Der Marathon als Signum der Postmoderne
Früher galt ein Halbmarathon für die meisten Freizeitsportler als sportliche Herausforderung. Mittlerweile erscheint er auf der Tracking-App Strava häufig als gewöhnlicher Langstreckenlauf. In den Lauf- und Triathlon-Milieus hat sich eine Art runflation entwickelt: Die Maßstäbe verschieben sich ständig nach oben. Die Zehn-Kilometer-Strecke gilt als easy pace coffee run, eine Marathon-Zeit von unter vier Stunden als normal und immer mehr Athleten nehmen an verschiedenen Ironman-Formaten – extrem fordernden Triathlon-Wettbewerben – teil. Was ist in den privat betriebenen Einzelsportarten passiert? Was geschieht mit den Körpern des Athleten der Gegenwart, die sich digital permanent vermessen und vergleichen, um sich zu optimieren?
Kulturgeschichtlich ist der Ausdauersport eine Geschichte wechselnder Körperbilder. Die Trimm-dich-Kampagne des Deutschen Olympischen Sportbunds, die 1970 begann, versprach Wohlbefinden und gesundheitliche Prävention. Laufen war dabei kein Projekt der Selbstoptimierung, sondern eine Antwort auf Bewegungsmangel und sitzende Bürotätigkeiten. Der Trimm-dich-Pfad bot zudem verschiedene Ausgleichsübungen an und beschränkte sich nicht aufs Laufen. Zu diesem Zeitpunkt war eine Abkürzung wie VO2max (die maximale Menge an Sauerstoff in Millilitern, die der jeweilige Körper pro Minute und Kilogramm Körpergewicht bei größter Anstrengung aufnehmen und verwerten kann) höchstens unter Sportwissenschaftlern bekannt.
Je gründlicher der Körper vermessen wird, desto größer wird die Sehnsucht nach Erfahrungen, die sich der Vermessung entziehen.
In der Zeit des endenden Systemkonflikts, als Francis Fukuyama die Geschichte für beendet erklärte, änderte sich nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch der Sport grundlegend. In dieser Zeit nahm der weltweite Marathon-Boom so richtig Fahrt auf. Von Berlin bis New York City wuchsen die Marathons zu Riesenveranstaltungen an, von Prag bis Moskau wurden neue Stadtmarathons gegründet. Man sprach damals von »Utopieverlust« und diagnostizierte eine wachsende politische Resignation, während das Konkurrenzindividuum neu entdeckt wurde. Der Körper avancierte zum Projekt und man lief nicht mehr nur für die Gesundheit, sondern für die Identität. Der Marathon wurde zum Signum der Postmoderne. Wer die Welt nicht mehr verändern konnte oder wollte, arbeitete an seiner pace (das Durchschnittstempo beim Laufen).
Der Athlet als Datensammlung
Der Athlet der digitalen Gegenwart trainiert nicht nur, er produziert Daten. Die App Strava und der Sportuhrenhersteller Garmin vermessen Schlaf, Stress, Erholung und Belastung. Allein Strava hat eigenen Angaben zufolge nahezu 200 Millionen registrierte User. Mit der Einführung von athlete intelligence im Jahr 2024 erweiterte Strava die reine GPS-Dokumentation von Strecke und Zeit um eine neue Funktion: Trainingseinheiten wurden nun zusätzlich interpretiert und bewertet.
Während der Athlet jede Trainingseinheit digital dokumentiert und evaluiert, entsteht zugleich sein Gegenbild. Unter dem Hashtag #BalanceIsKey sammeln sich Athleten für Marathon, Triathlon oder Hyrox, praktizieren aber auch Yoga, gehen feiern und rauchen schon auch mal eine Zigarette. Die Garmin-Uhr bleibt am Handgelenk, hat aber nicht immer das letzte Wort. Je gründlicher die Körper vermessen werden, desto größer scheint bei manchen auch wieder das Bedürfnis zu werden, sich der Logik der Vermessung zu entziehen.
Millionen unterschiedlicher Körper werden über dieselben Kategorien erfasst, bewertet und miteinander in Beziehung gesetzt. Die Individuen sollen einzigartig sein, orientieren sich aber an denselben Werten für pace, VO2max oder Atemfrequenz. Wer einen kostenpflichtigen Strava-Account besitzt, erhält inzwischen sogar KI-generierte Bewertungen seiner Läufe: »Starker Morgenlauf mit bestem Durchschnittstempo der letzten zwei Wochen – du hast deine Ausdauer beeindruckend gesteigert.« 1944 schrieben Adorno und Horkheimer in der »Dialektik der Aufklärung«: »Der Zuschauer soll keiner eigenen Gedanken bedürfen: das Produkt zeichnet jede Reaktion vor.«
Der Lauf erscheint nicht mehr nur als sportliche Betätigung, sondern auch als ästhetische Praxis.
Ausdauersportarten eignen sich besser als wohl alle anderen für die sozialen Medien. Die Strecke wird automatisch aufgezeichnet, das Durchschnittstempo erscheint auf dem Bildschirm, dazu ein Foto vom Sonnenuntergang oder vom Zieleinlauf: Fertig ist der Instagram-Post. Der Lauf erscheint nicht mehr nur als sportliche Betätigung, sondern auch als ästhetische Praxis. 1967 schrieb der französische Marxist Guy Debord in »Die Gesellschaft des Spektakels«: »Alles, was unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen.« Knapp sechzig Jahre später bestätigt Strava diese These im Übermaß.
