Freitag, 03.10.2025 / 10:49 Uhr

Der US-Gaza Plan: „Ewiger Frieden“ mit Fallstricken

Ein Waffenstillstand, der mit Geiseln bezahlt wird, verspricht der israelischen Öffentlichkeit Erlösung – und der Hamas Erlösung ihrer Märtyrer. Doch was nach Frieden aussieht, könnte eine neue Besatzung mit PR-Fassade sein.

Am Montag präsentierten US-Präsident Donald Trump und Israels Premierminister Benjamin Netanjahu einen Plan, der alles verspricht: das Ende des Gaza-Kriegs, die Freilassung aller Geiseln und einen Weg zur palästinensischen Selbstbestimmung. Doch bei näherem Hinsehen offenbart sich: Der Plan ist kein Frieden. Er ist ein Spagat aus westlicher Erschöpfung, israelischer Taktik und palästinensischem Dilemma – choreografiert in der Kulisse einer Pressekonferenz, die mehr Theater als Diplomatie war.

Was steht im Plan und was ist der Haken?

Innerhalb von 48 Stunden sollen alle 48 israelischen Geiseln freikommen – lebend oder tot. Zeitgleich soll Israel 250 Palästinenser freilassen, die wegen Terrorismus lebenslang inhaftiert sind, sowie weitere 1.700 Gefangene. Eine massive symbolische Kapitulation, wenn man Israels bisherige Haltung kennt. Für die israelische Gesellschaft: ein lange ersehnter Akt der Gnade. Für die Hamas: ein heiliger Sieg. Der Deal bietet ihr die Möglichkeit, einen der zentralen ideologischen Werte zu erfüllen – niemand wird zurückgelassen.

Israel zieht sich "schrittweise" aus Gaza zurück. Ein Wort, das nur dann beruhigt, wenn man nicht weiß, wie dehnbar politische Zeit sein kann. Die erste Phase betrifft besetzte Stadtgebiete. Die letzte Phase, so steht es im Kleingedruckten, findet „bei hinreichender Sicherheit“ statt. Wer misst diese Sicherheit? Offenbar Netanjahu, der sich bereits beeilte zu betonen, dass Israel „im größten Teil des Gazastreifens bleiben“ werde.

Und Die Hamas? Wird ausgeschlossen. Nicht aus den Verhandlungen – sondern aus der Regierung des Gazastreifens. Stattdessen soll eine Übergangsverwaltung unter internationaler Aufsicht errichtet werden. Ihre Zusammensetzung bleibt nebulös, doch laut Trump soll sie arabische und internationale Elemente enthalten, beraten von Ägypten und Jordanien. Das ist nicht Verwaltung, das ist Machtprojektion mit arabischem Anstrich. Regierung durch Externe mit unklarer Legitimität – was schon in stabileren Regionen der Welt nicht funktioniert hat.

Der kleine Golfstaat Kuweit ist der große Gewinner. Trumps Vorschlag enthielt in der Ursprünglichen Version als 21. Punkt sogar eine Garantie: Israel wird Katar nicht mehr angreifen. Dass Netanjahu öffentlich seinen Angriff auf Doha bereuen musste, war das eigentliche politische Ereignis des Gipfels. Der Emir von Katar ging mit diplomatischem Zuwachs vom Platz. Netanjahu ging mit einem Taschentuch vom Podium.

Trumps Plan spricht vom „ewigen Frieden im Nahen Osten“. Das klingt nach Esoterik in Bronzelettern, nicht nach belastbarer Strategie. Wichtige Begriffe – „Demilitarisierung“, „terrorfreie Zonen“, „Rückzug in drei Phasen“ – bleiben unklar. Ein internationales Beobachterteam soll Waffen einsammeln, doch niemand sagt wann, wo, wie – und mit welchem Mandat. Statt Klarheit regiert die Suggestion.

Warum jetzt?

Weil die Uhr nicht nur für die Geiseln tickt, sondern auch für Netanjahu. Zwei Jahre Krieg, internationale Empörung, eine Regierung unter Druck. Der Deal liefert innenpolitisch den Beweis: Man tut etwas. Ob es funktioniert, ist zweitrangig – Hauptsache, es sieht im Fernsehen so aus. Trumps Begleitmusik dazu: ein Vorschlag, der die Hamas zum Ja verführen oder zum Nein provozieren soll. Beides ist einkalkuliert. Sagt die Hamas Ja, hat man sie „entwaffnet“. Sagt sie Nein, darf man weitermachen – mit Gottes Segen und US-Rückendeckung.

Die Hamas riskiert Alles. Die Zustimmung wäre der Verzicht auf das letzte Druckmittel – die Geiseln – ohne Garantie auf Rückzug, Wiederaufbau oder politische Perspektive. Die Ablehnung hingegen liefert Israel einen Vorwand für die systematische Zerstörung des verbliebenen Gazastreifens. Das ist keine Wahl. Das ist ein Dilemma mit Todesfolge.

