Die zwei aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten polarisieren Kolumbien

Die Marionette und der Populist

Vor den Präsidentschaftswahlen in Kolumbien liegt der rechte Kandidat Iván Duque in den Umfragen vorn, gefolgt vom ehemaligen Guerillero Gustavo Petro. Ein links-bürgerliches Bündnis hat dagegen einen eigenen Kandidaten aufgestellt.

Die Ereignisse wiederholen sich fast täglich. Überall in Kolumbien kommen dieser Tage Tausende Menschen zusammen, um den Worten Gustavo Petros zu lauschen. Das ehemalige Mitglied der 1990 demobilisierten Guerilla M-19, das später Kongressabgeordneter wurde und von 2012 bis 2015 Bürgermeister der Hauptstadt Bogotá war, reist seit Wochen durch Kolumbien, um für seine Präsidentschaftskandidatur zu werben. Petro betritt eine Bühne, hält eine mitreißende Rede und zieht weiter. Seine Fans und das Wahlkampfteam von der Bewegung Colombia ­Humana verbreiten die Bilder und Videos der mit Menschenmassen gefüllten Plätze und Straßen mit reichlich Pathos in den sozialen Netzwerken. Das Volk, so hieß es kürzlich in einem Tweet Petros in Anlehnung an den biblischen Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, fliehe vor 500 Jahre währender Sklaverei und werde die »Wasser der Geschichte« teilen.

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Die Strategie, mit einer parteiunabhängigen, auf einen charismatischen Führer ausgerichteten Massenbewegung, Großdemonstrationen und markigen Worten den Wahlkampf zu bestreiten, ist erfolgreich. Glaubt man den Umfragen, hat Petro gute Chancen, nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen am 27. Mai in die Stichwahl drei Wochen später einzuziehen. Anfang Mai lag er in Umfragen mit 22,5 Prozent der Stimmen auf dem zweiten Platz.

Gustavo Petro, ein bekennender Anhänger Thomas Pikettys, versteht sein Programm als Antwort auf
die liberale, auf der Ausbeutung von Rohstoffen basierende Wirtschafts­politik.

Das Selbstverständnis Petros und seiner Bewegung, für einen Bruch in der Geschichte Kolumbiens einzutreten, kommt nicht von ungefähr. Er sieht sich unter anderem in der Tradition des sozialliberalen Caudillos Jorge Eliécer Gaitán, der in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts ebenfalls große Teile der Bevölkerung gegen »die Oligarchie« hinter sich scharte. In der kolumbianischen Linken gilt der Mord an Gaitán 1948, der womöglich Präsident geworden wäre, weithin als Maßnahme der Herrschenden zur Verhinderung einer fortschrittlichen sozialen Politik zugunsten der armen Bevölkerung des Landes.

Petro, ein bekennender Anhänger des französischen Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty, versteht sein Programm als Antwort auf die ­liberale, auf der Förderung von Rohstoffen basierende Wirtschaftspolitik. In einem der Länder Lateinamerikas mit der größten sozialen Ungleichheit, in dem traditionelle Machtstrukturen nach wie vor von großer Bedeutung sind, will er auf längere Sicht aus der Ausbeutung fossiler Brennstoffe aussteigen, die bislang einen Großteil des Staatshaushalts tragen, erneuerbare Energien fördern und gegen die Unproduktivität des Großgrundbesitzes vorgehen, indem er kleine und mittelgroße landwirtschaftliche Betriebe stärkt. Zudem verspricht er ein kostenloses öffentliches Bildungssystem und eine Reform des privatisierten Gesundheitssystems.