02.07.2026
Sandra Müller vom Psychosozialen Zentrum über die Traumatisierung von Flüchtlingen

»Nicht jede traumatisierte Person zeigt offen Symptome«

Viele Flüchtlinge haben in ihren Herkunftsländern und auf der ­Migrationsroute Gewalt erlebt. Über die psychischen Folgen und die Auswirkungen einer immer repressiveren Migrationspolitik auf ­traumatisierte Menschen sprach die Jungle World mit Sandra Müller*, Psychotherapeutin beim Brandenburger Psychosozialen Zentrum (PSZ) für geflüchtete Menschen und Mig­rant:in­nen.

Wie erleben Sie traumatisierte Personen bei ihrer Ankunft in Deutschland?

Nicht jede traumatisierte Person, die Todesangst, Gewalt, Folter und Ähnliches erlebt hat, zeigt offen Symptome. Viele funktionieren einfach erst mal weiter und schaffen es trotzdem, Deutsch zu lernen, eine Ausbildung zu machen, sich ein Leben hier aufzubauen. Deswegen gehen wir von einer hohen Dunkelziffer aus. Nur ein kleiner Teil ist hochgradig betroffen, hat Angstzustände, Depressionen. Und von denen bekommt nur ein kleiner Teil therapeutische Hilfe.

Woran liegt das?

Viele haben Schwierigkeiten, einen Zugang zu Hilfesystemen zu finden, gerade im ländlichen Raum, vor allem in Ostdeutschland. Zudem lehnen viele Krankenhäuser Flüchtlinge als Pa­tient:in­nen ab, etwa aus Berührungsängsten und der Sorge, etwas falsch zu machen, weil man sich mit den Auswirkungen von Folter nicht auskennt. Oder weil andere Pa­tient:in­nen und Ärzt:innen Vorbehalte haben.

Mittlerweile bleiben zum Beispiel in Brandenburg Menschen zwei bis drei Jahre in den Erstaufnahmeeinrichtungen. Der Zugang zu medizinischer Hilfe wird deutlich erschwert.

Was kann man dagegen tun?

Es bräuchte mehr Vernetzung in den Regelstrukturen, um den ­Geflüchteten den Zugang zu psychotherapeutischer Hilfe zu erleichtern. Hilfseinrichtungen wie die PSZ müssten auskömmlich und kontinuierlich finanziert werden. Vor allem aber bräuchte es ein Verständnis, dass auch geflüchtete Menschen ganz normale ­Pa­tient:in­nen sind, die einen Anspruch auf adäquate therapeutische Hilfe haben.

Welche Rolle spielen die Lebensbedingungen von Flüchtlingen?

Viel hängt davon ab, ob der Zugang zur Gesellschaft gelingt. Die Menschen werden ja anfangs in Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht. Diese sind für Frauen, Kinder, LGBT durchaus gefährliche Orte, an denen sie erneut Gewalt erfahren können. Wenn sie danach in andere Unterkünfte kommen, ist das Leben immer noch anstrengend, müsste aber nicht automatisch krank machen. Wenn sie aber keinen Sprachkurs erhalten, keine Arbeit finden, keine Kontakte zu anderen Menschen aufbauen können, kann das zu Gefühlen massiver Hilflosigkeit führen, zu Ängsten, zu Rückzug und Depressionen. Viele werden deshalb auch erst hier psychisch krank.

Wie wirken sich die derzeitigen ausländerrechtlichen Verschärfungen aus?

Die verschlechtern diese Lage immens. Mittlerweile bleiben zum Beispiel in Brandenburg Menschen zwei bis drei Jahre in den Erstaufnahmeeinrichtungen. Der Zugang zu medizinischer Hilfe wird deutlich erschwert. Erst nach drei Jahren haben sie Anspruch auf volle medizinische Behandlung. Durch die Bezahlkarte wird ihre Handlungsfreiheit eingeschränkt. Die Diskussionen über Abschiebungen führen zu Gerüchten und machen Angst. Ich habe zum Beispiel eine Frau erlebt, die traute sich nicht, in ihrer Anhörung zu erzählen, dass sie starke Schmerzen hat, weil sie gehört hatte, das wirke sich ungünstig auf das Asylverfahren aus. Unter diesen Umständen befürchten wir in Zukunft mehr psychische Krisen, mehr Selbstverletzungen und mehr Suizidversuche unter Flüchtlingen.

* Name von der Redaktion geändert