09.07.2026
Wassernotstand in Ecuador

Sehenden Auges in den Wassernotstand

In Ecuador verschärfen sich die Konflikte ums Wasser. Wer sich für sauberes Trinkwasser einsetzt, wird juristisch schikaniert. Die Regierung hofiert unterdessen den Bergbau, der für Verschmutzung und Umweltzerstörung sorgt.

Ana María Hernández ist Rechtsanwältin. Sie arbeitet in Ecuadors Hauptstadt Quito, ist aber in Cuenca aufgewachsen. Ab und zu trauert sie dem ruhigen Leben in der von Kolonialgebäuden geprägten Stadt im Süden Ecuadors hinterher, wo sie es gewohnt war, direkt aus dem Wasserhahn zu trinken. »In Quito ist daran nicht zu denken, hier ist die Wasserqualität so mies, dass wir abgefülltes Wasser konsumieren müssen«, klagt die Juristin. Sie arbeitet für die Menschenrechtsorganisation Fian, die sich in Ecuador für das Recht auf Nahrung und auf Zugang zu unbedenklichem Trinkwasser engagiert.

Das ist dort nur selten gegeben – Cuenca bildet die landesweit bekannte Ausnahme. Daher genießt Etapa, das städtische Wasserunternehmen Cuencas, bei den Bürgern und bei Nichtregierungsorganisationen wie »Wasser für alle« einen hervorragenden Ruf. Letztere wurde 2024 in Quito gegründet, ist seit 2025 offiziell registriert und will Universitäten, Unternehmen und politisch Verantwortliche zusammenbringen und für das Problem sensibilisieren. »Übergeordnetes Ziel ist es, Versorgungsdefizite abzubauen, Wasserbedarf und Aufbereitung besser zu kalkulieren«, sagt der 48jährige Fausto Valle, Ökonom und Direktor von »Wasser für alle«. »Ecuador hat knapp 18 Millionen Einwohner, 2,7 Millionen von ihnen sind ohne Trinkwasseranschluss, 5,9 Millionen ohne Abwasseranschluss«, so Valle. »Doch es geht noch weiter, denn in Ecuador landen rund 75 bis 80 Prozent der Abwässer ungeklärt in Flüssen, Seen oder dem Meer. Das muss sich ändern.«

»Hochtoxisches Quecksilber und Schwermetalle sorgen dafür, dass die Wasserversorgung der Bevölkerung nicht mehr gewährleistet ist.« Rigoberto Guerrero 

Das sieht auch Rigoberto Guerrero so. Der Ingenieur von Mitte dreißig, der einen Abschluss in Umweltmanagement besitzt, hat seinen Arbeitsplatz im Bürogebäude von Etapa im Zentrum von Cuenca und ist Vizedirektor für Umwelt und Nachhaltigkeit bei dem Wasserunternehmen. »In Cuenca lässt sich das Wasser ohne Bedenken aus dem Hahn trinken – das soll so bleiben und dafür treten wir auf allen Ebenen ein. Auf politischer Ebene, aber auch beim Netzausbau. Wir investieren in die Erweiterung des Leitungs-, aber auch das Abwassernetzes«, sagt Guerrero.

El Agua es vida

»Wasser ist Leben«. Stadtbild in Cuenca

Bild:
Knut Henkel

50.000 Haushalte sollen ihm zufolge in diesem Jahr neu angeschlossen werden. Derzeit versorgt Etapa rund 560.000 Menschen im Großraum von Cuenca mit Wasser und unterhält auch ein Abwassersystem inklusive mehrerer Kläranlagen. »Zu meinen Kernaufgaben gehört es, für die langfristige Versorgungssicherheit einzutreten. Folgerichtig engagieren wir uns dafür, dass die drei Flüsse, aus denen wir das Trinkwasser in erster Linie entnehmen, sauber bleiben«, so Guerrero. »Wir sind präventiv aktiv.«

Kontamination von Flüssen und Seen durch Abwässer und Bergbau

Das Unternehmen weist seit einiger Zeit auf die Kontamination von Flüssen und Seen durch häusliche Abwässer und industrielle Einleitungen hin. Auch das Risiko durch den Bergbau ist ein Thema. In der Provinz Azuay, in der Cuenca liegt, sei illegaler Bergbau »ein enormes Problem«, warnt Guerrero. Der Bergbau finde im Kanton (entspricht in etwa einer Verbandsgemeinde in Deutschland) Camilo Ponce Enríquez statt, ganz im Westen der Provinz. Dort seien fünf von sechs Flüssen stark kontaminiert, so Guerrero: »Hochtoxisches Quecksilber und Schwermetalle sorgen dafür, dass die Wasserversorgung der Bevölkerung nicht mehr gewährleistet ist.«

