Sportarten der achtziger Jahre

Popgymnastik, Tenniswunder und eine vergessene Großmeisterin

Kulminationspunkt 1989: Dass die achtziger Jahre zu einem modischen Katastrophenjahrzehnt wurden, lag auch an den bestimmenden Sportarten der Zeit.

Als die Ostdeutschen im Jahre 1989 nach allzu kurzer Unterbrechung unbedingt wieder »das Volk« und dann zusammen mit den Westdeutschen »ein Volk« sein wollten, fanden sie auch zu ihrer liebsten körperlichen Betätigung zurück, nämlich zum mürrischen Marschieren und wütenden Brüllen von Parolen – ein Antisport, wenn man so will.

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Zwar machen auch Brüllen und Marschieren gesunde rote Bäckchen, aber niemand bekommt einen Pokal, keiner darf auf ein Siegerpodest und fair play wird auch nicht immer groß geschrieben, wenn Teile einer Bevölkerung unbedingt »das Volk« sein wollen und sich dabei mit anderen Teilen der Bevölkerung anlegen, die ebenfalls »Volk« sein wollen, und zwar so doll, dass sie sich sogar »Volkspolizei« nennen. Jedenfalls waren die DDR-Bürgerinnen und -Bürger gut zu Fuß, war es doch schwer, ein Auto zu bekommen. Und außerdem waren sie von genau dem Staat, den sie beseitigen wollten, körperlich ertüchtigt worden, unter anderem mit »Popgymnastik«.

»Popgymnastik« war die DDR-Version von Aerobic, dem lustigen Hüpfen, Drehen, Dehnen und Gruppentanzen, das Anfang der achtziger Jahre von der Schauspielerin Jane Fonda populär gemacht wurde und danach das Jahrzehnt prägte wie kein anderer Massensport. Aerobic und die dazu gehörende grelle Neonästhetik waren Teil der westlichen Acht­ziger wie Tschernobyl, Angst vor dem Atomkrieg, Ozonloch und Kokain. Die vom US-amerikanischen Arzt Kenneth H. Cooper entwickelte Gymnastikvariante befriedigte gleich mehrere Bedürfnisse einer Weltbevölkerung im Jahrzehnt des sich abzeichnenden Endes der Solidargemeinschaften und des damit verbundenen Zwangs zur ständigen Selbstoptimierung des Individuums: Erstens versprach Aerobic Fitness und Gesundheit; zweitens bewegen sich Menschen, seit es sie gibt, gerne zu rhythmischen Klängen; drittens tun sie das mit Vorliebe in Rudeln und viertens schätzen überraschend viele, leider, einen Chef, der ihnen vortanzt, was sie nachtanzen sollen.

Tennis galt lange als Sport für Reiche, die Angst vor Pferden haben, wurde aber zwischen 1979 und 1989 so rasend schnell zur Massenveranstaltung, dass jede auch nur halbwegs effiziente Dorfverwaltung neben dem obligatorischen Fußballplatz einen Tennisplatz baute.

Aerobic konnte das alles liefern und wurde so beliebt, dass die dazugehörenden Accessoires auch abseits von Gymnastikstudios überall auftauchten, angefangen von den Musikvideos damaliger Weltstars bis hin zur erschwinglichen Alltagsmode in den damals noch in Millionenauf­lagen verbreiteten Versandhauskatalogen. Die von Aerobic inspirierte Kleidung wirkte ein bisschen so, als wäre eine Atombombe auf der Insel des Dr. Moreau eingeschlagen, und findige Couturiers hätten die grellverstrahlten Überreste der bizarren Menagerie eingesammelt und daraus Klamotten und Stirnbänder gemacht. Zum Glück wurde damals noch nicht rund um die Uhr und überall fotografiert und gefilmt, und Selfies wurden angesichts der doch recht hohen Kosten für die Fotoentwicklung höchstens aus Versehen geknipst, weswegen das gesamte Ausmaß des modischen Katastrophenjahrzehnts von den folgenden Generationen kaum verstanden werden kann. DDR-Bewohner bekamen ihre tägliche Dosis »Popgymnastik« jedenfalls in der Fernsehsendung »Medizin nach Noten« verpasst.

