Aschura in Berlin: Wie Kerbela zur politischen Mobilisierung für das Mullah-Regime instrumentalisiert wird
In Berlin wird Aschura nach den beiden Iran-Kriegen zunehmend zu einem politischen Symbolkonflikt durch die Mullah-Regime-Anhänger:innen um die Deutung schiitisch-islamischer Geschichte und Erinnerung.
Der iranische Staat und seine religiösen Führer inszenieren sich dabei als Erben Husseins, während politische Gegner in die Rolle Yazids gedrängt werden. Ruhollah Khomeini rief zu Beginn der islamistischen Revolution im Zusammenhang mit dem Aufruf zum antisemitischen Al-Quds-Tag: "Der Weg nach Jerusalem führt über Kerbela."
Unter dem Namen „Hayhat“ wird zu einer Aschura-Veranstaltung am 27.06.2026 in Berlin bundesweit mobilisiert. Die Organisatoren bedienen sich einer Sprache, die insbesondere im bestimmten antizionistischen linken Milieu, das nach „Free Gaza“ und „Free Palestine“ ruft, anschlussfähig ist: Frieden, Menschenwürde, Solidarität, Kampf gegen Rassismus und gegen Krieg.
Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und den Protestaktionen im Kontext des Iran-Kriegs ist die Teilnahme bestimmter linker Akteure an pro-palästinensischen und pro-iranischen Demonstrationen zu beobachten, bei denen auch die Flagge der Islamischen Republik und deren Führungssymbole sowie teilweise auch Symbole der Linkspartei in Deutschland sichtbar waren.
Diese Begriffe sind kein Zufall. Sie sind Teil einer injizierten politischen Strategie. Sie sollen verschleiern, legitimieren und neue Milieus erschließen. Denn hinter dieser Sprache steht eine Symbolik, die direkt an die propagierte Ideologie der Islamischen Republik anschließt – eines Systems, das genau diese Werte im eigenen Land systematisch unterdrückt.
Wo von Frieden gesprochen wird, geht es faktisch um die außenpolitischen Narrative der Mullahs. Wo Menschenrechte beschworen werden, dient dies der ideologischen Absicherung eines Regimes, das Oppositionelle verfolgt, Frauen entrechtet, Homosexuelle kriminalisiert und religiöse sowie ethnische Minderheiten diskriminiert, verhaftet und hinrichtet.
„Hayhat minna alzelleh“ und die politische Umdeutung von Kerbela
Der Name „Hayhat“ verweist auf den Ruf „Hayhat minna alzelleh“ – „Fern von uns ist die Erniedrigung“ des dritten Schiitischen Imam Hossein in der Schlacht von Kerbela (680 n. Chr.), der Symbol für den Jihad bei den Ayatollahs und den Revolutionsgarden einschließlich der Hisbullah gilt.
In der politischen Ideologie der Islamischen Republik ist dieser Satz längst aus seinem religiösen Kontext herausgelöst und in ein Instrument politischer Mobilisierung verwandelt worden. Kerbela steht hier ursprünglich nicht mehr für Trauer und Erinnerung, sondern für ein politisches Deutungsmuster: Märtyrer gegen Feind, Opfer gegen Unterdrücker, legitimer Widerstand gegen angeblich illegitime Gegner. Das ist keine religiöse Auslegung, sondern politische antiwestliche Ideologie.
Kerbela und die Entstehung der schiitischen Märtyrerdeutung
In der Schlacht von Kerbela wurde Husain ibn Ali getötet. Der Versuch, ihn als Führungsfigur der islamischen Gemeinschaft gegen Yazid I. durchzusetzen, scheiterte damit endgültig. In der schiitischen Überlieferung steht Kerbela seither für den Gegensatz zwischen „Unterdrückung und Gerechtigkeit“ und zählt zu den zentralen Märtyrereignissen der frühen islamischen Geschichte. Die kleine Gefolgschaft Husains – traditionell 72 Männer – wurde von den Truppen Yazids vernichtet, unter deutlichem zahlenmäßigen Ungleichgewicht.
Aschura im islamischen Deutungsspektrum
Aschura ist im Islam kein einheitlich festgelegter Gedenktag. Seine Bedeutung variiert je nach religiöser Tradition und historischer Erfahrung.