Seit Dezember 2022 ist er bei Etapa angestellt, seit November 2024 in leitender Position. In dieser hat Guerrero mehrfach vor den Risiken des Bergbaus für die Wasserversorgung der Region gewarnt: »Wir beziehen das Wasser für die Versorgung des Großraums Cuenca aus drei Flüssen: dem Río Machángara, dem Río Tomebamba und dem Río Yanuncay.« Der Bedarf steigt, der Pro-Kopf-Verbrauch ist mit 165 Liter relativ hoch, deshalb ist das Unternehmen darauf angewiesen, mehr Wasser in hoher Qualität entnehmen zu können. Das ist derzeit der Fall: »Sämtliches Wasser, das wir aus den drei Flüssen entnehmen, ist von so guter Qualität, dass wir in den Entnahmebecken nur Sedimente ausfiltern und etwas Chlor zufügen. Das war es«, so der Wasserexperte.

Geplante Ausweitung des Bergbaus

Dabei soll es bleiben. Doch das ist alles andere als sicher, denn die Regierung in Quito will den Bergbau weiter ausweiten. Die Förderung von Edelmetallen und Mineralien soll, so die Hoffnung der politisch Verantwortlichen, die sinkenden Einnahmen aus der Erdölförderung kompensieren. Doch mit dem Ausbau des Bergbaus, so kritisieren Umweltorganisationen wie Acción Ecológica, gehen enormen Risiken einher. »Es gibt keinen nachhaltigen Bergbau, sowohl der legale als auch der illegale Bergbau sorgen für immense Umweltschäden und kontaminieren Wasser in großem Umfang«, sagt Esperanza Martínez. Sie ist Biologin und Umweltjuristin und weist auf die wachsenden Probleme durch das Goldschürfen in mehreren Regionen des Landes hin. In der Amazonasregion, aber auch in den Anden gefährde vor allem die Goldförderung die Wasserversorgung sowie das Ökosystem der sogenannten Páramos.

Bei diesen handelt es sich um hochsensible, nur in den Anden vorkommende Hochlandsteppen, in denen unzählige Flüsse entspringen, die für die lokale und regionale Wasserversorgung extrem wichtig sind. In Cuenca ist der Páramo Kimsacocha seit Jahren ein Politikum, denn dort werden Gold und andere Edelmetalle im Wert von rund sieben Milliarden US-Dollar vermutet. Diesen Schatz will die Regierung von Präsident Daniel Noboa fördern. Dafür ist vor mehr als zwanzig Jahren eine Bergbaukonzession an INV Metals Inc. erteilt worden, die dann der kanadische Bergbaukonzern Dundee Precious Metals (DPM) übernommen hat; das Förderprojekt trägt den Namen Loma Larga. DPM unterhält auf dem Gelände, das auf mehr als 3 600 Meter Höhe liegt und meist unter einer Kappe aus Nebel und oft auch Regen verborgen ist, ein Bergbaucamp.

Die klare Haltung der Etapa-Experten passt der Regierung in Quito gar nicht. Sie ist gegen Wasserschützer in der Region Cuenca juristisch vorgegangen.

2024 versprach Präsident Noboa auf einer Bergbaumesse im kanadischen Toronto in einer Rede, Investitionen in den Bergbau Ecuadors zu ermöglichen. 2025 erteilte die Regierung eine Umweltlizenz für das Projekt Loma Larga. Theoretisch hätte das Unternehmen damals beginnen können, die Mine zu bauen. Doch dann protestierten in Cuenca mehr als 100.000 Menschen gegen den Bergbau am Rande des Páramo. Das zeigte Wirkung. »Die Umweltlizenz wurde nach der größten Demonstration in unserer Geschichte auf Eis gelegt, aber eben nicht mehr: Die Bergbaukonzession und auch die Umweltlizenz wurden nicht annulliert«, sagt Guerrero.

Er ist der Meinung, dass genau das noch passieren muss. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. »Ein Páramo kann schnell aus dem Gleichgewicht geraten. Zum Beispiel, wenn man metallische Vorkommen fördert und Sauerstoff an die Gesteinsformationen kommt. Dann werden Oxidationsprozesse eingeleitet, chemische Reaktionen laufen ab, die das Wasser aus dem Páramo kontaminieren können. Das ist mehr als wahrscheinlich und davor warnen wir«, erklärt Guerrero. Aus dem Páramo Kimsacocha, dessen Wasser in den Río Yanuncay fließt, beziehe Etapa rund 15 Prozent des Trinkwassers der Stadt Cuenca.

