Syrien: Neue Festnahmen und erste Prozesse gegen Assad Schergen
In Syrien beginnt die Regierung Kriegsverbrecher festzusetzen und vor Gericht zu stellen.
Im Jahr 2000 übernahm Bashar Al Assad die Regierungsgeschäfte in Syrien, nachdem sein Vater Hafiz starb. Im Ausland war die Hoffnung groß, dass es in Syrien eine Wende gebe und der neue Staatschef das Land öffne. Innenpolitisch versprach der junge Assad Reformen und den Kampf gegen Korruption, der logischerweise aber bei seiner eigenen Familie halt machte.
In der syrischen Gesellschaft herrschte große Angst, aber auch der Blick nach vorne in eine mögliche bessere Zukunft.
In 2011, nachdem in Tunesien große Proteste gegen den dortigen Diktator Ben Ali ausbrechen, sprühten Jugendliche im syrischen Daraa “Das Volk will den Fall des Diktators” an eine Wand. Sie wurden verhaftet und gefoltert.
Daraufhin folgten Proteste, die in einen Bürgerkrieg mit einer halben Millionen Toten, fast 15 Millionen Flüchtlingen und mehr als 100.000 bis heute verschwundenen Menschen sowie Einsätzen von Giftgas gegen die eigene Bevölkerung mündete.
Im Jahr 2024 kam es wider erwarten zum Sturz des Diktators, der mit seiner engsten Familie nach Russland flüchtete.
An die Macht kam nun die National- islamistische Gruppierung “HTS” (Hai’at Tahir ash-sham- Komitee zur Befreiung der Levante), deren Chef Ahmed Al Sharaa, Kampfname Al-Jolani, die Regierungsgeschäfte in Damaskus übernahm.
In den letzten Jahren des Bürgerkrieges und nach dem Sturz der Diktatur bildeten sich Gruppen und Organisationen, die nicht nur Beweise für die systematischen Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung sammelten, sondern auch Projekte für eine Aussöhnung der Gesellschaft initiierten.
Seit dem Sturz der Diktatur wurden bereits einige Figuren des Systems festgenommen und vor Gericht gestellt.
Festnahmen von Schlächtern Assads
Unter den inhaftierten Schlächtern ist Atef Najib, ein Cousin von Bashar Assad und Leiter der politischen Sicherheitsbehörde in Daraa. Ende 2024 gefunden und im April 2026 vor Gericht gestellt, gilt er als ehm. Leiter der sogenannten “politischen Sicherheitsbehörde” in Daraa, als Zentrale Figur ´, durch die der Brügerkrieg begann. Als die Familien die Freilassung ihrer Kinder forderten, antwortete er: “Vergesst eure Kinder. Wenn Ihr Kinder wollt, macht mehr Kinder. Wenn Ihr nicht wisst, wie, bringt uns eure Frauen und wir machen sie für euch”
Knapp 60 seiner Opfer waren am ersten Prozesstag im Gerichtssaal und hörten, wie der Richter die Anklagepunkte verlas. Ihm wird die Teilnahme und Ausführung an Folter mit Todesfolge der 2011 in Daraa inhaftierten Jugendlichen und anderen Gefangenen vorgeworfen. Außerdem habe er am Massaker in der Al Omari Moschee in Daraa mit mindestens 37 Toten teilgenommen und den Demonstranten die medizinische Hilfe verweigert. Darüber hinaus wird ihm zur Last gelegt, Sniper auf den Dächern Daraa, mit dem Ziel, Demonstranten zu erschießen, positioniert zu haben, also die gezielte Tötung friedlicher Demonstranten durch auf Dächer sitzenden Sniper Soldaten.
In diesem Prozess wurden diese Verbrechen auch im Kontext des internationalen Rechts gebettet und somit kommen zu diesen einzelnen Anklagepunkten Verbrechen gegen die Menschlichkeit hinzu.
Giftgasangriffe auf die Ghoutas in 2013
2013 kam es zu einem der bis dahin schlimmsten Ereignisse des Krieges. In der Provinz Ghouta setzte das syrische Militär Giftgas gegen die Bevölkerung ein. Es wurden fast 1500 Menschen getötet und fast 4000 verletzt, darunter mindestens 100 Kinder.
Ein Jahr nach der berüchtigten “Rote Linie” Aussage des amerikanischen Präsidenten Barack Obama, kam es nicht zu einer internationalen Intervention. Damit wurde Assad und seine Unterstützer in Moskau und Teheran deutlich, dass sie die Oberhand im Land haben und jegliche Form von Gräueltaten gegen die Bevölkerung begehen können.
Der Chef der Sicherheitsbehörde der syrischen Luftwaffe in Damaskus, Brigade General Khardal Ahmad Dioub, wurde am 08. Mai 2026 von den syrischen Sicherheitsbehörden gefunden und inhaftiert. Ihm wird die Koordination und logistische Vorbereitung für den Einsatz international geächteter Waffen vorgeworfen. Zusätzlich wird Dioub wegen der Koordination mit ausländischen Kräften (Iranische Revolutionsgarden und Hisbollah) und die Verbrechen als Chef eines Tötungskommandos in Daraa angeklagt.