Die meisten Athleten laufen nicht für Likes. Aber der Algorithmus verändert den Blick auf die eigene Aktivität. Der Post wird häufig schon mitgedacht. Die Bewegung dient ihrer eigenen Inszenierung. Die Vermessung verändert Körperwahrnehmung und Selbstbild: Müdigkeit, Belastung und Erholung erscheinen als Kennzahlen. Die pace, VO2max, Schlaf-Score und Trainingsbereitschaft erscheinen als objektive Maßstäbe sportlicher Leistungsfähigkeit. Die Optimierung wird – außer vielleicht in autoritären Staaten – nicht von oben verordnet. Der digitalisierte Athlet vollzieht sie freiwillig und der Körper wird zum Ort permanenter Selbststeuerung und Kontrolle. Der Poststrukturalist Michel Foucault hätte an diesen Apps vermutlich seinen Spaß gehabt.
Es gibt keinen Durchschnittskörper
Die Anatomie beschäftigt sich seit mehr als einem Jahrhundert intensiv mit menschlicher Variabilität, also der Vielfalt der Körper. Bereits 1898 veröffentlichte der britische Anatom Daniel John Cunningham den Aufsatz »The Significance of Anatomical Variations«. 2024 trägt eine unter anderem von Annabelle L. Kimmorley veröffentlichte Publikation zur Anatomielehre den programmatischen Titel »Anatomical Variation Is the Norm«. Der Forschungsstand legt nahe, dass es irreführend ist, überhaupt von einem durchschnittlichen Körper zu sprechen. Nicht nur die Körpergröße, sondern auch Gelenkaufbau, Muskelverlauf, Nervensystem, Regenerationsfähigkeit und Energielevel unterscheiden sich erheblich.
Yogalehrer und Physiotherapeuten lernen heutzutage, dass es weder eine Standardanatomie noch die perfekte Bewegungsausführung gibt. Nicht jeder Muskel kontrahiert gleich, jede interne und externe Rotation ist je nach Körper unterschiedlich. Deshalb existiert – außer vielleicht in der ästhetischen Gymnastik – auch nicht die eine perfekte Asana (Yoga-Haltung). Während moderne Körperarbeit immer mehr von Differenz und Variabilität ausgeht, übersetzen Garmin und Strava Millionen unterschiedlicher Körper in dieselben Kategorien. Der digitalisierte Athlet soll einzigartig sein, begegnet sich aber in Gestalt eines score.
Während Garmin und Strava den Körper in Kennzahlen zerlegen, boomen als Gegenbewegung run clubs, social rides auf dem Fahrrad und Yogastudios. Seit einiger Zeit lässt sich eine solche Tendenz auch in den sozialen Medien erkennen: Zwischen VO2max-Updates, Marathon-Content und Trainingsanalysen tauchen immer häufiger Reels auf, die Langsamkeit, slow runs und die Teilnahme an sich propagieren. Manche tragen Titel wie »Fuck Strava«. Nicht wenige dieser Videos stammen von Athleten, die selbst Marathon laufen, Triathlon machen oder ihre Trainingsdaten jahrelang obsessiv verfolgt haben.
Der digitalisierte Athlet verfügt heutzutage über mehr Wissen über seinen Körper als jemals zuvor. Gleichzeitig prägen immer mehr Vermittlungsinstanzen das Verhältnis zum eigenen Körper.
Besonders deutlich wird diese Entwicklung bei run clubs. Hier stehen oft nicht das Durchschnittstempo oder die Leistungssteigerung im Fokus, sondern Geselligkeit und Spaß – und manche sehen es auch als Alternative zu Tinder.
Auch einige gute Yogakurse wirken wie ein Gegenbild zur permanenten Vermessung. Dort sitzen die Teilnehmer ohne Handy, ohne Sportuhr und ohne Leistungsdaten auf der Matte. Während draußen Schlaf-Scores und Trainingsbereitschaft analysiert werden, suchen andere einen Zustand, den keine App messen kann.
Hier liegt das Ziel nicht in besonders anspruchsvollen Körperhaltungen. Die Asanas sollen den Körper auf einen »deep state of meditation« (Samadhi) vorbereiten. Dass jemand freiwillig zehn Minuten oder länger stillsitzt, ohne etwas zu produzieren oder zu dokumentieren, erscheint heutzutage fast ungewöhnlicher als ein Marathonlauf.
Doch auch den vor der Vermessung Flüchtenden bleibt der ständige Vergleich mit anderen nicht immer erspart, zum Beispiel wenn plötzlich über Yogaschüler mit Sportuhr die Nase gerümpft wird oder über diejenigen, die nach Shavasana (der abschließenden Entspannungsübung) das Selfie machen. Und auch die run clubs, bei denen es weniger um Leistung geht, haben dann eben oft den Charakter eines Linkedin-Events oder einer Instagram-Kampagne.
Der digitalisierte Athlet verfügt heutzutage über mehr Wissen über seinen Körper als jemals zuvor. Gleichzeitig prägen immer mehr Vermittlungsinstanzen das Verhältnis zum eigenen Körper. Als solche Vermittler schieben sich insbesondere die Apps zwischen Erfahrung und Körper. Darin liegt das falsche Versprechen des digitalisierten Ausdauersports. Dem Athleten wurde Individualisierung versprochen, doch er bekam Vergleichbarkeit. Ihm wurde die unmittelbare Erfahrung versprochen, doch er bekam den Sport als Spektakel.