03.09.2026
Der Literatur- und Medienwissenschaftler Niels Werber im Gespräch über das Literatur-Phänomen "Perry Rhodan"

»Der ewige Frieden lässt sich nicht erzählen«

Seit 1961 wird »Perry Rhodan« wöchentlich fortgeschrieben. Der Literatur- und Medienwissenschaftler Niels Werber erforscht die erfolgreichste Science-Fiction- und Heftromanserie der Welt, die zugleich das älteste, langlebigste und meistgelesene Produkt der deutschen Nachkriegsliteratur ist – und die Fans, die an der Fortsetzung mitwirken. Die »Jungle World« sprach mit ihm über das Mutantenkorps, die Massenkultur und die Frage, warum Frieden für eine Serie ein denkbar schlechtes Ende wäre.

Am 8. September 1961 erschien das erste Heft von »Perry Rhodan« mit dem Titel »Unternehmen Stardust«. Die Science-Fiction-Heftromanserie wird 65 Jahre alt. Worum geht es darin?

Woche für Woche erscheint ein neues Heft – seit 1961 ohne Unterbrechung. Inzwischen sind wir bei weit über 3.300 Heften in der Hauptserie und ungefähr 190.000 Seiten. Das ist die größte fortgeschriebene Science-Fiction-Erzählung der Welt. Der Anfang fällt mitten in den Kalten Krieg: Perry Rhodan, ein Pilot der fiktiven U.S. Space Force, fliegt zum Mond, trifft dort auf die außerirdischen Arkoniden und bemächtigt sich überlegener Technologien. Dadurch verhindert er einen drohenden atomaren Weltkrieg auf der Erde und gründet dort die »Dritte Macht« (ein neutraler Staat in der chinesischen Wüste Gobi; Anm. d. Red.). Die dahinterliegende Idee lautet: Die Menschheit soll aufhören, in Blöcken oder »Völkern« zu denken, und sich angesichts außerirdischer Mächte vereinigen. Die Feinde der Menschheit finden sich im All. Später wird Rhodan zum »Großadministrator« und damit auch politisch zur überragenden Führungsfigur. In den frühen Heften werden geopolitische und autoritäre Vorstellungen auf diese Weise zunächst einmal fortgeschrieben.

»Im ersten Jahrzehnt der Serie findet jedes politische Problem eine technische Lösung. Verteilungsprobleme, Gesundheitsprobleme, strategische Konflikte: Sie werden technisch gelöst – und häufig auch militärisch.« 

Perry Rhodans Projekt einer Weltgemeinschaft ist offenbar stark technologisch getrieben – für jedes Problem gibt es eine neue Maschine …

Genau. Im ersten Jahrzehnt der Serie findet jedes politische Problem eine technische Lösung. Verteilungsprobleme, Gesundheitsprobleme, strategische Konflikte: Sie werden technisch gelöst – und häufig auch militärisch. Neue Reaktoren, Bomben, Strahler, Supercomputer oder medizinische Verfahren machen die Terraner immer mächtiger. Man braucht dann vor allem Visionäre, die neue Techniken entwickeln, und wenige Leute, die über ihren Einsatz entscheiden. Das ist am Anfang Perry Rhodan mit seinem Beraterkreis.

Wie viel Weltrettung wird dabei einem Einzelnen zugemutet? Rhodan ist ja keineswegs allein.

Nein, sehr schnell etabliert sich ein Stammpersonal um ihn herum: der Arkonide Atlan etwa oder Gucky, der Mausbiber, eine Lieblingsfigur der Fans. Einige dieser Figuren werden durch sogenannte Zellduschen unsterblich gemacht: Sie altern nicht, können aber durchaus getötet werden. So kann die Serie Figuren über Tausende von Heften (und Jahren) mitführen. Auch Rhodan selbst verändert sich im Verlauf der Serie stark. Der frühe, autoritäre Entscheider ist mittlerweile, mehrere Tausend Jahre alt, eher ein konsensorientierter und toleranter Moderator. Das Verhältnis zu anderen Spezies und zu Frauen hat sich ebenfalls verändert. Man merkt, dass andere Generationen die Heftromanserie fortschreiben – für eine andere Community.

Die Erde erscheint also befriedet, dafür lauern die Feinde im All. Wer aber sind diese anderen?

