Sudans El Obeid steht vor dem Zusammenbruch
Im Frühsommer warnten UN, Hilfswerke und Beobachter vor einem zweiten El Fascher. Anfang September herrschen in El Obeid noch nicht dieselben Verhältnisse wie in El Fasher nach der Eroberung – aber immer mehr ihrer Voraussetzungen sind gegeben: Vertreibung und militärischer Druck treffen auf Hunger, zerstörte Infrastruktur, Cholera, Wassermangel und ein Drohnenkrieg zusammen.
Als Mohamed mit seiner Familie El Obeid erreichte, besaßen sie nach seinen Worten nichts außer den Kleidern, die sie trugen. Die Familie war vor den Kämpfen in Nord-Kordofan geflohen und suchte in der Stadt einen sicheren Ort. Doch auch dort begann die Suche von vorn – nach Essen, Wasser und Schutz für die Kinder. „Jeder Tag ist ein Kampf“, sagte Mohamed gegenüber Save the Children.
Der Satz beschreibt die Verschiebung, die El Obeid im Sommer 2026 erlebt hat. Die Hauptstadt Nord-Kordofans ist gleichzeitig Zufluchtsort und Kriegsgebiet, logistischer Knotenpunkt und militärisches Ziel. Wer vor den Kämpfen im Umland flieht, erhöht den Druck auf eine Stadt, deren Versorgung bereits unter Angriffen und unterbrochenen Verkehrswegen leidet. Wer weiterfliehen will, trifft wiederum auf Straßen, auf denen UN-Menschenrechtsbeobachter Hinrichtungen, Entführungen, sexuelle Gewalt und Plünderungen dokumentiert haben.
Im Mai und Juni ließ sich diese Entwicklung noch als Warnung formulieren. Anfang Juli dokumentierte das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte innerhalb von drei Wochen 15 Drohnenangriffe auf El Obeid und Umgebung, bei denen mindestens 45 Zivilisten getötet wurden. Volker Türk sprach von „Alarmstufe Rot“ und erinnerte daran, dass auch die Verbrechen in El Fascher vorhersehbar gewesen seien, ohne verhindert worden zu sein. Ende August besteht das Beunruhigende deshalb nicht darin, dass etwas Unvorhersehbares geschieht. Beunruhigend ist, wie präzise sich verwirklicht, wovor seit Monaten gewarnt wird.
Zuflucht in der Falle
Die Größenordnung der Vertreibung lässt sich nicht auf eine einzige verlässliche Zahl reduzieren. Save the Children berichtete Mitte August von fast 39.000 Kindern, die in den ersten sechs Monaten des Jahres nach El Obeid geflohen seien; mehr als 605.000 Menschen hätten in El Obeid und Sheikan Zuflucht gesucht. Ende August nannte der Guardian unter Berufung auf UN-Angaben mehr als 15.000 Familien, die seit Mitte Juli neu angekommen seien, zusätzlich zu mehr als 200.000 Menschen in der ersten Jahreshälfte nach zitierten Regierungsangaben . Anfang September berichtete Anadolu unter Berufung auf die sudanesische Kommission für humanitäre Hilfe sogar von 3,4 Millionen Menschen im Gebiet, etwa zur Hälfte Binnenvertriebene.
Die Zahlen haben unterschiedliche Bezugsräume und Erhebungsgrundlagen. Sie zu einer scheinbar exakten Gesamtzahl zu verrechnen, würde aus schlechter Datenlage falsche Präzision herstellen. Der Befund ist dennoch eindeutig: El Obeid nimmt in kurzer Zeit sehr viele Menschen auf, während seine Fähigkeit, sie zu versorgen, schrumpft. Satellitendaten zeigen die materielle Seite: Zwischen dem 4. und 25. August entstanden allein in einem Lager rund 800 neue Zelte.
Nach Angriffen der RSF auf die Dörfer Um Dareisa und Al-Shaqla erreichten am 20. August mehr als 1.000 Menschen aus 215 Familien El Obeid zu Fuß. Unter ihnen waren Frauen, Kinder und ältere Menschen, viele nach kilometerlangen Märschen in kritischem Zustand. Bereits in der Vorwoche waren nach einem Angriff auf Um Arda mehr als 300 Familien vertrieben worden. Die Gewalt im Umland produziert so täglich neuen Bedarf innerhalb der Stadt.
Das ist kein Nebeneffekt einer zufälligen Front. El Obeid liegt an Verkehrsachsen zwischen Zentralsudan, Kordofan und Darfur und ist für Handel, militärische Logistik und humanitäre Versorgung wichtig. Für die SAF ist die Stadt ein bedeutender westlicher Stützpunkt; für die RSF besitzt die Kontrolle der Verbindungen nach Kordofan strategischen Wert. Ende Juli meldete die Armee zwar die Sicherung einer wichtigen Straße in Richtung Khartum. Das verringerte die Gefahr vollständiger Einschließung, beseitigte aber weder die Gewalt im Umland noch die Bedrohung der Versorgung .
