Samstag, 14.02.2026 / 20:53 Uhr

Iran: Ein Leben wie im Käfig

"The Cage", Art in support of Iranian women

Bild:
Alexander Flora

Das islamische Regime und sein Kontrollsystem haben durch die Ausweitung der Überwachung und Kontrolle eine Art unsichtbaren Käfig geschaffen, in dem die Iraner ihr Leben fristen müssen.

Statistiken und offizielle Berichte über die Menschenrechtslage im Iran sind zwar notwendig und glaubwürdig, vermitteln jedoch oft nur ein abstraktes und verallgemeinerndes Bild der Realität. Was diese Daten zu einer greifbaren Erfahrung macht, ist die Schilderung des Alltagslebens von Bürgern, welche die Folgen der Politik und Kontrollmechanismen nicht auf theoretischer Ebene, sondern in ihrem täglichen Leben, ihren sozialen Beziehungen und ihren Zukunftsvisionen spüren.

Ausgehend von den Lebenserfahrungen der 21-jährigen Studentin Sahar untersucht dieser Artikel, wie politische Unterdrückung, soziale Überwachung, Wirtschaftskrise und digitale Restriktionen im heutigen Iran miteinander verflochten sind und die Bandbreite individueller Entscheidungen einschränken und prekär machen. Sahars Geschichte ist kein Einzelfall, sondern spiegelt die Situation einer Generation wider, die nach den jüngsten Protesten der letzten Monate in einem zunehmend instabilen Umfeld lebt, das nur scheinbar paradoxerweise zugleich von steigender Präsenz der Sicherheitskräfte wie wachsender Unsicherheit geprägt ist.

Risikoreicher Ort

Es ist zeitig am Morgen. Sahar steht vor dem Spiegel in ihrem Zimmer und richtet ihr Kopftuch – nicht aus Überzeugung, sondern aus Zwang. Eine SMS, die sie am Vortag von der Universitätsleitung erhalten hatte, ist noch immer auf ihrem Handy gespeichert: »Im Falle eines wiederholten Verstoßes gegen die Kleiderordnung auf dem Universitätsgelände wird ein Disziplinarverfahren eingeleitet.« Die Studentin weiß natürlich, dass solch ein Disziplinarverfahren zu einer Suspendierung, zum Entzug der Ausbildung oder sogar zu weitreichenden Konsequenzen wie Inhaftierung und Anklage führen kann.

Die Wahl, vor der sie steht, ist einfach, aber schmerzhaft: Entweder ihren Körper den auferlegten Regeln anzupassen oder eine Strafe zu riskieren. Widerwillig legt sie sich das Kopftuch über die Schultern und beschließt, es beim Betreten der Universität ordnungsgemäß zu tragen. Diese momentanen Anpassungen sind Teil ihrer Überlebensstrategien im Alltag geworden.

Währenddessen informiert sie ein Anruf einer ihrer Kommilitoninnen über eine neue Entscheidung der Universität: Aufgrund der Sicherheitslage und der Proteste wird der Unterricht online stattfinden. Sahar wusste davon nichts, da sie keinen Zugang zum internationalen Internet hat und außerdem ihr Handy für eine Weile ausgeschaltet hatte, um bedrohliche SMS-Nachrichten zum Thema Hidschab zu vermeiden. Selbst der Zugang zu Bildungsinformationen findet in einem Kontext der Angst und Entbehrung statt.

Nach dieser erzwungenen Änderung ihres Tagesablaufs loggt sie sich in die Online-Sitzung ein. Das Internet ist langsam und stark gefiltert, sodass der Zugriff auf viele internationale und nationale Websites und Plattformen unmöglich ist. Nur wenige Websites lassen sich laden, und das auch nur nach wiederholten Unterbrechungen und erneuten Verbindungsaufbauten. Die Netzwerkgeschwindigkeit ist deutlich gesunken und die Plattform, auf welcher der Unterricht stattfinden soll, erweist sich als ineffizient, da sie mit Datei-Uploads, der Gesamtgeschwindigkeit, der Audioqualität und der Beteiligung vieler Studenten an den Online-Kursen zu kämpfen hat.

Aber auch die Professoren haben mit denselben Einschränkungen zu kämpfen, die oft sogar noch restriktiver sind. Das ständige Aufzeichnen ihrer Sitzungen, das Wissen um die Sicherheitsüberwachung und die Möglichkeit, dass jedes Wort falsch interpretiert werden könnte, haben den Unterrichtsraum zu einem risikoreichen Ort gemacht, an dem die Äußerung sozialer Kritik oder sogar eine beiläufige Erwähnung der Proteste berufliche und sicherheitsrelevante Konsequenzen haben kann. Unter solchen Bedingungen ist Selbstzensur keine Wahl, sondern ein Überlebensmechanismus.

