In Köthen versammeln sich Nazis und AfD wegen eines Todesfalls zu »Trauermärschen«

Wenn die Nazis Trauer tragen

In Köthen starb ein junger Mann nach einem Streit, zwei Afghanen sitzen als Tatverdächtige in Untersuchungshaft. Organisierte Nazis und die AfD nutzten die Gelegenheit für öffentliche Auftritte in der Stadt.

Droht »ein zweites Chemnitz«? So lauteten Anfang der Woche etliche Schlagzeilen. In Chemnitz hatte sich ein ­Tötungsdelikt ereignet, dessen Tatverdächtige Asylverfahren in Deutschland durchlaufen hatten; rassistische und neonazistische Ausschreitungen folgten. Zwei Wochen später ereignete sich am Wochenende ein ähnlicher Vorfall in der sachsen-anhaltinischen Kleinstadt Köthen – überregional bislang allenfalls bekannt als Station Johann ­Sebastian Bachs, Welthauptstadt der Homöopathie und Herkunftsort der Fernsehfamilie Ritter.

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In der Nacht zum Sonntag stritten sich den bislang bekannt gewordenen Ermittlungsergebnissen zufolge auf einem Spielplatz in Köthen zunächst eine junge schwangere Frau und zwei aus Afghanistan stammende Männern im Alter von 18 und 20 Jahren. Als sich zwei etwa gleichaltrige Köthener in den Streit, der sich um die Frage der Vaterschaft des ungeborenen Kinds drehte, einschalteten, kam es zu körperlichen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf der 22jährige Köthener Markus B. verstarb. Eine Obduktion ­ergab, dass der junge Mann, der in der örtlichen Werkstatt für Menschen mit Behinderung tätig gewesen war, nicht den Gewalteinwirkungen durch die mittlerweile in Untersuchungshaft einsitzenden Afghanen, sondern einem akuten Herzversagen wegen einer kardiologischen Vorerkrankung erlegen war.

Am Sonntagabend fanden sich 2 500 Personen zu einem unangemeldeten »Trauermarsch« durch Köthen ­zusammen. Wer dazu aufgerufen hatte, lässt sich bislang nicht mit Sicherheit feststellen. Etwa 500 organisierte Nazis aus Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen und Berlin beteiligten sich an der Veranstaltung. Bei den restlichen Teilnehmern handelte es sich nach bisherigem Kenntnisstand mehrheitlich um Ortsansässige. Der Köthener Oberbürgermeister Bernd Hauschild (SPD) rief wegen des eindeutigen rechtsextremen Charakters dieses Marsches und der zu befürchtenden Gewalttätigkeit seiner Teilnehmer dazu auf, sich nicht an ­diesem zu beteiligen, und legte den Köthenern stattdessen den Besuch eines am selben Tag stattfindenden Trauergottesdienstes in der Köthener St. Jakobs-Kirche nahe. Die Polizei war trotz des kurzen Vorlaufs in großer Zahl und mit schwerem Gerät präsent. Ein Grund hierfür dürfte der am Wochenende im nahegelegenen Dessau abgehaltene AfD-Landesparteitag gewesen sein. Von dort wurden Bereitschaftspolizisten aus mehreren Bundesländern sowie gepanzerte Einsatzfahrzeuge und ­Wasserwerfer nach Köthen abgezogen.

Auffällig war, dass nahezu jeder Redner die anwesenden Polizisten direkt ansprach. Unter Verweis darauf, dass die Volkspolizei der DDR 1989 gegen die protestierenden Bürger nicht gewaltsam vorgegangen war, riefen sie gleichgesinnte »Ehrenmänner« unter den Polizisten mal mehr, mal weniger expliziert dazu auf, im Fall von Ausschreitungen nicht einzugreifen.

Es kam zwar nicht zu Ausschreitungen – obwohl eine spontane antifaschistische Gegenkundgebung mit etwa 200 Teilnehmern durchaus zum Ziel eines Angriffs der Nazis hätte werden können. Rhetorisch ging es dafür umso heftiger zu. Der Leiter des Pegida-­Ablegers Thügida, David Köckert, sprach vom »Rassenkrieg gegen das deutsche Volk« und fragte seine Zuhörer: »Wollen wir weiterhin die Schafe bleiben, die blöken, oder wollen wir zu Wölfen werden und sie zerfetzen?« Am späten Abend waren von den vermeintlich Trauernden Rufe nach »Nationalsozialismus – Jetzt! Jetzt! Jetzt!« zu ver­nehmen. Die Polizei schritt nicht ein. Jedoch wurden anschließend mehrere Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung, versammlungsrechtlicher Verstöße, Beleidigung und Nötigung von Reportern eingeleitet.