Der zweite große Trendsport der achtziger Jahre in Westdeutschland war Tennis. Was einst als elitäre Freizeitgestaltung von Bessergestellten galt, also als Sport für Reiche, die Angst vor Pferden hatten, wurde zwischen 1979 und 1989 so rasend schnell zur Massenveranstaltung, dass jede auch nur halbwegs effiziente Dorfverwaltung neben den ­obligatorischen Fußballplatz einen Tennisplatz baute. Fast jeder konnte sich einen Tennisschläger und ­Tennisschuhe leisten, und viel mehr braucht man ja nicht, um diesen Sport auszuüben. Maßgeblichen Anteil an der Popularisierung von Tennis hatten Boris Becker und Steffi Graf, die erfolgreichsten deutschen Tennisprofis ihrer Generation, die mit ihren über viele Jahre andauernden Weltkarrieren dafür sorgten, dass Tennis der zweitbeliebteste Zuschauersport Deutschlands wurde. Becker und Graf dominierten den Sport so sehr, dass ihre Namen fast synonym mit Tennis wurden und auch heutzutage noch jedem in den Sinn kommen, sobald das Wort »Tennis« fällt.

Boris Becker

Boris Becker im Finale von Wimbledon 1985

Bild:
picture alliance / Rüdiger Schrader

1989 standen Steffi Graf und Boris Becker auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren. Becker gewann als bislang einziger Deutscher die US-Open, wo er im Finale Ivan Lendl besiegte, und Graf gewann die Grand-Slam-Turniere in New York, Wimbledon und Melbourne. Es ist nicht so, als hätten die beiden nicht auch noch danach fantastische Leistungen erbracht, aber 1989 galten »Fraulein Forehand«, wie Graf von der englischsprachigen Presse genannt wurde, und »Bumm-Bumm-Boris« beziehungsweise »Bobbele«, wie die deutsche Boulevardpresse Becker rief, als skandalfreie Idole, deren globale Reputation dem deutschen Massenbewusstsein eine damals noch nicht völkisch aufgeladene Entlastung von Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen ermöglichte. Becker und Graf, das ­waren gewissermaßen »gute Deutsche«, die das zu verkörpern schienen, was die Deutschen in ihren besseren Momenten gerne sein wollen: hart, aber fair, erfolgreich durch Arbeit, geachtet statt gefürchtet, gelobt für Leistung statt geächtet für Verbrechen. Becker und Graf waren kulturelle Phänomene. Sie waren in den Achtzigern und frühen Neunzigern omnipräsent, ob auf den Tennisplätzen dieser Welt oder in der Klatschpresse, in Filmen, Fernsehsendungen und in der Reklame. Wenige Jahre später geriet Graf in einen Steuerskandal und Becker in einen wahren Skandalstrudel, aus dem er immer noch nicht herausgekommen ist. Es hätte vielleicht eine Warnung sein können, dass Becker plötzlich sogar Werbung für Brotaufstriche machte.

Hierzulande unbemerkt verstarb im Jahr 1989 in Moskau Jelisaweta Iwanowna Bykowa, eine der besten Schachspielerinnen, die die Sowjetunion hervorgebracht hatte. Bykowa wurde 1913 in eine nordwestrussische Bauernfamilie geboren, als eines von 13 Kindern, von denen jedoch nur drei die Kindheit überlebten, was eine Vorstellung von den damaligen Lebensbedingungen vermittelt. In der jungen Sowjetunion absolvierte Bykowa eine Ausbildung zur Ingenieurin und spielte zudem leidenschaftlich gerne und gut Schach. So leidenschaftlich und gut, dass sie von 1953 bis 1956 und von 1958 bis 1962 den Weltmeistertitel innehatte sowie drei Mal Meisterin der UdSSR wurde und sechs Mal die Stadtmeisterschaft von Moskau gewann. Während des Zweiten Weltkrieges gründete sie eine Initiative von Schachmeistern, die Verwundete in den Lazaretten besuchten und diese mit Simultanschach und Anekdoten von interna­tionalen Turnieren von ihren Verletzungen ablenkten. 1976 verlieh der Internationale Schachverband FIDE Bykowa den Titel »Großmeisterin«, die höchste Auszeichnung für Turnierspieler. In der Sowjetunion wurde Bykowa auch für ihre Verdienste im Kampf um die Gleichstellung und Anerkennung von Frauen verehrt. Sie förderte nicht nur weibliche Nachwuchstalente, sondern schrieb neben mehreren Abhandlungen auch ein Buch über die Rolle von Frauen im Schachsport (»Sowjetische Schachspielerinnen«). Am 8. März 1989 starb Bykowa in Moskau.