Karolin Schwarz, Betreiberin der Hoaxmap

»Eine Bedrohung suggerieren«

Die Initiative Hoaxmap sammelt Falschmeldungen. Mittlerweile sind auf der Internetseite mehr als 400 davon aufgeführt. Die Betreiber des Projekts, Social-Media-Redakteurin Karolin Schwarz und Software-Entwickler Lutz Helm, wurden für den Grimme Online Award nominiert. Ihre Auswertung ergab, dass die meisten Falschmeldungen Anfang 2016 zu beobachten waren. Gewichtet nach der Einwohnerzahl, waren es insbesondere die ostdeutschen Bundesländer Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, in denen Gerüchte über Flüchtlinge kursierten.
Interview Von

Bei einer Anhörung vor dem US-Kongress wurde 1990 von plündernden irakischen Soldaten berichtet, die in Kuwait Brutkästen aus Krankenhäusern gestohlen und insgesamt über 300 Frühgeborene auf dem Fußboden zurück­gelassen hätten, wo sie starben. Ist diese erfundene »Brutkasten-Story« auch fake news?

Der Begriff fake news kann in seiner derzeitigen Konnotation vieles bedeuten. Ich benutze ihn daher ungern. Fake news wird häufig auch synonym mit »Propaganda« genutzt. Und das wäre auch das treffende Wort für diese Geschichte.

Welcher Begriff wäre denn passender als fake news?

Ich wehre mich gegen die Verwendung des Begriffs fake news. Wir nutzen den Begriff auch bewusst nicht auf der Karte, sondern sprechen von Falschmeldungen und Gerüchten, die wiederum von vielen unterschiedlichen Akteuren gestreut und instrumentalisiert werden. Fake news meint im US-Kontext oft auch Websites, die geschaffen wurden, um mit falschen Meldungen möglichst viel Aufmerksamkeit und damit – durch Werbeanzeigen – Einkommen zu generieren. Das lässt sich so bisher keineswegs auf den deutschsprachigen Raum übertragen. Wir haben es hier eher mit Privatpersonen bis hin zu rechtspopulistischen und deutlich rechtsextremen Akteuren zu tun, die Falschmeldungen über soziale Netzwerke oder Websites verbreiten.

Mit der Hoaxmap haben sie eine Datenbank für deutschsprachige fake news geschaffen. Welchen Nutzen hat das?

Wir wollten zum einen aufzeigen, dass es dieses Phänomen gibt, dass mit erfundenen Meldungen über Geflüchtete Ressentiments bedient und Ängste geschürt werden sollen. Zusätzlich ist die Hoaxmap eine Datenbank, mit der sich Menschen über kursierende Meldungen informieren können. Oftmals wiederholen sich Falschmeldungen und werden nur entsprechend abgewandelt.

Können sie Beispiele nennen?

Unter der Überschrift »Revealed: 1,000-Man Mob Attack Police, Set Germany’s Oldest Church Alight on New Year’s Eve« veröffentlichte das amerikanische Nachrichtenportal Breitbart eine falsche Nachricht über die Silvesternacht in Dortmund. In einer zentralen Anlaufstelle für Asylsuchende bei Magdeburg soll es Cholerafälle gegeben haben. Oder Hunde ­sollen entführt und von Flüchtlingen verspeist worden sein. Alles Falschmeldungen. Oft wird verbreitet, Supermärkte würden wegen der Geflüchteten im Ort geschlossen. Das ist so verbreitet, dass wir »Supermarktschließung« als eigene Kategorie eingeführt haben.
Breitbart plant eine Expansion auch nach Deutschland. Wird das die ­europäische Nachrichtenlandschaft verändern?
Die werden sicherlich eine Rolle spielen. Alleine aufgrund ihrer Finanzierung und der damit verbundenen Reichweite. Der kommende Wahlkampf wird ja auch in einem hohen Maße online geführt werden. Trotzdem würde ich Breitbart eher einordnen wie das Compact-Magazin oder PI News. Da steht zwar viel Blödsinn drin, aber es gibt neben erfundenen Geschichten auch Texte, die eben nicht ganz frei erfunden sind.

