27.08.2026
Religiöse Radikalisierung

»Der Einstieg erfolgt oft über Lifestyle-Content«

Die Bundesarbeitsgemeinschaft »Religiös begründeter Extremismus« (BAG Relex) vernetzt Initiativen aus ganz Deutschland, fördert den Fachaustausch und bemüht sich darum, religiöse Radikalisierung zu verhindern. Die Jungle World sprach mit Kaiya Reisch, ­Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der BAG Relex, über die Besonderheit des Islamismus und Möglichkeiten zur Prävention.

Wo setzt Prävention an und ab wann spricht man von Deradikalisierung?

Prävention ist vor allem pädagogische Arbeit. Wir sprechen dabei von Primärprävention – zum Beispiel Demokratiebildung an Schulen – und Sekundärprävention, der gezielten Beratung bei ersten Anzeichen für Radikalisierung. Dann ist da noch die Tertiärprävention. Das ist die intensive Ausstiegsarbeit bei fortgeschrittener Radikalisierung oder Straffälligkeit. Je weiter eine Radikalisierung fortgeschritten ist, desto intensiver und individueller muss in der Regel die Begleitung sein.

Angebote islamistischer Gruppen versprechen einfache Antworten: Charakteristisch sind klare Feindbilder, Verschwörungsdenken, starres Schwarz-Weiß-Denken, veral­tete Rollenbilder und ein vermeintlich eindeutiger moralischer Kompass.

Welche Unterschiede gibt es zwischen den extremen Religionsformen?

Gemeinsam haben alle den Anspruch auf eine »reine«, exklusive Auslegung der Religion, klare Feindbilder und einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Islamist:innen wollen Staat und Gesellschaft nach ihrer Auslegung religiöser Normen umgestalten und lehnen dabei zentrale demokratische Prinzipien ab. Christlich-fundamentalistische Strömungen argumentieren eher endzeitlich oder mit einem »gottgegebenen« Familienmodell. Entsprechend unterscheiden sich Feindbilder, Milieus und die konkrete Ansprache. Auch die Prävention braucht dann unterschiedliche Zugänge. Die Radikalisierung zeigt sich insgesamt überproportional bei jungen Menschen, häufig Männern, zunehmend aber auch bei Frauen sowie Jugendlichen und oft sogar Kindern. Interessant ist außerdem, dass der Zugang mehr und mehr digital stattfindet.

Warum fokussiert sich die BAG Relex auf Islamismus?

Weil der Verfassungsschutz die Gefahr durch Islamismus als anhaltend hoch einstuft. Persönliche Krisen und ideologische Einflüsse aus dem Umfeld oder aus sozialen Medien wirken dabei zusammen. Angebote islamistischer Gruppen versprechen einfache Antworten: Charakteristisch sind klare Feindbilder, Verschwörungsdenken, starres Schwarz-Weiß-Denken, veral­tete Rollenbilder und ein vermeintlich eindeutiger moralischer Kompass. Das kann gerade bei jungen ­Männern mit Orientierungsbedarf anschlussfähig sein.

Dieser Prozess wird durch Social Media gefördert: Der Einstieg erfolgt oft über popkulturellen Lifestyle-Content, in den Feindbilder subtil eingebettet werden. Islamist:innen nutzten KI schon früh und gezielt für automatisierte Propaganda sowie algorithmisch verstärkte Influencer-Formate.

Was kann man dagegen tun?

Präventions- und Ausstiegsarbeit braucht vor allem verlässliche Strukturen statt immer neuer kurzfristiger Projektförderungen. Prävention kann viel leisten, aber sie kann nicht jede Radikalisierung und jede Gewalttat verhindern. Menschen tragen selbst Verantwortung für ihr Handeln. Diese Verantwortung darf weder durch den Verweis auf gesellschaftliche Ursachen relativiert werden, noch dürfen Anschläge zu einem Generalverdacht gegen ganze Bevölkerungsgruppen führen.