Jungle+ Artikel 16.09.2026
Percival Everetts Roman »Ausradiert«

Im Ghetto der Identität

Percival Everetts erstmals 2001 erschienener Roman »Erasure«, der nun auf Deutsch wiederveröffentlicht wurde, ist ein bemühtes postmodernes Schreibexperiment, aber zugleich eine hellsichtige Kritik des identitären Alltagsdenkens der USA, die wohl nicht mehr ganz im Sinne des Autors sein dürfte.

Das US-amerikanische Gemeinwesen ist seit seiner Gründung von zwei gegenläufigen Versprechen gekennzeichnet. Das eine ist das Versprechen des Neuanfangs, also das Versprechen, jemand anderes sein zu können und sich von der Vergangenheit zu lösen. Oder anders gesagt: im Kleinen jene Revolution nachzuvollziehen, die die dreizehn Kolonien 1776 im Großen unternommen haben. Dem widerstrebt das andere Versprechen: Sein zu dürfen und zu können, wer war man war, als Gleicher und Gleiche unter in ihrer Verschiedenheit Gleichen. Das erste Versprechen hat als Agens das Individuum, das zweite neigt dem Kollektiven zu. Dem »rugged individualism« – jenem aus der Erfahrung der Westexpansion abgeleiteten, auf Eigenständigkeit und Autarkie beruhenden Individualismusideal – stand deswegen von Beginn an ein nicht min­der wirkmächtiges Bild der, vornehmlich ethnisch gedachten, Gruppe oder »community« zur Seite, samt ihrer Erwartungen, Zwänge und folkloris­tischen Praktiken, die zuweilen in der Neuen Welt mit mehr Überzeugung gelebt wurden als in der ­Alten.

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