Donnerstag, 02.07.2026 / 20:24 Uhr

Sudan: Wenn Lügen töten

Gastbeitrag von Peter Laskowski
Desert
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Stock.Snap.io (Bildquelle)

Im Sudan wird nicht nur mit Raketen, Drohnen und Bodentruppen gekämpft. Seit dem 15. April 2023 ist auch der digitale Raum Teil des Krieges. Dort kursieren falsche Siegesmeldungen, Deepfakes, Bots und Gerüchte in Messenger-Gruppen. Sie beeinflussen, wohin Menschen fliehen, wem sie vertrauen, ob Hilfe ankommt und wo Gewalt möglich wird.

Musab al-Sayyid wollte in Jabra, südlich von Khartum, bei seiner kranken Mutter bleiben. Sie war auf Diabetes-Medikamente angewiesen. Dann stieß er auf einer nicht verifizierten Facebook-Seite auf die Warnung, eine Invasion stehe unmittelbar bevor; Artillerie werde das Viertel innerhalb weniger Stunden zerstören. Er brachte seine Mutter Richtung Al-Jazirah in Sicherheit. Unterwegs wurden beide ausgeraubt. Auch die Tasche mit den Medikamenten war weg. Ohne Versorgung starb seine Mutter.

So sieht Informationskrieg aus, wenn er den Körper erreicht: ein Post, ein Klick, eine Flucht, ein Tod. Eine Lüge reicht, wenn sie im richtigen Augenblick auf Angst trifft.

Seit Beginn des Krieges stehen sich die Sudanese Armed Forces von Abdel Fattah al-Burhan und die Rapid Support Forces unter Mohamed Hamdan Dagalo, genannt Hemedti, gegenüber. Beide Seiten ringen nicht nur um Städte, Straßen und Stützpunkte. Sie kämpfen auch darum, wie dieser Krieg erzählt wird. Gerüchte, manipulierte Videos, Trollkampagnen, Diaspora-Livestreams und Messenger-Gruppen sollen Gewalt erklären, Gegner entmenschlichen und Menschen in Bewegung setzen. Manchmal endet das tödlich.

Die Sudan Tribune beschreibt Desinformation als ein „stilles, unsichtbares Kriegsinstrument“, das Zivilisten „in ihren Häusern und Notunterkünften“ tötet. Nicht jede Falschmeldung führt direkt zu einem Massaker. Manche aber treiben Menschen aus vergleichsweise sicheren Gegenden, machen Hilfslieferungen verdächtig oder erklären Nachbarn zu Verrätern. Die Kugel kommt später. Die Erlaubnis dazu wird oft früher formuliert.

Zwei Armeen, zwei Erzählmaschinen

Die Ifri-Studie von Selma El Obeid beschreibt einen Propagandakrieg, in dem echte, falsche und manipulierte Informationen immer schwerer auseinanderzuhalten sind. Weil unabhängige Berichterstattung kaum noch durchdringt, verbreiten sich Falschmeldungen schneller als ihre Korrekturen. Radio Dabanga fasst die Lage so zusammen: SAF und RSF prägen die Kriegserzählung durch Unterstützernetzwerke, Desinformation und Zensur, ohne den Informationsfluss vollständig kontrollieren zu können.

Propaganda brauchte nie Wahrheit. Neu sind die Menge der Kanäle, das Tempo und die Mischung aus Befehl, Gerücht und Unterhaltung.

Die SAF nutzt staatliche Institutionen und militärnahe Medien. Ein anonymer Armeeoffizier sagte der Sudan Tribune: „Krieg dreht sich in erster Linie um die Kontrolle der Medien, der öffentlichen Meinung und der Mobilisierung“. Öffentlichkeit erscheint in diesem Satz nicht als Raum der Prüfung, sondern als Rohstoff.

Zu diesem Apparat gehören Social-Media-Seiten der Armee, Sicherheitsplattformen des Nachrichtendienstes, Onlinezeitungen, die „Elektronische Abschreckungsbrigade“ sowie mehr als 1.500 WhatsApp-Gruppen, die zivile Antikriegsstimmen unterdrücken sollen. Wo so viele Gruppen Zustimmung herstellen müssen, scheint Zustimmung nicht von selbst zu entstehen.

Auch die RSF arbeitet mit digitalen Plattformen, teils von außerhalb des Sudan aus. Messenger-Kanäle wie „Friedensregierung“ oder „TASIS-FCF“ verbreiten Meldungen über Feldsiege und politische Narrative . ADF berichtete, die RSF setze auffällig stark auf englischsprachige Inhalte und stelle sich als pro-demokratische Kraft dar. Für das Inland der Sieg, fürs Ausland die Demokratie .

