Der analoge Mann
Ich hätte ja eigentlich mit nach Armenien fahren sollen. Auf Eriwan hatte ich mich gefreut und gut vorbereitet, hatte armenische Platten gekauft und bereits das erste Punkkonzert herausgesucht. Dann starb am Tag vor unserer Abreise Julias Vater. Nicht überraschend, aber doch plötzlich. Julia im Moment ihres größten Schmerzes und ihrer Trauer alleinzulassen, kam nicht in Frage. Dafür sind wir zusammen. Für solche Momente hat man einen Partner. Und es war gut, dass ich in Berlin blieb. Julia hat es gefreut. Ich weiß, wie sich Trauer anfühlt. Meine Eltern starben 1994 bei einem Autounfall. Das Jahr danach war wie ein einziger zäher Moment. Als wäre in mir etwas verklebt. So ganz verschwunden ist dieses Gefühl seither nicht mehr. Drei Jahre später lernte ich Julia kennen und zog nach Berlin. In den letzten 30 Jahren ist ihre Familie auch zu meiner Familie geworden. Vor allem mit ihren Geschwistern haben Julia und ich sehr engen Kontakt. Nächste Woche wird Julias Vater beerdigt.
Die vier Bremer Stadtmusikanten vor dem Bremer Rathaus, umringt von Touristen. Und einer Schulklasse, der ein Stadtführer das Märchen als Migrationsgeschichte erzählte.
Nachdem die ersten Tage der Trauer vorbei waren, fuhren Julia und ich, um auch mal wieder für kurze Zeit auf andere Gedanken zu kommen, nach Bremen zum Deutschlandtreffen der Urban Sketchers. Gleich am ersten Tag zeichnete ich die vier Bremer Stadtmusikanten vor dem Bremer Rathaus, umringt von Touristen. Und einer Schulklasse, der ein Stadtführer das Märchen als Migrationsgeschichte erzählte. »Etwas Besseres als den Tod finden wir überall«, sagen die Tiere, bevor sie ihr Zuhause verlassen. »Er versucht, sich bei den Schülern einzuschleimen«, raunt Julia mir zu. »Aber das läuft nicht.« Die Schüler hören nicht zu. Viele von ihnen haben offensichtlich einen Migrationshintergrund, aber kein Interesse an der Geschichte. Oder verständlicherweise daran, auf ihre hingewiesen zu werden. Es sind Teenager und die sind nun mal hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. »Etwas Besseres als den Tod finden wir überall«, höre ich den Stadtführer sagen, »das sagt der Esel zum Hahn, um ihn zu überreden, ihm zu folgen.«
Mir gefällt die Geschichte. Esel, Hund, Katze und Hahn gründen eine Band. Der Spruch steht für Aufbruch, Zuversicht und die Hoffnung auf ein besseres Leben an einem anderen Ort.