Weitere Offiziere festgenommen
Mit Dioub wurde ein weiterer General, Sahl Fajr Hassan, gefasst. Die Vorwürfe gegen ihn wurden nicht spezifiziert, es wurde lediglich mitgeteilt, dass er an der Niederschlagung des Widerstands beteiligt gewesen sei. Hassan war Teil des Sicherheitskommittees in Aleppo und Kommandeur eines Batallion der sogenannten “Republikanischen Garde” in der ost syrischen Stadt, Deir Ezzor.
Amjad Youssef, ehrenamtlich beim Militärgeheimdienst im Rang eines Unteroffiziers, wurde im April festgenommen. Er war maßgeblich am Massaker in Tadamon (Damaskus) 2013 beteiligt und für Beobachter der Lage kein Unbekannter.
Youssef übergab seinen Laptop einem Rekruten, um die Daten zu löschen und dieser gab die Beweisvideos an die Presse weiter. Zu sehen war u.a. ein Video, in dem Youssef einen Mann, dessen Augen verbunden waren, zu einer Grube führt, ihn erschießt und dort hinein schubst. Später wurden die Leichen verbrannt.
Das Massaker in 2013 verlief nach dem gleichen Schema. 40 Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, wurden an eine Grube geführt, erschossen und die Leichen später verbrannt. Experten zu Folge kam es ab 2013 in Tadamon zur systematischer Vernichtung von Zivilisten.
Laut Aussagen heutiger Bewohner roch es jahrelang nach verbrannten Leichen im Viertel.
Youssef wurde von einem Forscher aus Amsterdam 2022 ausfindig gemacht und kontaktiert. In diesem Gespräch gibt er zu, an der Tötung von etwa 40 Zivilisten beteiligt gewesen zu sein. Sein Motiv war Rache an seinem im Kampf gefallenen Bruder.
Der Direktor des Tishreen Militär “Krankenhauses” in Damaskus, Brigade General Akram Mousa wurde im April 2026 gefunden und inhaftiert. Tishreen wurde 1982 eröffnet und galt als modernstes Krankenhaus in ganz Syrien. Während des Bürgerkrieges wurde es zu Foltereinrichtung.
Erinnerungen an das berüchtige Sednaya Gefängnis
Überlebende berichten von Hinrichtungen durch Genickbruch. Das syrische Netzwerk für Menschenrechte sammelte Aussagen und Beweise, die diese Aussagen belegen und nach denen Inhaftierten Organe entnommen und vom Personal getötet wurden.
Nach Berichten von Überlebenden wurden Inhaftierte aus dem Sednaya Gefängnis und Tishreen regelmäßig in die jeweils andere Einrichtung verlegt.

Laut einem Arzt, der Informationen aus dem “Krankenhaus” geschmuggelt hat, war der Foltertrakt vom regulären Betrieb komplett abgeschottet. Für den Schmuggel der Beweise wurde er selber interniert. Die Insassen wurden vom Personal wie Tiere behandelt und Leichen mussten von den Überlebenden eingesammelt werden. Laut Schätzungen wurden im Tishreen “Krankenhaus” 39.000 Menschen inhaftiert, von denen lediglich 6.000 überlebten.
Ein weiterer “Arzt” aus einem anderen “Krankenhaus” in Homs, Ala Mousa, wurde im Juni 2025 in Deutschland wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, zu lebenslanger Haft verurteilt.
Folter von Frauen
Am 18. März 2026 wurde Hala Mounir Mohammad, 31, von den syrischen Sicherheitsbehörden festgenommen. Mohammad arbeitete als Freiwillige für die syrische Armee, der sie sich 2013 in der Nationalgarde anschloss. 2016 wurden Frauen als Wärterinnen eingesetzt. Mohammad wurde ins Al- Mezzeh Gefängnis nach Damaskus versetzt. Unter dem Decknamen “Mourina” war sie dort an der Folter der Insassen beteiligt. Laut Berichten Überlebender war sie die schlimmste von allen. Besonders sadistisch brach sie während der Folter in lautes Gelächter aus und brüstete sich damit als Sniper in Yarmouk Menschen getötet zu haben. Außerdem liebe sie es, Menschen zu töten. In diesem Gefängnis wurden während des Krieges ungefähr 30.000 Menschen gefoltert und umgebracht.
Das “Survivor Collective” suchte sechs Monate nach ihr und fand sie schließlich in Damaskus. Mohammad arbeitete als Friseurin in ihrem eigenen Salon und war sehr beliebt in der Nachbarschaft.
Die Regierung in Damaskus hat zwischenzeitlich einen offiziellen Antrag zur Auslieferung der Assad Familie an Moskau geschickt.
Es bleibt abzuwarten, ob die neue Regierung im Stande ist die Verfahren nach Maßstäben der internationalen Justiz zu gestalten und deren Taten vollumfänglich aufzuarbeiten.