Wer verbreitet diese fake news und über welche Kanäle geschieht das?

Wir beobachten, dass soziale Medien, vor allem Facebook, eine zentrale Rolle in der Verbreitung von Falschmeldungen spielen. Das können einfach Texte oder Bilder sein, die auf der Plattform geteilt werden, oder auch Links zu einschlägigen Websites.

Geht es bei den deutschen fake news immer um Geflüchtete?

Nein, es gibt auch allerhand andere Themen, die bedient werden. Dass rechte Akteure sich allerdings auf das Reizthema Nummer eins stürzen, ist nicht unbedingt verwunderlich. Über diese Falschmeldungen können gleich mehrere Bereiche abgedeckt werden. Mit Meldungen über angebliche Sozialleistungen sollen soziale Gruppen ­gegeneinander ausgespielt werden. Außerdem werden islamfeindliche Klischees bedient. Politikern werden Aussagen zugeschrieben, die belegen sollen, dass Deutschland durch die Asylpolitik gezielt destabilisiert werden soll – es gibt viele unterschiedliche Beispiele. Gerade die Asylpolitik hat aber in den vergangenen Monaten auch in den etablierten Medien dominiert, der Schwerpunkt liegt also nahe.

Weshalb wird vielen Falschmeldungen Glauben geschenkt?

Weil Klischees bedient werden, die über Jahre auch von einigen politischen Akteuren und Journalisten reproduziert und gestärkt wurden. Oft wird ein konkreter Ort – eine Kreuzung oder Unterkunft – genannt, wo angeblich eine Straftat verübt worden sein soll. Viele Falschmeldungen sollen eine unmittelbare Bedrohung suggerieren, deshalb funktionieren sie auch.
Lassen sich für ein Gerücht keine Belege finden, beweist das nach Ansicht vieler Verschwörungstheo­retiker ja erst recht dessen Wahrheitsgehalt.
Diese Leute werden aber durch Fakten nicht vom Gegenteil überzeugt. Wer glauben will, dass die Erde eine Scheibe ist, der wird daran festhalten. Das ist aber auch nicht unsere Zielgruppe für die Hoaxmap.
Der Begriff und die Debatte um absichtliche Falschmeldungen hat auch rechte Gruppen und Parteien erreicht. Sie unterstellen den etablierten Medien, fake news zu verbreiten.
Das ist auch nicht neu. Letztendlich ­haben sie nur einen weiteren Begriff für ihr Lügenpresse-Narrativ dazugewonnen.
In immer mehr Ländern wird über die Einrichtung von Anti-Fake-News-Zentren nachgedacht, etwa in Deutschland (Abwehrzentrale gegen Desinformation) oder Tschechien. Gesetze gegen Falschmeldungen sollen sogar EU-weit erlassen werden. Wie sinnvoll sind solche Maßnahmen?
Ich halte davon nichts. Zum einen würde einer staatlichen Behörde damit auferlegt werden, eine klare Grenze zwischen Satire und Nachricht zu ziehen – es gibt regelmäßig Meldungen des Postillon, die von beachtlich vielen Menschen geglaubt werden –, zum anderen würde auch hier wieder von »Zensur« und vermeintlichen Angriffen auf die Meinungsfreiheit geredet werden, selbst wenn es nur um Warnungen vor bestimmten Medien oder Meldungen ginge.

Was hilft gegen fake news?

Transparenter Journalismus: Journalisten vermitteln selten, wie ihre Arbeit sich gestaltet. Die Zeit versucht das gerade mit ihrem Glashaus-Blog. Ich halte das für einen richtigen und wichtigen Schritt. Man sollte in Diskussionen auch ruhig öfter mal nach Quellen für irgendwelche Behauptungen fragen.
In konkreten Fällen helfen auch schnelle Gegendarstellungen betroffener ­Institutionen oder Geschäfte. So hat beispielsweise der Supermarkt-Inhaber Michael Wollny umgehend richtiggestellt, dass seine Edeka-Filiale in Friedberg nicht, wie ursprünglich behauptet worden war, von Flüchtlingen »leergeklaut« wurde.

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