Für den Montag hatte die AfD zu ­einem »stillen Trauermarsch« ohne jegliche Redebeiträge aufgerufen. Die ­Ankündigung wurde eingehalten, der Zug mit etwa 550 Teilnehmern kam ohne jede Ansprache aus. Am Tatort angekommen wurde die Veranstaltung mit der Bitte aufgelöst, nach Hause zu gehen und keine Folgeveranstaltung zu beginnen.

Unter den Beteiligten befanden sich auch etwa 250 rechtsextreme Teilnehmer der zuvor in unmit­telbarer Nähe des AfD-Treffpunkts abgehaltenen ­»Köthener Montagsdemonstration«. Bei dieser handelt es sich um eine seit 2005 montäglich statt­findende Kleinstkundgebung. An diesem Montag war die Teilnehmerzahl jedoch überaus groß. Über ein offenes Mikrophon artikulierten Redner nationalistische und rassistische »Bürgersorgen«. Um den Eindruck zu zerstreuen, »hier sind ­alles Nazis«, wurde ein Arbeitskollege des Verstorbenen ans Mikrophon ­geholt, der in der Rolle des neutralen und unschuldigen Behinderten ­beklagte, dass bei der internen Trauerfeier in der Behindertenwerkstätte dazu aufgerufen worden sei, angesichts der Ereignisse ruhig zu bleiben. Eine Teilnehmerin richtete an eine etwas entfernt stehende Gruppe um eine Landtagsabgeordnete der Linkspartei die Drohung: »Die da hinten werden als erstes brennen.« Dies machte den später geäußerten Appell »Macht euch nicht zu Tätern, wir Deutschen sind Opfer« nicht sonderlich glaub­würdig. Gegen anwesende Journalisten und die generell als »Lügenpresse« verschrienen Medien richteten sich scharfe verbale Angriffe, ein Kame­rateam wurde bedrängt.

Auffällig war, dass nahezu jeder Redner die anwesenden Polizisten direkt ansprach. Unter Verweis darauf, dass die Volkspolizei der DDR 1989 gegen die protestierenden Bürger nicht gewaltsam vorgegangen war, riefen sie gleichgesinnte »Ehrenmänner« unter den Polizisten mal mehr, mal weniger expliziert dazu auf, im Fall von Ausschreitungen nicht einzugreifen. Trotz der gespannten Lage blieb auch der Montagabend frei von gewaltsamen Angriffen. Die Polizei, mittlerweile noch verstärkt durch Beamte aus weiteren Bundesländern, darunter eine ­Reiterstaffel, war erneut in großer Zahl präsent.

Die bürgerliche Stadtbevölkerung hatte sich bereits vor der »Montagsdemonstration« und dem »Trauermarsch« zu einem weiteren Gedenkgottesdienst in der St. Jakobs-Kirche eingefunden, diesmal unter Beteiligung des sachsen-anhaltinischen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff (CDU). Am späteren Abend, der »Trauermarsch« war mittlerweile beendet worden, sollte im Rathaus ein runder Tisch zur Einordnung der Geschehnisse beitragen.

Oberbürgermeister Hauschild gab sich sehr zurückhaltend: Er wolle rechtsextremer Mobilisierung »nichts ent­gegensetzen«, da ansonsten etliche auswärtige »Extreme« nach Köthen ­kämen. Zudem dachte er laut darüber nach, »wenn das alles vorbei ist, ein kleines Friedensfest zu feiern«. Seine Ansichten stießen allenfalls auf ver­haltene Bedenken, meist wurden sie unter Verweis auf das Ansehen der Stadt oder darauf, dass die Polizei angesichts größerer Demonstrationen überfordert sein könnte, bekräftigt. Kontroverser, allerdings ohne Ergebnis, diskutierten die Anwesenden schließlich noch darüber, ob dem örtlichen AfD-Landtagsabgeordneten Hannes Loth die Teilnahme am runden Tisch ermöglicht oder verwehrt werden ­sollte. Hauschild zeigte sich konziliant: Er beendete die Diskussion vorerst mit dem Entschluss, zunächst mit Loth zu reden.