Die Klauseln spiegeln die israelische Sichtweise wider“, kommentierte Hamas-Vertreter Mohammed Mardawi sinngemäß. Kein Dementi, keine Zusage – ein Satz, der das diplomatische Machtverhältnis entlarvt. Die Hamas ist kein Partner in diesem Prozess. Sie ist das Objekt der Konditionierung.

Seit Oslo wissen Palästinenser, was zwischen Versprechen und Realität liegt: ein endloses Niemandsland. Auch Trumps Plan bietet keinen konkreten politischen Prozess. Vielmehr ein Modell, in dem Gaza entmilitarisiert, überwacht und regiert wird – ohne Gaza wirklich zu gehören. Der Trump Plan lässt sich auf einen Merksatz reduziere: „Gebt die Geiseln raus, und wir werden sehen, wann und wie wir euch einen politischen Prozess ermöglichen.“ Ein Satz, der klingt, als wäre Politik ein Gnadenakt. Oder ein Geschäft.

Was bleibt? Zwei Alternativen: eine weiche, internationale Besatzung mit fragiler Verwaltung oder eine harte, permanente israelische Kontrolle mit militärischer Rückendeckung. Beides keine Lösungen – nur zwei verschiedene Geschwindigkeiten der Ohnmacht.
Der Plan mag als historischer Schritt verkauft werden. Doch im Moment ist er vor allem eines: ein Test für die Fähigkeit politischer Systeme, selbst gemachte Sackgassen in Erzählungen von Fortschritt zu verwandeln.

Ob Trumps Plan jemals mehr sein wird als eine PR-Offensive, hängt nicht nur von der Hamas ab. Sondern auch davon, ob internationale Akteure bereit sind, politische Verantwortung zu übernehmen – nicht nur auf dem Papier, sondern mit Struktur, Sicherheit und Glaubwürdigkeit. Die Zeit läuft ab – nicht nur für die Geiseln. Sondern für jede Hoffnung auf eine Lösung, die diesen Namen verdient.

Donald Trumps Plan zur Beendigung des Gaza-Krieges: Die Wichtigsten Punkte

Wenn beide Seiten diesem Vorschlag zustimmen, wird der Krieg sofort beendet.

Innerhalb von 72 Stunden nach Israels öffentlicher Annahme dieses Abkommens werden alle Geiseln, sowohl lebende als auch verstorbene, zurückgeführt.

Die israelischen Streitkräfte werden sich bis zu einer vereinbarten Linie zurückziehen, um die Freilassung der Geiseln vorzubereiten, und alle militärischen Aktivitäten aussetzen. Die Frontlinien bleiben unverändert, bis die Bedingungen für einen schrittweisen Rückzug erfüllt sind. Ein konkreter Zeitplan wurde nicht genannt.

Israel wird 250 Gefangene mit lebenslanger Haftstrafe sowie 1.700 Palästinenser aus Gaza, die nach dem 7. Oktober 2023 festgenommen wurden, freilassen.

Für jede getötete Geisel, deren Leichnam geborgen wird, wird Israel die Leichname von 15 getöteten Palästinensern aus Gaza zurückgeben.

Hamas-Mitglieder, die sich zu einem friedlichen Zusammenleben verpflichten und ihre Waffen abgeben, erhalten Amnestie. Hamas-Mitglieder, die Gaza verlassen möchten, wird ein sicherer Abzug in aufnehmende Länder ermöglicht.

Die Hamas verpflichtet sich, weder direkt noch indirekt an der Verwaltung des Gazastreifens teilzunehmen.

Umfassende humanitäre Hilfe wird sofort nach Gaza gebracht, einschließlich Maßnahmen zur Wiederherstellung der Infrastruktur.

Gaza wird unter die vorübergehende technokratische Verwaltung eines palästinensischen Komitees gestellt. Dieses wird von einer Übergangsinstanz unter Leitung von Donald Trump beaufsichtigt. Weitere Mitglieder und Staatsoberhäupter, darunter auch Tony Blair, sollen noch bekanntgegeben werden.

Das Komitee wird bis zum Abschluss der Reformpläne der Palästinensischen Autonomiebehörde die Verwaltung übernehmen.

Kein Palästinenser wird gezwungen, Gaza zu verlassen. Wer ausreisen möchte, kann dies frei tun – ebenso ist die Rückkehr jederzeit möglich.

Israel wird Gaza weder besetzen noch annektieren.

Eine internationale Stabilisierungstruppe wird umgehend in Gaza stationiert.

Ein interreligiöser Dialog wird eingerichtet, und es können sich Bedingungen entwickeln, die einen Weg zur palästinensischen Selbstbestimmung und zu einem palästinensischen Staat eröffnen