06.08.2026
Islamismusprävention durch Schwächung religiöser Identität

Gott stirbt, wenn niemand glaubt

Das Bildungsministerium stellt nach dem Attentat auf den Berliner Christopher Street Day mehr Geld für »Deradikalisierungsangebote« in Aussicht. Doch Islamismusprävention kann nur gelingen, wenn religiöse und kulturelle Identität nicht länger gestärkt, sondern relativiert und in Frage gestellt wird.

Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD will Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) Programme stärken, die die »Radikalisierung« von Jugendlichen verhindern sollen. Dabei geht es um fünf Millionen Euro aus dem Bundesförderprogramm »Demokratie leben«, die bisher nicht abgerufen worden seien. Über die Frage, wie die sogenannten Deradikalisierungsprogramme genau aussehen sollen, will Prien sich auch mit muslimischen Gemeinschaften beraten.

Damit knüpft die Ministerin an ihre Ankündigung aus dem März an, bei »Demokratie leben« andere Schwerpunkte zu setzen als die Vorgängerregierung und verstärkt den Islamismus in den Blick zu nehmen. Vor allem bei queeren und antirassistischen Initiativen hatte diese Ankündigung für Kritik gesorgt, weil die Neuausrichtung für zahlreiche Träger Kürzungen bedeutet und Prien die bloße Förderung von »Vielfalt« aus identitätspolitischer Perspektive ablehnt. Hinzu kam, dass die Bundesregierung den »Aktionsplan ›Queer leben‹« für abgeschlossen erklärte.

Weg von Multikulti-Karnevalsfesten, hin zu Integrationskursen, in denen gesellschaftskritisch über Religion gesprochen wird.

Unter anderem darauf bezog sich der nun kursierende Vorwurf, die an die queere Community gerichteten Trauerbekundungen der Bundesregierung seien verlogen, da sie selbst »queer- und transfeindliche Ideologie« verbreite, wie es der Neuköllner Ortsverband der Linkspartei formulierte. Die Entscheidung, queeren Initiativen Mittel zu streichen, muss aber nicht zwingend auf Queerfeindschaft beruhen. Und die Behauptung, »rechte und konservative Akteure« hätten den Boden für den Terroranschlag von Abdul Ballout bereitet, ist völlig neben der Spur.

Linkspartei spricht nicht gerne über Islamismus

Besser wird diese Behauptung auch nicht, wenn in der Mitteilung der Linkspartei nachgeschoben wird, dass Islamisten »rechte und antifeministische Kräfte« seien, wie es von Social-Media-»Linksfluencern« stetig wiederholt wird. Die Betonung des Offensichtlichen dient hier nur dazu, zu überspielen, dass die Partei bislang zu islamistischen Bedrohungen geschwiegen hatte.

Diese haben nämlich durchaus besondere Ursachen, über die man im Milieu der Linkspartei ungern sprechen mag. Die Neigung zu gewalttätigen Reaktionen auf Diskriminierungserfahrungen und die Empfänglichkeit für menschenverachtende Gemeinschaftsideologien hängt von spezifischen Dispositionen im Subjekt ab – das ist eine zentrale Erkenntnis der analytischen Sozialpsychologie. Solchen Tendenzen kommen sozial geformte, meist autoritäre Charakterstrukturen mit kulturell geprägten Ängsten und Bedürfnissen entgegen. Ein zur Gewalttätigkeit neigendes ideologisches Selbstverständnis ist nicht das Ergebnis mechanischer Eintrichterung, wie die Stellungnahme der Linkspartei es nahelegt. Es lässt sich als Resultat eines Zusammenspiels subjektiver und objektiver Krisen und der stets scheiternden Abwehr von narzisstischen Kränkungen begreifen. Internalisierte kulturelle Normen – etwa der Anspruch, ein souveräner, erfolgreicher Mann zu sein und dazu noch ein stolzer und frommer Muslim, der den Ungläubigen überlegen ist – stehen im Widerspruch zu gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen, die im Subjekt Abhängigkeit, Ohnmacht und Ich-Schwäche hervorbringen oder verstärken, wie es Erich Fromm und Theodor W. Adorno zum autoritären Syndrom ausführen.

