverkusen auf die ungeliebte Filiale aus Uerdingen traf. Über weite Zeit führte Salzburg und dominierte das Spiel. Doch die kongeniale Leipziger Umschaltfabrik glich kurz vor Schluss noch aus. Qualität setzt sich durch?

Alles sah danach aus. Doch in der letzten Minute schoss die Traditionsmannschaft aus der viertgrößten Stadt Österreichs das Siegtor. Fluppen flogen aus den Mündern, der Alkoholpegel stieg unentwegt und wildfremde Menschen lagen sich in den Armen. Fußball halt! Die schönste Nebensache der Welt.

Ralf Fischer

 

Der Abstieg der Hamburger Herzensrohlinge

Ja, natürlich, das Vorrundenaus war ein Highlight, einer dieser Momente, von denen man bedauerlicherweise noch lange wird zehren müssen, weil so etwas nur alle paar Jahrzehnte mal passiert, was schade ist, denn – nein, so toll war es eigentlich nicht. Weil es so erwartbar war. Und weil die Schlanddeppen noch nicht einmal angefangen hatten, ihre Autos und Balkons schwarzrotgold zu schmücken und die Trikots anzuziehen, als es auch schon wieder vorbei war.

Deswegen ist mein Highlight des Sportjahres 2018 der Abstieg des HSV. Rein persönlich hat der mir zwar nichts getan, also außer da zu sein und im Gegensatz zum MSV Duisburg nie abzusteigen, was jetzt eigentlich auch nicht das Schlimmste ist, was ein Fußballverein tun kann, aber andererseits: Der HSV ist da und war bis zu diesem Sommertag im Jahr 2018 nie abgestiegen und seine Anhänger, die nach jeder verdammten Saison feiern und die Fans von Absteigern auslachen durften, hatten irgendwie ja wohl doch gehofft, dass es auch diesmal wieder gutgehen würde.

Ging es nicht, und das war ausgesprochen schön. Anzugucken, wie erwachsene Menschen, die im Jahr zuvor und dem davor und zurück bis zum Anfang der Bundesligazeitrechnung traurige Anhänger der absteigenden Mannschaften verhöhnt und ausgelacht hatten, nun weinten, war recht angenehm, vor allem, wenn man sich ihre bisherigen herzensrohen Missetaten ins Gedächtnis rief.

Ein optimales Sportjahr, sozusagen der Golden Slam der Sportjahre, wäre übrigens eines mit nochmaligem HSV-Abstieg und einem erneuten Vorrundenaus.

Elke Wittich