09.07.2026
Was die KI besser kann als ein Comiczeichner – und was sie gar nicht draufhat

Der analoge Mann

Aus Kreuzberg und der Welt: Humorlose KI

Seit ein paar Jahren besitze ich ein Smartphone, mit dem ich alles machen kann, was heutzutage nötig ist: Geld über- und mich selbst ausweisen. Aber ich schreibe nichts ins Internet und ich kommentiere nie etwas, jedenfalls nicht in sozialen Medien. So viel analoger Mann muss sein. Ich lese allerdings gerne, was Leute posten.

So kündigte unlängst ein Bekannter auf Facebook an, er werde demnächst einen Comic veröffentlichen, den er von Künstlicher Intelligenz zeichnen ließ. Er zeigte auch gleich ein paar fertige Seiten, eine dystopische Science-Fiction/Western-Fusion aus Paolo Serpieris »Druuna« und Jean Girauds »Leutnant Blueberry«. Alles recht gut gemacht, aber auch hoffnungslos konventionell. Das Konventionelle ist ja das Markenzeichen von KI-Bildern. Sie sehen nach dem aus, was allgemein beliebt ist – und das Beliebte ist ja fast immer doof und langweilig. Schon bekannt, nie überraschend.

Wenn die KI den Massengeschmack trifft, könnten sich Künstler:innen wieder mehr um das kümmern, was nicht zwangsläufig allen gefällt

Viele Leute schrieben empörte Kommentare. Verständlicherweise hassen Comiczeichner:innen Künstliche ­Intelligenz, denn sie nimmt ihnen die Illustrationsaufträge weg. Früher mussten Comiczeichner:innen die ­konventionellen Bedürfnisse ihrer ängstlichen Auftraggeber bedienen. Für Künstler und Künstlerinnen ist es ein Fluch, immer die anderen mitzudenken, anstatt in erster Linie auf die eigene Stimme zu hören. KI könnte sie jetzt von der schrecklichen Bürde befreien, etwas zu kreieren, was vermeintlich einer großen Anzahl von Menschen gefällt. Wenn die KI den Massengeschmack trifft, könnten sich Künstler:innen wieder mehr um das kümmern, was nicht zwangsläufig allen gefällt. Lass doch die KI die ganzen blöden Brotjobs, die ganze schreckliche Werbung machen, während wir uns auf unsere Leidenschaft konzentrieren: Geschichten erzählen und Comics machen. Aber ihr müsst die dann auch alle kaufen.

Künstliche Oberflächen erzeugen, das kann Künstliche Intelligenz vielleicht wirklich besser, aber Humor und Emotionalität nicht. KI macht schlechte Witze. Ich glaube unerschütterlich an die Kraft unmittelbarer menschlicher Regungen. Das ist es, was ich lesen und hören will. Darum geht es bei Little Richard, Black Flag und Robert Crumb: »A-wop-bop-a-loo-mop-a-lop-bam-boom!«