Auf einer tiefergehenden Ebene haben diese Zwänge auch die akademischen Strukturen selbst durchdrungen. Einstellungsverfahren, Vertragsverlängerungen und Beförderungen von Lehrkräften werden zunehmend von politischen und Sicherheitsinstitutionen beeinflusst, während wissenschaftliche und leistungsbezogene Kriterien durch Maßnahmen zur Überprüfung der ideologischen Loyalität ersetzt werden. Das Ergebnis ist eine Welle von Suspendierungen, Entlassungen und der Entfernung kritischer Professoren, was zu einer Erosion des Niveaus der Universitäten und zur Abwanderung oder erzwungenen Ausreise akademischer Eliten führt.

Dieser allmähliche Zusammenbruch der Autonomie der Universitäten wirft einen dunklen und unsicheren Schatten auf die Zukunft von Studenten wie Sahar, die nur zu gut wissen, wie fragil und unzuverlässig die Planung einer akademischen und beruflichen Zukunft in einem so instabilen und stark politisierten Umfeld ist.

Freudloses Leben

Nachdem der Online-Kurs wegen einer Internetunterbrechung vorzeitig beendet wurde, geht Sahar zum Einkaufen auf den Markt. Die Preise dort steigen exponentiell, und selbst die Mittelschicht gerät zunehmend unter Druck. Das Joghurt, den sie gestern für 80.000 Toman gekauft hat, kostet heute 90.000 Toman.

Schätzungen unabhängiger Ökonomen zufolge liegt die jährliche Inflationsrate zwischen fünfzig und sechzig Prozent oder sogar noch höher und die staatlichen Subventionen, die als kurzfristige Linderungsmaßnahme angeboten werden, sind kaum mehr als eine Zahl, die auf die Bankkonten der Begünstigten überwiesen wird und nur einen minimalen Einfluss auf die Senkung der Ausgaben der Menschen hat. Familien sind gezwungen, rigorose Sparmaßnahmen zu ergreifen, um nur ihre Grundbedürfnisse zu decken. Angemessener Wohnraum, Autos, Freizeit, Reisen und sogar der regelmäßige Kauf von Fleisch sind zu Luxusgütern geworden, die weitgehend unerreichbar sind und die Möglichkeiten der Bürger, ein normales Leben zu führen, mehr denn je einschränken.

Am Nachmittag versuchen Sahar und ihr Bruder, der sich leidenschaftlich für Fußball interessiert, Karten für ein Spiel zu kaufen. Nach wiederholten Unterbrechungen und Wiederherstellungen der Internetverbindung stellen sie fest, dass alle Sportveranstaltungen bis auf Weiteres ohne Zuschauer stattfinden werden. Enttäuschung und Wut kommen erneut in Form von vor sich hin gemurmelten Flüchen oder bedrückender Stille zum Ausdruck.

Selbst das Verfolgen des Spiels im Fernsehen ist deprimierend: ein leeres Stadion, lebloser Fußball und zensierter Torjubel. Diese Einschränkungen, die oft ohne transparente Erklärungen getroffen werden, spiegeln die vorherrschenden Sicherheitsbedenken des Staates wider. Öffentliche Versammlungen, selbst Sportveranstaltungen, werden als potenzielle Grundlage für Proteste angesehen. Der Sport ist zu einer leeren, streng kontrollierten Szenerie verkommen, in der die Bürger zu passiven Zuschauern ohne jede Freude degradiert werden.

Am Abend kehrt Sahar in das Haus ihrer Familie zurück. Der Fernseher läuft, eingestellt auf Satelliten-Nachrichtensender – die einzigen Quellen, die viele Menschen unter diesen Umständen für vertrauenswürdig halten –, und die Nachrichten werden mit nur geringer Lautstärke gehört. Ihre Mutter, die sich große Sorgen um die aktuelle Lage macht und befürchtet, dass ihrem Sohn oder ihrer kleinen Tochter etwas zustoßen könnte, starrt die Wände an und murmelt: »Sprecht leiser … man weiß nie, wer zuhört. Wir könnten überwacht werden. Seid vorsichtig mit euren Telefonen und mit dem, was ihr an eure Freunde schickt, bringt euch nicht in Schwierigkeiten.«

Die iranischen Familien leben im Schatten von Bedrohung und Überwachung, wo jedes gesprochene Wort und jede alltägliche Handlung rechtliche Konsequenzen haben kann. Selbst Familienfeiern sind geprägt von Furcht und Vorsicht.