Im sunnitischen Islam steht häufig das Gedenken an die Rettung des Propheten Musa im Vordergrund, verbunden mit freiwilligem Fasten. Aleviten verstehen Aschura als Zeit der Besinnung, des Fastens und der ethischen Reflexion. Bei Alawiten spielt Kerbela eine eher symbolische Rolle ohne zentrale öffentliche Ritualisierung.
Im Zwölfer-Schiismus – insbesondere im Iran, Irak und Libanon – ist Aschura hingegen ein zentraler Trauertag mit stark ritualisierten Formen. Gerade hier zeigt sich, wie leicht sich religiöse Praxis politisch aufladen lässt.
Diese Unterschiede machen deutlich: Aschura ist kein festes Ritualsystem, sondern ein offenes Deutungsfeld – und genau deshalb besonders anfällig für politische Instrumentalisierung der islamischen Republik. Dies ist offenbar bei Abbildung der bestimmten Ländern-Flaggen in der Region auf dem Plakate zur Aschura-Demonstration am 27.06.2026 erkennbar. Die gezeigten Flaggen (von links nach rechts) sind: Pakistan, Aserbaidschan, Türkei, Bahrain, Iran, Irak, Libanon und Deutschland — die jemenitische Flagge fehlt. Das Logo oben erinnert in seiner Farbgestaltung an die Palästina-Flagge, ohne dass ein eindeutiges palästinensisches Symbol zu erkennen ist. Der schiitisch-palästinensischer Islamischer Jihad ist auch ein Handlangerorganisation der islamischen Republik im Iran.
Aschura als Modell der Islamischen Republik
Für die Islamische Republik ist Kerbela nicht nur religiöse Erinnerung, sondern ein politisches und ideologisches Modell. Im Zentrum steht die Figur des Märtyrers im Kampf gegen den Feind, die zur Legitimation gegenwärtiger Politik herangezogen wird.
Der iranische Staat und dessen religiöse Führer inszeniert sich dabei als Erbe Husseins, während politische Gegner in die Rolle Yazids gedrängt werden. Diese Gegenüberstellung ist bewusst gewählt: Sie vereinfacht komplexe politische Konflikte und stabilisiert klare Feindbilder für die Gläubigen.
Diese Strategie endet nicht an den Grenzen des Iran. Sie wird gezielt in den Auslandskontext getragen – in den Irak und auch nach Deutschland.
Arba'in: Die Fortsetzung der politischen Mobilisierung
Die politische Instrumentalisierung von Kerbela endet nicht mit Aschura. Vierzig Tage später folgt Arba'in, die schiitische Gedenkzeremonie zum Tod Husseins. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Islamische Republik Arba'in zu einem der größten politischen und religiösen Massenereignisse der Region ausgebaut.
Jährlich versendet es Millionen Pilger:innen aus dem Iran und auch aus Deutschland nach Kerbela im Irak. Das iranische Regime investiert dafür enorme finanzielle, organisatorische und logistische Ressourcen. Staatliche Institutionen, regimenahe Stiftungen, Revolutionsgarden, religiöse Organisationen und politische Netzwerke sind an der Mobilisierung beteiligt. Straßen, Unterkünfte, Hotels, Pensionen und Versorgungsstrukturen und Transportkapazitäten werden mit erheblichem Aufwand organisiert und staatlich finanziert.
Arba'in dient dabei nicht nur religiösen Zwecken. Die Veranstaltung ist zugleich eine Demonstration schiitischer Macht und des politischen Einflusses der Islamischen Republik in der Region. Das Regime präsentiert sich als Schutzmacht der Schiiten und versucht, seine ideologische und politische Führungsrolle über nationale Grenzen hinaus sichtbar zu machen.
Die Pilgerzüge nach Kerbela werden deshalb von der iranischen Führung regelmäßig als Zeichen der Stärke der sogenannten „Widerstandsfront“ dargestellt. Religiöse Erinnerung, politische Mobilisierung und geopolitischer Machtanspruch verschmelzen zu einer Inszenierung, die weit über die eigentliche Gedenkfunktion hinausgeht.
Aschura und Arba'in sind im ideologischen Selbstverständnis der Islamischen Republik Teil derselben politischen Mobilisierungsstrategie.
Mobilisierung mit linken Begriffen
Die Initiative Hayhat tritt nach außen als angeblich offene Bewegung auf. Ihre Sprache orientiert sich an linken und zivilgesellschaftlichen Diskursen in Europa und schafft dadurch Anschlussfähigkeit.