Dass Abdul Ballout, der von Anfang an Probleme in der Schule hatte und diese ohne Abschluss abbrach, sein krisenhaftes Leben nicht in der Kneipe, im Fitnessstudio oder in einer antiimperialistischen Schlägertruppe, sondern beim IS zu bewältigen suchte, ließe sich darauf zurückführen, dass der Islam keine stabile Identität zu stiften und die narzisstische Kränkung nicht zu heilen vermochte.

Ideologien wie der Islamismus sind, da sie keinen bloßen Irrtum darstellen, sondern Bestandteil der Identität werden, extrem hartnäckig. 

Deshalb lassen sich Islam und Islamismus nicht voneinander trennen: Durch seine Gemeinschaftsideale und die Aufwertung des Gläubigen verspricht der Islam diesem eine Ich-Stabilisierung. Weil er dieses Versprechen aber nicht einlösen kann, kommen die ungläubigen Feinde von außen ins Spiel, die man vertreiben oder töten muss.

Ideologien wie der Islamismus sind, da sie keinen bloßen Irrtum darstellen, sondern Bestandteil der Identität werden, extrem hartnäckig. Das heißt: Priens Förderung von Deradikalisierungsprogrammen ist zwar eher sinnvoll als Waffenverbotszonen, wie sie vor zwei Jahren debattiert wurden. Aber die Wirkung solcher Programme ist begrenzt. Thomas Mücke vom Violence Prevention Network, bei dem Abdul Ballout kurz vor seiner Tat zwei gerichtlich verordnete Vorgespräche geführt hatte, sagte im FAZ-Interview, Ballout sei für eine Deradikalisierung kaum zugänglich gewesen.

Entsprechend wäre es ratsam, präventiv und grundsätzlicher als bisherige »Demokratie leben«-Projekte anzusetzen und radikale Antiterrorprogramme voranzutreiben, die Religion und kulturelle Identität als gefährliches Symptom ernst nehmen und dagegen angehen.

Extremismusprävention durch Empowerment

Derzeit geförderte Modellprojekte zur Prävention von islamistischem Extremismus verfolgen meistens nicht das Ziel, die religiöse oder kulturelle Identität zu relativieren. Vielmehr wird diese als private, kontingente Lebensform behandelt. Islamismus soll dort verhindert werden, indem man zum Beispiel Medienkompetenz stärkt und demokratische Beteiligung erleichtert. Durch »Empowerment«, eine pluralistische Religionsdeutung und eine theologisch »kompetentere« Auslegung des Islam soll sichergestellt werden, dass junge Menschen sich nicht dem Islamismus zuwenden. Das aber ist eine die religiöse Identität affirmierende Prävention, die die Grundlage dessen unberührt lässt, wovor sie zu schützen behauptet.

Vernünftige Terrorprävention hingegen müsste auf die Herausbildung eines kritischen Bewusstseins zielen. Sie hülfe muslimischen Migranten dabei, ihre meist schlechte Lebenssituation im Westen mit den Begriffen der Aufklärung zu verstehen, statt sie mit den in ihrer Kultur virulenten Begriffen des Islam zu bewältigen, die zu Hass und Ressentiment führen. Es ginge darum, vom Islam zu entfremden, den Betroffenen zu helfen, Distanz zur eigenen Kultur aufzubauen, und die Neigung zu der von dieser Kultur angebotenen Regression zu schwächen. Staatlich verordnete Programme werden das wohl kaum bewirken können; nötig wäre ein Emanzipationsprozess in so manchen Milieus, den die Menschen selbst erkämpfen müssen – Programme können dabei lediglich unterstützen.

Für die staatliche Praxis insgesamt ließen sich aus solchen Überlegungen Schlüsse ziehen: Helfen könnte, wenn in Schulen nicht zusätzlich Islamunterricht, sondern gar kein Religionsunterricht mehr stattfände, stattdessen Philosophie. Weg von Multikulti-Karnevalsfesten, hin zu Integrationskursen, in denen gesellschaftskritisch über Religion im Allgemeinen und Islam im Besonderen, über Identität als massenpsychologisches Problem, über Antisemitismus, Antizionismus, Rassismus und Feminismus aus universalistischer Perspektive gesprochen wird. Dafür müssten Sprachkurse ausgebaut und Arbeitserlaubnisse schneller erteilt werden. Autonomieerfahrung macht für kritische Bildung empfänglich, hängt aber in dieser Gesellschaft nun einmal an der Möglichkeit, Geld zu verdienen.