Auch außerhalb der Familie und des unmittelbaren sozialen Umfelds sind die Iraner einer direkten Gefahr ausgesetzt: Bürgerrechtler, Anwälte und sogar einfache Passanten können inhaftiert werden. Berichte unabhängiger Menschenrechtsorganisationen deuten darauf hin, dass viele Bürger in inoffiziellen Haftanstalten festgehalten werden, mit eingeschränktem oder gar keinem Zugang zu Anwälten oder ihren Familien. Es wurden Berichte über Folter, erzwungene Geständnisse und Verschleppungen veröffentlicht, die zeigen, wie das Justizsystem zu einem Instrument der öffentlichen Einschüchterung umfunktioniert wurde. Die ständige Androhung schwerer Strafen zwingt die Iraner zum Schweigen, zur Selbstzensur und zum Verzicht auf kollektives Handeln.

Auch das kulturelle Leben wurde eingeschränkt. Bibliotheken, Kinos, Theater und digitale Räume stehen unter ständiger Überwachung. Künstler – und ganz besonders weibliche – sind gezwungen, die sicherheitspolitischen Konsequenzen ihrer Arbeit bereits vor deren Entstehung abzuwägen. Viele zensieren oder geben ihre Werke ganz auf oder sind gezwungen, auszuwandern und ihre Werke im Ausland zu veröffentlichen. Infolgedessen spiegelt die kulturelle Produktion zunehmend die offizielle Narrative wider und nicht mehr die gelebte Realität der Menschen. Die kollektive Vorstellungskraft wurde eingeschränkt und die Grenzen des alltäglichen Ausdrucks sind immer enger geworden.

Vom Regime geschmiedeter Käfig

Was sich im Alltag von Sahars Familie abspielt, bietet ein verdichtetes, aber aussagekräftiges Bild der Lebenserfahrung von Millionen von Menschen im heutigen Iran; von einer Existenz, in der wirtschaftlicher Druck, Bildungsbeschränkungen, soziale Unterdrückung und digitale Überwachung nicht isoliert voneinander wirken, sondern miteinander verflochten sind und sich gegenseitig verstärken. Dieser vielschichtige Druck hat das Leben zu einem Feld ständiger Kalkulation, Vorsicht und erzwungener Anpassung gemacht, in dem Angst und Furcht zu normalen Emotionen geworden sind und der Kampf ums Überleben die Möglichkeit der Zukunftsplanung ersetzt hat.

Unter solchen Bedingungen erhalten selbst die alltäglichsten Handlungen, von der Wahl der Kleidung über den Zugang zu Bildung bis hin zu täglichen Einkäufen, Freizeitaktivitäten und Familiengesprächen, eine Bedeutung innerhalb des aufgezwungenen Rahmens von Kontrolle und Bedrohung.

Das Regime und sein Kontrollsystem haben durch die Ausweitung der Überwachung vom öffentlichen Raum auf das Privatleben und sogar auf die Gedanken und Emotionen der Bürger eine Art unsichtbaren Käfig geschaffen, dessen Gitterstäbe nicht nur aus Gesetzen und formalen Institutionen bestehen, sondern auch aus Angst, Selbstzensur und der Gewöhnung an die Einschränkungen. Das Leben im heutigen Iran ist eine gelebte Erfahrung akkumulierter Zwänge; eine Erfahrung, die kaum zu vermitteln ist und wohl nur von innen heraus vollständig erfasst werden kann.

Jede Einschränkung ist mit einer anderen verbunden und bildet gemeinsam mit dieser ein komplexes Netzwerk von Zwängen, das individuelle Flucht sowohl schwierig als auch kostspielig macht. Sahars Geschichte zeigt, dass es nicht nur um Rechtsverletzungen oder um eine Wirtschaftskrise geht, sondern um die allmähliche Aushöhlung von Sicherheit, Würde und Hoffnung; eine Aushöhlung, welche die ganze Gesellschaft in Unsicherheit versetzt und ihrer Zukunftsperspektiven beraubt hat – und die Iraner in einem vom Regime geschmiedeten Käfig gefangen hält.

 

Beitrag zuerst erschienen auf Mena-Watch