Die klare Haltung der Etapa-Experten passt der Regierung in Quito gar nicht. Sie ist gegen Wasserschützer in der Region Cuenca juristisch vorgegangen. Drei Verfahren laufen derzeit gegen den ehemaligen Gouverneur der Region Azuay, den Juristen Yaku Pérez, zwei sind es bei Lizardo Zhagüi, dem Präsidenten des Wasserrats von Tarqui. Dabei handelt es sich um eine von der Milchviehwirtschaft lebende Gemeinde rund 20 Minuten Fahrtzeit von Cuenca entfernt, die ihr Wasser aus dem Páramo Kimsacocha bezieht. Den verteidigt Pérez, einer der unbequemen Fürsprecher der in der Verfassung fixierten Rechte für den Umweltschutz, seit Jahrzehnten. Er und Zhagüi müssen sich wegen des Vorwurfs der Geldwäsche und der Förderung von Terrorismus verantworten – im Rahmen des Gesetzes für »soziale Transparenz«, das im August 2025 verabschiedet wurde.

Tena Abwasser

Oft landet in Ecuador das Abwasser ungeklärt in Flüssen. Ein Wohngebiet in Tena im Norden des Landes

Bild:
Knut Henkel

Pérez, ein drahtiger Mann mit streng zurückgekämmtem, graumeliertem Haarschopf, war an mehreren Verfahren beteiligt, die zum Schutz der Flüsse angestrengt worden waren und in denen der Staat zur Renaturierung und Dekontaminierung verurteilt wurde. »Der Río Machángara, der durch Quito fließt, ist das bekannteste Beispiel, aber nur eines von mehreren«, sagt der Jurist, der seine Kanzlei in der Altstadt von Cuenca hat. Auf einer großen schwarzen Tafel über einer schmalen Eingangstür steht sein Name, darunter Estudio Jurídico (Anwaltskanzlei). Schon von weitem ist die markante Tafel an dem Eckhaus zu sehen.

Pérez ist nicht nur Anwalt, sondern auch Dozent an der Universität von Cuenca sowie Koordinator der Vereinigung der indigenen und kleinbäuerlichen Organisationen von Azuay (FOA). Die setzt sich für den Schutz der Wasserquellen in der Region ein. Pérez erinnert sich gut, wie er als Kind seiner Mutter beim Schleppen der Wasserkanister von der Wasserstelle nach Hause helfen musste. Zugang zu sauberem Wasser gilt dem indigenen Anwalt als ein Grundrecht, für das er sich seit über 30 Jahren engagiert. Dazu gehört auch der Schutz der Quellen. »Páramos, Flüsse, Bäche, Seen, aber auch das Meer«, sagt Pérez und klopft mit dem Zeigefinger auf einen Aktenstapel auf seinem Schreibtisch. Er ist vor allem in Azuay aktiv und wird von Organisationen wie Fian Ecuador und Acción Ecológica landesweit unterstützt.
Eine relativ neue Nichtregierungsorganisationen ist »Wasser für alle«. Sie arbeitet mit der Regierung zusammen. Ihr Direktor Fausto Valle hat mit seinem Team ausgerechnet, dass Investitionen von rund 7,3 Milliarden US-Dollar nötig wären, um landesweit tragfähige Abwasserkonzepte zu entwickeln, die auch eine Verringerung der Belastung des Trinkwassers mit Kolibakterien garantieren. »Je nach Region enthalten bis zu 70 Prozent des Trinkwassers Kolibakterien, die dafür sorgen, dass Durchfallerkrankungen weitverbreitet sind«, so Valle; das Problem tritt vor allem in den ländlichen Regionen häufig auf.

Der Machángara ist nicht der erste Fluss, der kraft der Verfassung zu einem Rechtssubjekt erklärt wurde, sondern nach dem Vilcabamba und dem Alambi mindestens der dritte.

