Sonntag, 28.06.2026 / 23:50 Uhr

Soziale Medien: Antisemitismus für den Swipe

Gastbeitrag von Jasmin Arémi
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Bild:
Alex Knight, Pixnio (Bildquelle)

Eine aktuelle Studie zeigt, wie antisemitische Codes über Emojis, Zahlenfolgen und Hashtags verbreitet werden, die nur für Insider verständlich sind – und so Gemeinschaft stiften.

In den Kommentarspalten sozialer Netzwerke begegnet man ständig Emojis, Zahlenfolgen und Hashtags. Deren Bedeutung mag sich nicht immer unmittelbar erschließen. Die im Online-Magazin Machine Against the Rage erschienene Studie »Portionierter Judenhass: Eine Vermessung des Antisemitismus auf TikTok« von Wyn Brodersen, Michael Schmidt und Maik Fielitz nimmt diese digitale Symbolsprache in den Blick. Sie zeigt, wie antisemitische Inhalte über Codes, Anspielungen und popkulturelle Versatzstücke verbreitet werden.

Unter den Bedingungen moderierter Plattformen greifen Social-Media-Nutzer zunehmend auf verschlüsselte Formen der Kommunikation zurück. Das kleine grüne Saftpäckchen-Emoji etwa steht in einschlägigen Kontexten für »Jews«, abgeleitet von »juice«, und dient als Chiffre für antisemitische Verschwörungsnarrative über vermeintlich mächtige Eliten. Der Hashtag #271 wiederum verweist auf eine holocaustrelativierende Lesart historischer Dokumente. Besonders auffällig ist jedoch #Agartha, bei dem es sich um einen der zentralen Bezugspunkte des untersuchten Materials handelt.

Hinter dem Begriff verbirgt sich die Vorstellung einer verborgenen arischen Urzivilisation im Erdinneren – ausgestattet mit überlegener Technologie und exklusiv zugänglich für eine vermeintlich höhere Rasse. Im Umfeld dieses Hashtags verdichten sich esoterische Mythen, rechtsextreme Fantasien und antisemitische Chiffren. Auffällig ist zudem seine Nähe zu Fitness- und Looksmaxxing-Communities, in denen Vorstellungen von Optimierung, Stärke und biologischer Überlegenheit eine wichtige Rolle spielen.

Diese Codes erfüllen eine doppelte Funktion, indem sie Zugehörigkeit markieren und für Nichteingeweihte zugleich ihren Inhalt verschleiern. Wer ihre Bedeutung weiß, erkennt die implizite Gemeinschaft, wer sie nicht kennt, nimmt oft nur harmlose Memes oder Insiderwitze wahr. Im untersuchten Material treten israelbezogene antisemitische Bezüge sowohl in eindeutig als auch in ambivalent codierten Beiträgen häufig auf.

 

Antisemitische Codes lassen sich auch deshalb so erfolgreich verbreiten, weil sie sich den Logiken der Plattformen anpassen. Bedeutung entsteht auf TikTok nicht allein durch Aussagen, sondern durch Wiederholung, Variation und algorithmische Verbreitung. Die Plattform privilegiert kurze, wiedererkennbare Formate, die sich leicht weiterverwenden und neu kombinieren lassen. Die Mehrdeutigkeit ist dabei Teil des Funktionsprinzips. Sie macht die Inhalte für Außenstehende schwer lesbar und ermöglicht zugleich eine niedrigschwellige Beteiligung.

Statt ausschließlich eindeutig antisemitische Inhalte zu untersuchen, analysieren die Autoren die Vernetzungen der dazugehörigen Hashtags. Dadurch wird sichtbar, wie Ressentiments in digitalen Öffentlichkeiten kursieren, auch dort, wo sie nicht offen ausgesprochen werden. Gleichzeitig bleibt dieser Zugang begrenzt, denn TikTok organisiert Sichtbarkeit nicht nur über Hashtags, sondern ebenso über Sounds, Bildsprachen und wiederkehrende Videoformate. Das Ergebnis ist eine Kartografie digitaler Verknüpfungen.

Antisemitische Inhalte erscheinen selten isoliert, sondern als Teil einer Kultur, in der Gaming, Fitness-Communities, Verschwörungsmythen und klassische antisemitische Stereotype miteinander verschmelzen. Ihre Wirksamkeit entsteht gerade daraus, dass sie oft wie Unterhaltung erscheinen.

Aus medienwissenschaftlicher Perspektive zeigt sich hier ein fundamentaler Wandel. Ideologien werden im digitalen Raum zunehmend nicht mehr als geschlossenes Weltbild vermittelt, sondern als soziale Praxis. Antisemitismus wird nicht nur erzählt, sondern durch Liken, Teilen, Kommentieren und die Aneignung bestimmter Codes performativ eingeübt. Und vor diesem Hintergrund greift auch die Forderung nach bloßer Löschung zu kurz. Wie Mitautor Wyn Brodersen betont, kann das Entfernen einzelner Inhalte bestehende Verschwörungserzählungen sogar bestätigen. Gefragt wäre stattdessen eine Moderation, die kulturelle Kontexte versteht und die Übergänge zwischen Ironie, Meme-Kultur und Ideologie erkennen kann.

 Wer verstehen will, wie sich antisemitische Ressentiments heute verbreiten, muss daher nicht nur auf ihre Aussagen schauen, sondern auf die kulturellen Formen ihrer Verbreitung. Die Studie macht deutlich, dass antisemitische Motive längst nicht mehr ausschließlich von einschlägig bekannten Akteuren verbreitet werden. Sie schreiben sich in virale Trends ein, werden Teil digitaler Alltagskultur und erscheinen dadurch oft harmloser, als sie sind. Im untersuchten Datensatz ist #Agartha der am stärksten vertretene Hashtag und dient den Autoren als besonders anschauliches Beispiel.

Beitrag zuerst erschienen auf Mena-Watch