09.07.2026
Tipps zum Abkühlen

Auf Eiswürfel starren

Was hilft gegen die Hitze? Eine Supermarktkühltruhe voller Eiswürfel und die Erinnerung an den Winter.

Zu den komplett sinnlosen Tipps, wie man mit der Hitze klarkommt, gehört das Anstarren von blauen Wänden, Eiswürfeln und Videos von Winterlandschaften. Damit soll man sein Gehirn überlisten, das in Erwartung einer frostigen Umgebung reagiert und das subjektive Wärmeempfinden beeinflusst. Es werden zwar lediglich minimale Effekte versprochen, aber immerhin.

Denkt man den Tipp mit den blauen Flächen dann aber mal durch, bedeutet es, im Schweiß seines Angesichts die Wohnung zu malern, um dann nach einem Tag kräftezehrenden Streichens im monochromen Ambiente wie auf einem AfD-Parteitag aufzuwachen. Das ist an einem bratzheißen Wochenende so ganz und gar keine optisch ansprechende Aussicht. Wohnstil »Erfurt« ist unter den praxisfernen Hitze-Hacks damit der Superflop.

Das Anstarren von Eiswürfeln wird auf dem Weg über glühenden Asphalt ins nächste proppenvolle Strandbad in einem moderat klimatisierten Supermarkt dann aber völlig intuitiv umgesetzt. 

Das Anstarren von Eiswürfeln wird auf dem Weg über glühenden Asphalt ins nächste proppenvolle Strandbad in einem moderat klimatisierten Supermarkt dann aber völlig intuitiv umgesetzt. Hier übt die mit Zwei-Liter-Tüten »Crushed Ice« der Marke »Gut & Günstig« gefüllte Kühltruhe in einer dunklen unbelebten Ecke des Marktgeschehens eine geradezu magische Anziehungskraft auf die hitzegestresste Kundin aus. Die dem Drang auch nicht widerstehen kann, den Deckel der Truhe ganz langsam aufzuschieben, um sich schwer atmend über die Kühlware gebeugt ausgiebig mit ihr zu beschäftigen. Was kostet gefrorenes Wasser? Welche Zutaten sind drin? Der Kauf eines Beutels Eiswürfel sollte ja schon gut überlegt sein. Der Kältestrom bricht unvermittelt zusammen, als ein wie aus dem Nichts kommender Marktmitarbeiter resolut den Deckel schließt. Dass Fotos von Eiswürfeln ähnlich sensationelle Kühlungseffekte bieten wie die aus der Truhe steigende sibirische Brise, ist aber wohl ausgeschlossen.

Merklich kühler wird einem da schon bei dem Gedanken an den vorigen Winter, auf den der nächste und wieder der nächste folgen wird. Man erinnert sich noch gut, nicht zuletzt dank eines Chat-Protokolls: Mit einem Freund schreibt man sich schließlich regelmäßig übers Wetter. Der Tenor ist eigentlich immer derselbe: Es ist zu kalt. Manchmal auch zu nass.

»War einkaufen, sehe nach Schneemann aus.«

»Brrrrauche Plusgrade.«

»Scheiß Berliner Winter.«

»Und es war Sommer LOL.«

»Wieder plitschnass geworden.«

So in der Art geht das monatelang. Die Posts garniert man mit Kälte-Emojis. Eiskristallen, Eisbären, Bibber-Gesichtern und Regenschirmen. Schon beim Scrollen durch den Chatverlauf läuft es einem kalt den Rücken herunter. Mentales Hitze-Coaching, es funktioniert also.

Die Umstellung auf karibische Temperaturen wäre leichter, wenn der Hitze nicht zuverlässig Kälte folgte. Sommer wie Winter, heutzutage alles Extremisten.