Wenn Wasser zur Front wird
Die neue Qualität des Krieges zeigt sich besonders an den Drohnen. Anfang Juli berichteten die Vereinten Nationen von Angriffen auf Märkte, Schulen, Tankstellen, Wasserinfrastruktur und zivile Fahrzeuge. Ende August erklärte UN-Untergeneralsekretärin Rosemary DiCarlo vor dem Sicherheitsrat, Drohnen beider Kriegsparteien hätten wiederholt zivile Infrastruktur getroffen. UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher bezifferte die im ersten Halbjahr registrierten zivilen Todesopfer auf 1.400, davon mehr als 1.100 durch Drohnenangriffe.
Die Drohne verändert damit die Bedeutung des zivilen Raums. Eine Front kann man zumindest theoretisch meiden; gegen eine Waffe, die weit dahinter Tankstellen, Fahrzeuge oder Wasseranlagen erreicht, hilft diese Geografie immer weniger. Nach Angaben von Acled, die der Guardian zitiert, entfallen inzwischen etwa die Hälfte aller gewalttätigen Vorfälle des sudanesischen Krieges auf Drohnen; zu Beginn waren es vier Prozent. Eine Helferin berichtete zudem von „Doppelangriffen“, bei denen nach dem ersten Schlag eine zweite Drohne Rettungskräfte treffe.
Was nach moderner Kriegsführung klingt, endet sehr materiell bei einem Kanister Wasser. Die Strom- und Wasserinfrastruktur El Obeids hatte sich Ende August noch nicht von den Angriffen im Juni erholt. Die große Wasserquelle im Norden der Stadt sei schwer beschädigt und nicht repariert, berichtete Esperanza Santos von Ärzte ohne Grenzen; auch Leitungen seien betroffen. Krankenhäuser, Wohngebiete und Lager hängen deshalb teilweise von unzureichenden Wassertransporten ab. Save the Children bezifferte den Verbrauch auf etwa sieben Liter pro Person und Tag – weniger als die Hälfte der von der Organisation genannten WHO-Mindestmenge von 15 Litern in Krisensituationen. Manche Familien verbrächten fast die Hälfte des Tages mit der Wassersuche.
Wassermangel ist nicht nur Durst. In den Lagern berichtete Ärzte ohne Grenzen von mehr als 100 Menschen pro Latrine und offener Defäkation . Plan International warnte vor einer Verschärfung der Cholera und verwies auf Regenfälle, Angriffe und beschädigte medizinische Einrichtungen. Mangelernährung, verschmutztes Wasser und eine überforderte Gesundheitsversorgung bilden keine getrennten Krisen, sondern eine Kette.
Für Frauen und Mädchen kommt ein weiteres Risiko hinzu. UN Women berichtete von Belästigung, Vergewaltigungen und anderer sexueller Gewalt auf Wegen zur Wasserversorgung. Im Sicherheitsrat formulierte Lettlands Vizeministerin Dace Melbārde den Widerspruch drastisch: Wasserholen könne bedeuten, „zwischen Drohnenangriffen am Tag und sexueller Gewalt in der Nacht zu wählen“. Ein zerstörtes Wasserwerk verändert damit nicht nur Versorgung, sondern auch Bewegungsfreiheit und Schutz.
Die Ökonomie des Mangels
Eine Stadt muss nicht vollständig abgeriegelt sein, damit Hunger entsteht. Es genügt, Transportwege so unsicher zu machen, dass Waren seltener und teurer werden, während Menschen Einkommen und Lebensgrundlagen verlieren. Die BBC berichtete Ende Juli, Versorgungskonvois seien Ziel von Drohnenangriffen geworden; Hilfsflüge über den Flughafen seien eingestellt worden. Fast 400.000 Menschen im Umfeld der Stadt seien nach UN-Angaben von Nahrungsmittelknappheit betroffen gewesen.
Der Markt übersetzt militärische Unsicherheit in Preise. Nach Daten des Welternährungsprogramms kostete ein Liter Erdnussöl in Nord-Kordofan im Juli 17.000 sudanesische Pfund, gegenüber 13.000 im Juni und 7.700 ein Jahr zuvor. Auch Weizenmehl sowie Ziegen- und Schaffleisch hatten sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt. Für vertriebene Familien ohne regelmäßiges Einkommen kann zwischen einem leeren und einem unbezahlbaren Markt praktisch wenig Unterschied bestehen.
Die Folgen waren vor August sichtbar. Save the Children behandelte in unterstützten Einrichtungen in Sheikan im April 426 mangelernährte Kinder, nach 195 im März – ein Anstieg um 118 Prozent. Im Juni und Juli berichtete die Organisation von reduzierter Nahrungsmittelhilfe, ausgelassenen Mahlzeiten und Kindern, die hungrig schlafen gingen. Neue Vertriebene treffen also nicht auf ein Versorgungssystem mit Reserven, sondern auf eines, das bereits Mangel verwaltet.