Die Reichweiten zeigen, wie groß dieser Kampf um Aufmerksamkeit ist. ADF berichtete, al-Burhan und die SAF hätten zusammen rund 1,4 Millionen Twitter-Follower gehabt, Hemedti und die RSF rund 900.000. Die RSF habe 900 inaktive Twitter-Konten übernommen. Facebook entfernte 2021 insgesamt 116 Seiten, 666 Nutzerkonten, 69 Gruppen und 92 gefälschte Instagram-Konten. Auf SAF-Seite untersuchte Valent Projects mehr als 12.500 Tweets mit dem Hashtag #SAF; 113 Accounts verbreiteten Slogans wie „Neutralität ist Verrat“. Darin steckt die Kurzform jeder Kriegslogik, die zwischen Zustimmung und Feindschaft keinen zivilen Raum mehr zulässt.

Deepfakes, Verdacht und digitale Pranger

Die Methoden reichen von klassischen Fälschungen bis zu KI-generierten Inhalten. Im Sudan verbreiten sich gefälschte Audioaufnahmen, manipulierte Videos, falsch eingeordnete Bilder und erfundene Meldungen über Angriffe oder Siege. Alte Satellitenbilder werden als aktuelle Beweise ausgegeben; Videosequenzen aus Computerspielen erscheinen als Aufnahmen von der Front. Wahrheit ist nicht nötig, wenn ein Bild die gewünschte Reaktion auslöst.

Eine psychologische Operation drehte sich laut Sudan Tribune um Gerüchte über Hemedtis Tod. Militärnahe Livestreamer präsentierten angebliche Beweise. Ein Kommentator behauptete, Stimme und Bewegungen des RSF-Führers deuteten auf einen KI-generierten Roboter oder ein Double nach einer Schönheitsoperation hin. Diese Erzählung hielt sich monatelang und sollte die Basis der RSF verunsichern. Desinformation arbeitet hier nicht nur mit Fälschung. Sie pflanzt Verdacht.

Radio Dabanga nennt noch eine zweite Gefahr. Eilaf Mohamed von AMEL warnte, KI-Deepfakes stifteten Verwirrung. Noch gefährlicher sei aber, dass echte Inhalte, die dem eigenen Narrativ widersprechen, als KI abgetan werden können. Der Deepfake beschädigt damit nicht nur das Vertrauen in falsche Bilder, sondern auch das Vertrauen in richtige.

Nach Rückeroberungen wurden laut Radio Dabanga Facebook-Seiten wie „Report a Collaborator“ populär. Sie richteten sich gegen angebliche Kollaborateure in Gebieten, die von SAF und Sudan Shield zurückerobert worden waren. Der digitale Pranger ersetzt den Kontrollpunkt nicht. Er bereitet ihn vor.

Suha und ihre drei Brüder erlebten das in Wad Madani. Militärnahe Plattformen hatten am 18. Dezember 2023 einen Sieg gefeiert. Die Familie blieb. Am nächsten Morgen war die Stadt gefallen. Auf der Flucht verloren die Geschwister ihre Ausweise und wurden an einem Kontrollpunkt als angebliche Rebellenhelfer festgenommen. Erst meldet die Plattform einen Sieg. Dann produziert sein Scheitern Verdächtige.

Livestreams aus der Sicherheit der Ferne

Der Krieg wird nicht nur aus Khartum, Nyala, Port Sudan oder El Fasher erzählt. Er wird auch aus Europa, Kanada, Saudi-Arabien und den Golfstaaten kommentiert, verstärkt und angeheizt. Onor Hamad beschreibt, wie Influencer aus der Diaspora Narrative formen, Gewalt rechtfertigen und Polarisierung verschärfen. Soziale Medien seien längst kein bloßer Spiegel des Konflikts mehr, sondern ein eigenes Konfliktfeld.

Hamad zählt mehr als 50 aktive Accounts, die das Kriegsgeschehen im Sinne der RSF oder der SAF verzerren. Auf TikTok und Facebook verwischen Influencer die Grenze zwischen ziviler Debatte und Militärpropaganda. Ein RSF-naher Account kommt auf rund 655.000 Follower, ein SAF-naher Account aus Frankreich auf etwa 1,6 Millionen; Al-Insirafi erreichte mehr als 45 Millionen YouTube-Aufrufe.

Solche Zahlen sind Machtangaben. Wer 1,6 Millionen Menschen erreicht, ersetzt keine Division. Aber er kann ein Klima schaffen, in dem eine Division als Rettung erscheint. Hamad beschreibt Livestreams mit Kämpfern und Feldkommandeuren, teils vor 5.000 oder mehr Zuschauern. Das sind keine neutralen Mediengespräche. Es sind Machtdemonstrationen. Die Front wird zum Format.

Besonders gefährlich wird es, wenn Influencer direkt in Konfliktdynamiken eingreifen. Hamad schildert einen RSF-nahen Influencer in den Niederlanden, der öffentlich die Absetzung eines RSF-Kommandeurs in Kordofan forderte und sich dabei direkt an Hemedti wandte. Das ist mehr als Propaganda. Es ist informelle Befehlspolitik vor Publikum. Wer aus sicherer Entfernung zur Fortsetzung des Krieges drängt, trägt nicht zwangsläufig das Risiko der Menschen, die am nächsten Kontrollpunkt stehen.