Die Hauptstadt Quito bildet bei der Kontamination des Trinkwassers zumindest in Sachen Kolibakterien eine positive Ausnahme. Zudem hat die Stadtverwaltung in den vergangenen beiden Jahren Vorkehrungen getroffen, um Defizite bei der Wasserversorgung und -entsorgung peu à peu zu korrigieren. Das geschah nicht ganz freiwillig, denn ein Gericht hatte die Stadtverwaltung zum Handeln gezwungen. In einem Urteil aus dem Juli 2024 hatte es der Klage von Umweltschützern um den Anwalt Ramiro Ávila recht gegeben und festgestellt, dass durch die systematische Vermüllung des Flusses Machángara, der durch Quito fließt, die Rechte des Flusses verletzt würden. Der Machángara ist nicht der erste Fluss, der kraft der Verfassung zu einem Rechtssubjekt erklärt wurde, sondern nach dem Vilcabamba und dem Alambi mindestens der dritte.

Rechte für Flüsse als Mittel des Umweltschutzes

Seit langem gilt der Fluss als Paradebeispiel für die systematische Kontaminierung und Vermüllung eines fließenden Gewässers. Immer wieder haben Freiwillige versucht, mit Beuteln in der Hand den Fluss vom Plastikmüll und mehr zu befreien – und tun es auch weiterhin. »Hüter und Hüterinnen des Río Machángara gibt es viele, wir haben eine lebendige Zivilgesellschaft, die sich für den Fluss engagiert«, sagt Ávila, der die Klage für die Rechte des Flusses mitangestrengt hatte, was dem 58jährigen Umweltschützer viel Lob einbrachte.

Nach Valles Ansicht zeigt das Urteil, wie wichtig es ist, die Optionen der progressiven Verfassung des Landes zu nutzen. »Unsere Verfassung sieht es vor, dass wir Flüssen, die Umwelt schützen, Rechte zubilligen. Das muss stärker verwirklicht, implementiert werden und dafür ist der Río Machángara ein gutes Beispiel«, meint der Wirtschaftswissenschaftler. Er ist mit der Stadtverwaltung von Quito in Kontakt und begrüßt es, genauso wie Ramiro Ávila, dass fünf Kläranlagen projektiert sind. »Wir haben einen immensen Nachholbedarf und wir aus dem Kreis der Organisationen, die sich für den Río Machángara engagieren, hoffen, dass in 15 Jahren wieder in dem Fluss gebadet werden kann.«

Das hat Ávila, der im Stadtteil Magdalena im Süden Quitos aufgewachsen ist, noch erlebt. Nun drängt er mit einem Netzwerk von Freiwilligen darauf, dass die Stadtverwaltung ihrer Pflicht nachkommt, den Fluss zu dekontaminieren, wie es im Urteil steht. Doch das ist alles andere als einfach in einem Land, in dem das Umweltministerium in das Bergbau- und Energieministerium integriert wurde. »Welch ein Widerspruch«, sagt Ávila kopfschüttelnd.

Im Herbst droht Ecuador wegen Wassermangels zum zweiten Mal in drei Jahren Stromknappheit. Die Kraftwerke benötigen Wasser, doch das ist wegen ausgebliebener Regenfälle im Frühjahr knapp.

Er weiß genau, dass er von der derzeitigen Regierung wenig Positives für die Umwelt zu erwarten hat. »Wir haben es mit einer Regierung zu tun, die mit ihrer Politik die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung gefährdet. Zudem ist bekannt, dass die Familie Noboa Anteile an Bergbauunternehmen hält, also auch private ökonomische Interessen hat – das ist ein gravierendes Problem.« Hinzu kommt, dass Noboa und seine Gefolgschaft alles dafür tun, die eigene Macht auszubauen. Die Vorziehung der Kommunalwahlen auf den November ist dafür ein Beispiel. »Theoretisch könnte die derzeit so progressiv agierende Stadtverwaltung da ihr Mandat verlieren. Das könnte für die Renaturalisierung des Río Machángara ein herber Rückschlag werden, aber das ist bisher nur ein Szenario – wenn auch ein denkbares«, warnt Ávila.

Ohnehin sind die Prognosen für den Herbst alles andere als positiv. Da droht dem Land aufgrund von Wassermangel zum zweiten Mal in drei Jahren eine Stromknappheit. Ecuadors wichtigste Kraftwerke benötigen viel Wasser, doch das ist wegen ausgebliebener Regenfälle im Frühjahr knapp. Die Pegelstände in mehreren wichtigen Stauseen des Landes sind niedrig – möglicherweise zu niedrig, um ab Oktober ausreichend Strom zu erzeugen. Das hätte sich, argumentieren einige Experten, mit einem nationalen Wassermanagement, aber auch mit der Installation von Solarkraftwerken vermeiden lassen. Doch beides hat die Regierung unterlassen.