Der Ausdruck „humanitäre Krise“ verdeckt leicht die Produktionsbedingungen dieses Mangels. Menschen werden durch Gewalt nach El Obeid getrieben; Verkehrswege werden militärisch umkämpft, Infrastruktur wird getroffen, Treibstoff knapp und humanitärer Zugang erschwert. Auf sozialer und humanitärer Ebene zeigen veröffentlichte Daten und journalistische Berichte, dass die Blockade wichtiger Straßen, die El Obeid mit den Nachbarstaaten verbinden, zu einer vollständigen Lähmung des Marktverkehrs und der landwirtschaftlichen Produktion geführt hat. Zugleich erklärte der sudanesische Regierungsvertreter am 24. August vor dem Sicherheitsrat, der humanitäre Hilfsplan sei nur zu 38,9 Prozent finanziert . African Security Analysis verweist zudem auf Gold, Steuern sowie die Kontrolle von Handelswegen und humanitären Zugängen als Bestandteile einer Konfliktökonomie, die bewaffnete Mobilisierung finanziert.
Hilfsorganisationen können Wasser transportieren, Mangelernährung behandeln und Sanitärversorgung improvisieren. Sie können aber keine sicheren Handelskorridore erzwingen, Waffenströme unterbrechen oder einen Waffenstillstand durchsetzen. Humanitäre Hilfe soll damit Folgen kompensieren, auf deren politische und militärische Ursachen sie kaum Zugriff hat.
El Fascher und der Preis des Wissens
Der Vergleich mit El Fascher bedeutet nicht, dass beide Städte bereits dieselbe Lage erreicht haben. Ende August wird El Obeid weiterhin von der SAF gehalten; eine wichtige Straßenverbindung konnte wieder geöffnet werden, und die Intensität der Drohnenangriffe schwankte. Auch die Absichten der RSF, die Verteidigungsfähigkeit der SAF und Details der eingesetzten Drohnensysteme bleiben teilweise unklar.
Relevant ist der Vergleich, weil El Fascher gezeigt hat, wie eine Katastrophe prozesshaft entsteht. Belagerung, eingeschränkter humanitärer Zugang, zerstörte Infrastruktur, Hunger und Gewalt gegen Zivilisten waren dort keine Überraschung am Tag des Massakers. Türk erinnerte Anfang Juli daran, die Verbrechen seien vorhersehbar gewesen und sein Büro habe wiederholt gewarnt: „Aber sie konnten nicht verhindert werden“. Ende Juli erklärte Alan Boswell von der International Crisis Group, die frühen westlichen Warnungen vor El Obeid seien gerade durch dieses Scheitern motiviert.
An Warnungen fehlt es auch jetzt nicht. UN, G7, EU und Hilfsorganisationen haben vor Angriffen und möglichen Massenverbrechen gewarnt. Im Sicherheitsrat wurde über Sanktionen, externe Unterstützer und Drohnentechnologie gestritten. Die USA schlugen ein erweitertes Waffenembargo einschließlich unbemannter Luftfahrzeuge vor; Russland wandte sich gegen zusätzlichen Sanktionsdruck. Die Vereinigten Arabischen Emirate verwiesen wiederum auf zivile Opfer durch SAF-Angriffe. Einigkeit besteht leichter über das Entsetzen als über Maßnahmen gegen diejenigen, die den Krieg ermöglichen.
Tom Fletcher brachte die politische Diagnose vor dem Sicherheitsrat auf den Punkt: „Dieser Rat ist nicht machtlos.“ Die Tragödie bestehe nicht darin, dass man nicht wisse, was zu tun sei, sondern darin, „dass wir noch nicht den Willen dazu gefunden haben“. Genau darin liegt der Unterschied zwischen Frühsommer und Ende August. Damals wurde vor einer Entwicklung gewarnt. Inzwischen sind zentrale Elemente dieser Warnung Realität: mehr Vertriebene, überfüllte Lager, beschädigte Wasser- und Energieversorgung, steigende Lebensmittelpreise, Mangelernährung, Cholera und Angriffe auf zivile Räume.
El Obeid ist noch nicht zwangsläufig das nächste El Fascher. Eine Katastrophe beginnt aber nicht erst mit der Eroberung einer Stadt oder einem Massaker. Für eine Familie mit sieben Litern Wasser pro Kopf, für ein mangelernährtes Kind oder eine Frau, die den gefährlichsten Zeitpunkt zum Wasserholen abwägen muss, ist die Grenze zwischen „drohend“ und „eingetreten“ ohnehin eine bürokratische Kategorie.
Die Warnzeichen sind bekannt, die Mechanismen beschrieben und die möglichen Konsequenzen durch El Fascher vorgeführt. Sollte El Obeid weiter in dieselbe Richtung gehen, wird deshalb kaum jemand glaubwürdig sagen können, die Welt sei überrascht worden. Die unangenehmere Wahrheit wäre: Man hat die Katastrophe kommen sehen, ihre Stadien dokumentiert und über Gegenmaßnahmen beraten, während sie bereits begann.