Zunächst wird der Atomkrieg zwischen den Großmächten verhindert, weil die »Dritte Macht« ihnen technisch überlegen ist. Daraus geht dann eine vereinigte Erde hervor. Die Feinde stehen danach außerhalb: andere Spezies, galaktische Mächte, »Chaotarchen«. Zugleich kolonisieren die Terraner Tausende Planeten. Manche Kolonien machen sich später selbständig, werden Konkurrenten oder Verbündete. Hinzu kommen Mutanten: Menschen, deren Erbgut durch Atomtests und Radioaktivität verändert wurde und die Superkräfte entwickeln. Gucky etwa ist Telepath, Telekinet und Teleporter. Diese Mutanten werden im Mutantenkorps zusammengefasst – einer Art Sondereinsatztruppe, die Perry Rhodan untersteht. Politisch ist das durchaus unheimlich: eine suprapolitische Spezialeinheit mit überlegenen Kräften.

Und trotzdem bleibt die große Verheißung weiterhin: Frieden.

Ja. Im aktuellen Heftzyklus heißt es sinngemäß: »Die Erde ist Zentrum eines Sternenreichs mit Tausenden Welten, die Menschen leben in Frieden und Freiheit, mit anderen Völkern der Milchstraße besteht freundschaftlicher Austausch.« Das ist eine Art ewiger Frieden in der Milchstraße – doch er ist immer gefährdet. Kaum ist die eine Bedrohung aufgehalten, kommt schon die nächste Gefahr. Das Sternenreich expandiert, konsolidiert sich – und dann beginnt die nächste Krise. Wenn ich »Pazifizierung« höre, denke ich an Immanuel Kants »ewigen Frieden« und an die Ruhe des Friedhofs. Doch der ewige Frieden lässt sich nicht erzählen. Eine vollkommen befriedete Erde, auf der Roboter und automatische Produktionsstätten alle Bedürfnisse erfüllen, kann es in der »Perry Rhodan«-Serie nicht geben. Handlung kann nur dort stattfinden, wo Action ist: bei Raumschlachten und galaktischen Rätseln. Den Frieden zu erzählen, wäre schlicht zu langweilig.

»Wer nur mit dem theoretischen Hintergrund von Adornos ›Dialektik der Aufklärung‹ auf Phänomene der Massenkultur blickt, glaubt gern, sich mit deren Fans gar nicht erst beschäftigen zu müssen.«

Der Spiegel und andere mediale Beobachter sorgten sich einst angesichts der Millionenauflage um das Aufkommen einer autoritären, gar faschistoiden Massenkultur. Ist an dem Verdacht etwas dran?

Die Zeitschrift Pardon fragte 1969 in Heft 2: »Wartet im All ein neuer Führer?« In den siebziger und achtziger Jahren erschienen mehrere Auflagen von »Perry Rhodan« parallel; zusammengenommen wurden zeitweise bis zu einer Million Exemplare pro Woche gedruckt. Allein diese Menge löste Sorgen aus: Was ist das für eine »Perry-Rhodan-Jugend«, die hier entsteht? Ist das so eine Art Hitlerjugend? Man kann »Perry Rhodan« so lesen, dass man auf totalitäre, autoritäre und auch faschistoide Elemente stößt. Das Problem beginnt jedoch mit der Unterstellung, die Leser müssten das genauso tun. Gerade weil »Perry Rhodan« als »Trivialliteratur« gilt, wurde angenommen, dass die Konsumenten dieser Form von Massenkultur verblendet seien. Im Sonderforschungsbereich »Transformationen des Populären« an der Universität Siegen haben wir sehr viel empirisches Material – zum Beispiel Leserbriefe, Fanclubs und digitale Foren – ausgewertet, und da sieht man hingegen: Die Leser:innen rezipieren die Serie sehr unterschiedlich. Wer nur mit dem theoretischen Hintergrund von Adornos »Dialektik der Aufklärung« auf Phänomene der Massenkultur blickt, glaubt gern, sich mit deren Fans gar nicht erst beschäftigen zu müssen. Sobald man das tut, wird die Sache viel komplizierter.

Was macht die Perry-Rhodan-Fankultur besonders?