Unter Begriffen wie „Widerstand“ werden jedoch politische Inhalte transportiert, die eng mit der sogenannten „Widerstandsachse“ verbunden sind – darunter Hisbollah, Hamas, Huthi und Haschd al-Schaabi.
Ob dies bewusst geschieht oder nicht, ist politisch zweitrangig. Entscheidend ist die Wirkung: die Normalisierung eines Deutungsrahmens, der mit den außenpolitischen Interessen der Islamischen Republik übereinstimmt.
Die Demonstration vom 24. Mai 2026
Bereits am 24. Mai 2026 trat Hayhat mit einer Demonstration in Berlin öffentlich auf. Nach Analyse des Projekts Democ war die Veranstaltung von Unterstützern der Islamischen Republik geprägt. Es wurden Porträts von Ali Khamenei gezeigt und staatliche Propagandalieder abgespielt. Zudem wurde die Demonstration von einem Korrespondenten des iranischen Staatsfernsehens begleitet.
Zu den öffentlich genannten Akteuren gehörten Hani Karimian und Jürgen Grassmann. Grassmann ist seit Jahren in antiisraelischen Mobilisierungen in Berlin aktiv, unter anderem laut Beobachtungen im Umfeld von jährlichem Al-Quds-Marsch. Karimian wurde im Kontext schiitischer Organisationen in Deutschland genannt, unter anderem im Umfeld der Imam-Ali-Moschee in Frankfurt und des Islamischen Zentrums Hamburg. Er ist außerdem laut veröffentlichten Videos bei manchen Pro-Gaza-Demonstrationen in Deutschland mitverwickelt.
Karimian trat zudem als Kläger gegen den Verfasser dieses Artikels, Kazem Moussavi, vor dem Frankfurter Gericht auf (in 2024).
Diese personellen Kontinuitäten zeigen die Stabilität der politischen Milieus trotz wechselnder Organisationsformen.
Hinzu kommt die fehlende organisatorische Transparenz. Im Impressum der Initiative Hayhat werden keine klar verantwortlichen Personen benannt, stattdessen erscheint mehrfach der Hinweis „in Gründung“.
Diese Struktur folgt bekannten Mustern regimenahe Netzwerke im Ausland: wechselnde Namen, unklare Verantwortlichkeiten und flexible Organisationsformen erschweren politische Einordnung und juristische Kontrolle.
Politische Realität
Während in Berlin unter dem Symbol von Aschura über Widerstand gesprochen wird, setzt die Islamische Republik im eigenen Land insbesondere nach den Iran-Kriegen und während der US-Verhandlungen ihre Repressionspolitik fort: gegen Frauen, gegen Oppositionelle, gegen politische Gefangene, gegen Minderheiten und gegen jede Form von Dissens, insbesondere unter dem angeblichen Vorwand "Spionage für Israel und Zionisten".
Der Begriff „Widerstand“ dient seit Jahrzehnten als ideologische Rechtfertigung für Innen- und Außenpolitik des Regimes.
Kerbela als politisches Instrument
Wenn Kerbela heute in Berlin politisch aufgeladen wird, geht es nicht nur um religiöse Erinnerung.
Es geht um die Übertragung eines politischen Deutungsmusters in aktuelle Konflikte des Regimes mit den USA und Israel, auch im Zusammenhang mit seinem Atom- und Raketenprogramm.
Aschura wird damit zu einem politischen Raum. Wer diesen Raum nicht kritisch analysiert, überlässt ihn Mullah-Akteuren mit klarer ideologischer Agenda.
Für die Veranstaltung am 27.06.2026 ist zu erwarten, dass die politische Symbolik und Flagge der Islamischen Republik sichtbar wird. Wer für Demokratie, Säkularismus, Frauen- und Minderheitenrechte und gegen Antisemitismus eintritt, sollte sich davon klar distanzieren.
Denn es geht nicht um religiöse Vielfalt, sondern um die politische Instrumentalisierung schiitisch-islamistische Symbolik im Interesse eines autoritären Staates, der in Deutschland neue Mitläufer: innen für die islamische Republik rekrutieren will.
Quellen
http://www.eslam.de/begriffe
iemals_unterdrueckung.htm
https://democ.de/artikel/israelfeindliche-und-islamistische-propaganda-fuer-das-iranische-regime/
https://asanb.noblogs.org/?p=17464