Wo Hilfe schweigt, füllen Gerüchte die Lücke

Der CDAC-Bericht zeigt, wie Falschinformationen Hilfe verzögern, Vertrauen zerstören und Gewalt rechtfertigen können. Eine seiner deutlichsten Aussagen lautet: „Schweigen ist nicht neutral“ . Gemeint ist das Schweigen humanitärer Akteure, die aus Sorge vor Gegenreaktionen auf sensible Gerüchte oft spät reagieren. Diese Vorsicht ist verständlich. Sie lässt aber einen Raum offen, in dem andere schneller sprechen.

CDAC fordert, Information als Teil humanitärer Infrastruktur zu begreifen. Fehlinformationen, Desinformation und Hassrede beeinflussen, wer Hilfe erhält, wer ins Visier gerät und wem geglaubt wird. Eine Lastwagenkolonne mit Mehl hilft wenig, wenn das Gerücht schneller ist, das Mehl sei vergiftet.

Die Sudan Tribune berichtet von falschen Warnungen, gefälschten Audioaufnahmen und simulierten Explosionen. Mitte Mai 2023 flohen in einer Nacht mehr als 15.000 Menschen aus Teilen von Khartum Nord und Omdurman, nachdem Gerüchte vor Rebellenkonvois gewarnt hatten. Später stellte sich heraus, dass dort keine militärische Bedrohung bestand. Die verlassenen Häuser wurden geplündert . Das Gerücht begleitete die Plünderung nicht nur. Es räumte ihr den Weg frei.

Auch Hassrede entsteht nicht im luftleeren Raum. Radio Dabanga zitiert Amgad Abdelgadir mit der Einschätzung, Desinformation und Hassrede seien „zwei Seiten derselben Medaille“. Soziale Medien würden genutzt, um Gräueltaten vorzubereiten und zu rechtfertigen, häufig entlang ethnischer Linien. Wer Opfer vorher als Verräter oder Schläferzellen markiert, muss später weniger erklären.

Gleichzeitig schrumpft der Raum für unabhängige Information. Access Now dokumentierte 2025 vier Kommunikationsausfälle im Sudan, darunter das WhatsApp-Verbot und Blockaden um El Fasher. Marwa Fatafta schätzte, dass seit Kriegsbeginn 90 Prozent der Medieninfrastruktur zusammengebrochen oder beschädigt worden seien und rund 80 Prozent der Journalisten ihre Arbeit verloren hätten. Wo unabhängige Medien verschwinden, entsteht keine Stille. Es entsteht ein Markt. Eine Armee braucht Sieg, eine Miliz Legitimität, ein Publikum Gewissheit.

Der Informationskrieg zeigt, wie moderne Gewalt ihre Sprache verändert hat: Kasernenton, Livestream-Dialekt, Messenger-Chat. Die Technik ist neu. Der Wunsch, Menschen in Lager zu sortieren, ist es nicht.

Schwäche der Kriegsnarrative

Die politische Schwäche beider Kriegsnarrative liegt darin, dass sie sich als Schutz der Bevölkerung ausgeben und zugleich deren Urteilsfähigkeit angreifen. Die SAF spricht von Souveränität und nutzt Denunziationslogiken. Die RSF spricht nach außen von Demokratie, während ihre Plattformen Feldsiege melden und Gewalt legitimieren.

Der Menschenrechtsanwalt Al-Moez Hadra sagte der Sudan Tribune, digitale Medien seien im sudanesischen Krieg in zerstörerische Waffen verwandelt worden. Ihre Gefahr könne den Bereich von Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit berühren, besonders bei Hassrede, ethnischer Gewaltanstiftung oder Gerüchten, die unmittelbar zu tödlicher Vertreibung führten. Das ist keine Metapher mehr. Es klingt wie der Entwurf einer Anklage.

Gegenkräfte gibt es trotzdem. CDAC beschreibt Freiwillige, Lehrkräfte, religiöse Führer, ehemalige NGO-Mitarbeiter und Notfallnetzwerke, die Hilfsinformationen prüfen und weitergeben. Ihre Arbeit ist weniger spektakulär als ein Deepfake. Aber sie hält sich an die Wirklichkeit.

Für den Journalismus ergibt sich daraus eine klare Aufgabe. Er darf Desinformation nicht als Kuriosität der Plattformen behandeln. Er muss fragen, wer die Lüge braucht, wer sie bezahlt, wer sie verbreitet, wer von ihr profitiert und wer ihren Preis zahlt.

Im Sudan entscheidet sich nicht nur, welche Seite eine Stadt hält. Es entscheidet sich auch, ob eine Familie einer Warnung glaubt, ob eine Gemeinde Hilfe annimmt, ob ein Nachbar Nachbar bleibt oder zum Kollaborateur erklärt wird. Raketen zerstören Häuser. Desinformation entscheidet mit, wer das falsche Haus zur falschen Zeit verlässt oder darin bleibt.