Syrien: Untersuchungskommission geht vom Tod der Al-Abbasi-Kinder aus
Die syrische "National Commission for Missing Persons" hat in einer Erklärung bekannt gegeben, dass man nach sorgfältiger Untersuchung nun mit großer Sicherheit sagen könne, dass die Kinder von Dr. Rania Al-Abbasi nicht mehr am Leben seien.
Das Schicksal der sechs Kinder wurde zum Symbol für das Leid Tausender vermisster Kinder von Inhaftierten. Die gesamte Familie war 2013 von Milizen des Assad-Regimes gewaltsam entführt worden. Seitdem hatte man nichts mehr von ihnen gehört. Der Fall hatte große Aufmerksamkeit erfahren, weil die Familie bekannt war und ein Bruder von Frau Al-Abbasi sich von Kanada aus sehr um Aufklärung und Öffentlichkeit bemüht hatte. So berichtete er in einem Video von seiner Kontaktaufnahme mit SOS-Kinderdörfer in Syrien, nachdem er erfahren hatte, dass die Kinder seiner Schwester dort möglicherweise festgehalten würden.
In einer Erklärung räumte SOS-Kinderdörfer später ein, dass man tatsächlich bis 2019 auf Ersuchen des syrischen Regimes immer wieder Kinder von Inhaftierten aufgenommen habe. Ähnliche Vorfälle wurden auch bei SOS-Kinderdörfer Russland bekannt. Im Falle Syriens habe man bisher insgesamt 140 Kinder identifizieren können. Man kooperiere vollständig mit den ermittelnden Behörden und sei an einer umfassenden Aufklärung interessiert.
SOS-Kinderdörfer präsentiert sich zwar als internationale Organisation und sammelt selbstverständlich auch als solche Spenden (Spendenvolumen Deutschland 2024: 190 Mio. Euro, 3,6 Mio. davon gingen an SOS-Kinderdörfer Syrien), ist jedoch nicht bereit, eine entsprechend weitreichende Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen: "Aufgrund der Eigenständigkeit der nationalen Vereine, so auch des Vereins SOS-Kinderdörfer Syrien, haben wir auch als internationale Organisation nur begrenzt Einblicke in die Abläufe vor Ort." Diese Haltung mag irritieren, gerade wenn es um das Wohl besonders schutzbedürftiger Kinder geht.
Auch die jahrelangen intensiven Kontakte der Organisation zum Assad-Regime lassen aufhorchen. So berichtete der "Spiegel": "Im Jahr 2006 traf der damalige Vorsitzende des SOS-Dachverbands in Österreich den syrischen Machthaber in Damaskus. Drei Jahre später besuchte Asma al-Assad ein Kinderdorf in der Nähe von Wien. Nach Beginn des Aufstands gegen Assad im Frühjahr 2011 und der folgenden blutigen Niederschlagung der Proteste intensivierten die Kinderdörfer sogar noch die Kooperation. Von 2012 bis Ende 2018 betrieben sie ein Nothilfeprojekt, das auch von dem »Syria Trust for Development« unterstützt wurde, einer von Asma al-Assad gegründeten Organisation."
Vor dem Hintergrund dieser vielfältigen Verstrickungen in das syrische Unrechtsregime und dem nicht unbeträchtlichen Ausmaß der begangenen Verbrechen ist es bemerkenswert, dass SOS-Kinderdörfer, abgesehen von der Einsetzung einer internen Untersuchungskommission und dem Austausch von Vorstand und Aufsichtsrat des syrischen Vereins, offenbar keine weitergehenden Konsequenzen zu ziehen bereit sind.
Ob die Kinder der Al-Abbasis tatsächlich in einem syrischen SOS-Kinderdorf untergebracht waren, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Die Zukunft Syriens wird auch davon abhängen, wie weit es gelingt, diese und ähnliche Verbrechen möglichst lückenlos aufzuklären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.
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