Komplett durch
»Honest Work« von Odd Beholder, dem Musikprojekt der Schweizerin Daniela Weinmann, ist ein kämpferisches Album – und dabei wohltuend politisch. Dem marktförmigen Empowerment-Pop geht es nämlich nicht auf den Leim. Vorsichtige, fast geisterhafte Synthesizerklänge gesellen sich zu Gitarre und E-Bass. Das Spröde und Verträumte des Indie-Rock vermengt sich hier mit dem Somnambulen des UK-Techno der neunziger Jahre. Weinmanns Gesang, der an Laura Veirs und an Betty Mugler von der Indie-Band Hidalgo erinnert, macht die Instrumentierung komplett: Dezent haucht sie, ihre Stimme klingt mal geerdet, mal trotzig, und stellenweise kippt sie in eine Art Sprechgesang, wie im Song »Lean Dreams«: »Lean dreams, annual leaves / Bayonetta glasses / The ceiling’s made of glass, sis / ›You can’t wear this to work, miss!‹«
Erschöpfung allenthalben, im Niedriglohnsektor wie im mittleren Management.
Auf ihrer nunmehr vierten Platte besingt die Musikerin, die erneut mit dem Berliner Produzenten Douglas Greed zusammengearbeitet hat, das leidende und in den (neoliberalen) Spätkapitalismus verstrickte Subjekt. Was sein höllischer Schlund ausspeit, protokolliert Weinmann in zehn klugen wie auch betörend melodiösen Songs: Techno-Feudalismus, Plattformökonomie, digitale Bewertungskommunikation, ökologischer Raubbau. Und Erschöpfung allenthalben, im Niedriglohnsektor wie im mittleren Management.
Die Sinnhaftigkeit von Arbeit verspürt niemand mehr, nicht mal das Krankenhauspersonal. Alle sind komplett durch, weil sich alles rechnen muss. Und Selbstverlust passiert auch dort, wo es sich rechnet, wie im Song »Ring Light«, wenn eine sogenannte Internetpersönlichkeit bilanziert: »I’m just another incarnation / Of the product placements on the shelf / A private life feigned to perfection / I objectified myself«.
Odd Beholder: Honest Work (Sinnbus)