Kein Hund, kein Dinkel, keine Longevity
»Es gibt keine Alternative zum Altwerden, außer Sterben« – dieser lebenskluge Satz von Christiane Rösinger aus ihrem neusten Schmankerl »The Joy of Ageing« ist in unserem Freundeskreis bereits zum geflügelten Wort geworden, abends beim Bierchen, wenn wir unsere neusten, altersbedingten Wehwehchen teilen. Das Buch der kratzbürstigen Kreuzberger Bohemienne beginnt auch gleich mit einem gnadenlosen Körpercheck, morgens nach dem Aufwachen: Wo bin ich? Und: Was tut weh? Natürlich bekommt auch die heterosexuelle Paarbeziehung wie gewohnt ihr Fett weg: Rösinger warnt Frauen ausdrücklich vor Beziehungen mit älteren Männern, da diese häufig eine »hormonell bedingte toxische Griesgrämigkeit bei gleichzeitig ungebrochenem Dominanzverhalten« an den Tag legten. Sie hält auch nicht hinterm Berg mit bissigen Kommentaren über Freundinnen, die sich im Alter einen Problemhund anschaffen, und wundert sich über ihre Kumpeline, die von Dating-Portalen abgetörnt ist, aberdie Suche nach einem »Gefährten« nicht aufgibt. Halb totgelacht haben wir uns über einen fiktiven Dialog, den Stadtflüchtige in einem Wohnprojekt nahe der polnischen Grenze führen. Pflichtlektüre für alle, die keine Lust auf Landleben, Longevity oder Anti-Aging-Zeugs haben und bereit sind, der Altersarmut mit Punk-Attitüde mutig ins Auge zu schauen.
Eine andere Möglichkeit, mit Alterungsprozessen umzugehen, ist die radikale Hinwendung zur Vergangenheit
Eine andere Möglichkeit, mit Alterungsprozessen umzugehen, ist die radikale Hinwendung zur Vergangenheit. Der Berliner Journalist Jens Balzer hat nach seinen Büchern über die siebziger, achtziger und neunziger Jahre nun ein Buch über die nuller Jahre vorgelegt: »Confusion Is Next«. Darin reflektiert er süffisant die Berliner Start-up-Kultur und erinnert an Hipster mit Handy und Coffee-to-go, die auf E-Rollern unterwegs zum Bioladen sind um dort irgendwas mit Dinkel einzukaufen.
Er sucht bei den Silicon-Valley-Tech-Bros nach der Keimzelle der Maga-Gegenwart und findet ausgerechnet in Papst Benedikt XVI. einen der größten Popstars des Jahrzehnts. Mag sein, dass das »Wir sind Papst«-Gefühl damals Tante Erna in Ekstase versetzt hat. Aber die Digital Natives?
Die sorgten sich plötzlich um ihre Intimbehaarung und pilgerten zum Brazilian Waxing. Ein Jahrzehnt, das mit 9/11 begann und unter den globalen Folgen der Lehman Brothers 2008 einen Totalschaden erlitt, endete schließlich für viele mit einem Facebook-Profil. Ab jetzt machte wirklich jeder was mit Medien.