Vor allem die populäre Serialität. Die Fans wissen, dass diese Serie schon sehr lange existiert, und sie wünschen sich, dass sie weiterläuft. Zugleich wissen sie: Sie läuft nur weiter, wenn sie populär genug ist und weiter gekauft wird. Daraus entsteht ein Interesse daran, die Lektüre zu pflegen, dafür zu werben und die Community am Leben zu halten. Perry Rhodan hatte sehr früh Leserbriefseiten, später kam ein über viele Jahre äußerst aktives Internetforum hinzu. Redaktion und Autor:in­nen beobachten genau, was gut und was schlecht ankommt. Ein einzelner Fan kann nichts erzwingen. Aber es gibt eine Art von collaboration culture: Wenn sehr viele etwas unerträglich oder auch sehr gelungen finden, reagieren die Macher:innen der Serie darauf.

Heutzutage versucht das Autorenteam deutlich stärker, auch Frauen, queeren oder intersexuellen Figuren und people of color eigene Geschichten und komplexere Charaktere zu geben.

Die Fans besitzen sogar die Macht, Tote wiederauferstehen zu lassen?

Zumindest beinahe. Ein schönes Beispiel ist Gucky. In Heft 3.072 mit dem Titel »Gucky muss sterben!« ließ der Autor diese bei den Fans enorm beliebte Figur sterben, und zwar brutal. Es gab große Empörung, Leser drohten mit Abonnementkündigungen. Die Redaktion musste sich etwas einfallen lassen, schrieb Gucky wieder in die Serie hinein – und argumentierte sozusagen narratologisch damit, dass das von einer Figur beobachtete Geschehen eben doch nicht seinen wirklichen Tod gezeigt habe. An dem Shitstorm sieht man, welche Figuren tragende Säulen der Serie sind. Natürlich müssen andere Figuren sterben können, sonst gäbe es keine Spannung. Aber Perry Rhodan selbst wird man wohl nicht sterben lassen; und Gucky ist erst einmal sakrosankt.

Wie hat sich »Perry Rhodan« im Umgang mit seinem als ›anders‹ markierten Personal verändert?

People of color gab es in »Perry Rhodan« schon früh, etwa den afrikanischen Teleporter Ras Tschubai oder japanische Mutanten. Entscheidend ist aber, wie diese Figuren konstruiert wurden. Am Anfang waren sie vor allem Tokens: Sie besitzen eine Fähigkeit und werden entsprechend eingesetzt; die charakterliche Tiefe kommt viel später. Heutzutage versucht das Autorenteam deutlich stärker, auch Frauen, queeren oder intersexuellen Figuren und people of color eigene Geschichten und komplexere Charaktere zu geben. Das Personal ist nachweisbar diverser geworden. Interessanterweise hat sich der Rede- und Handlungsanteil dieser Figuren nicht in gleichem Maß vergrößert. Aber die Veränderung ist deutlich – ebenso wie der Trend dazu, die Leitfiguren in Gruppen entscheiden zu lassen, anstatt den idiosynkratischen Vorgaben des alten Helden zu folgen.

Seit mehr als sechs Jahrzehnten entsteht »Perry Rhodan« unter recht ungewöhnlichen Produktionsbedingungen. Wie hält man eine Serie mit wechselnden Autorinnen und Autoren zusammen?

Perry Rhodan galt immer als Serie, die ihre Autor:innen vergleichsweise gut bezahlt. Für manche war das ein relativ sicheres Einkommen in Anbetracht des Risikos, das der literarische Buchmarkt bietet; einige schrieben anfangs auch unter Pseudonym. Viele bleiben jahrzehntelang dabei, und für die Fans spielt es durchaus eine Rolle, wer ein Heft geschrieben hat. Mindestens ebenso wichtig ist die Exposé-Redaktion. Die Handlung wird in Zyklen geplant, häufig über 50 oder 100 Hefte hinweg. Die Exposé-Autoren legen die Handlungsstränge fest, die einzelnen Autoren füllen sie in ihren Heften aus. Diese industrielle, kollektive Produktionsweise ermöglicht die enorme Dauer.

Und trotzdem wird die Serie noch immer als trivial abgetan?

Das kenne ich auch aus eigener Erfahrung: Ich habe »Perry Rhodan« als Jugendlicher gelesen und schnell gelernt, dass man sich am Gymnasium für diese Lektüre eher schämen sollte. Als Literaturwissenschaftler finde ich es allerdings paradox, ausgerechnet die Literatur aus der Forschung auszuschließen, die massenhaft gelesen und rezipiert wird.