02.07.2026
Das jüdische Heist-Movie »The Piano Tuner«

Suspense, Humor, Liebe

Vom Klavierstimmer zum Safeknacker: Daniel Rohers Spielfilmdebüt »The Piano Tuner« ist eine etwas andere Art von Heist Movie, das vor allem auch eine Hommage an das jüdische New York City ist.

Genrefilme tun in der Regel gut daran, sich nicht um die Neuerfindung des Rads zu bemühen, sondern sich der eigenen formalen Begrenzung durch die von ihren Vorgängern geschaffenen Konventionen bewusst zu sein. Diesen Grundsatz hat sich der kanadische Regisseur Daniel Roher für sein Langspielfilmdebüt »The Piano Tuner« (Originaltitel: »Tuner«) zu Herzen genommen und einen Heist-Film geschaffen, der von Präzision, Witz und der Liebe zu seinen Figuren lebt – und dabei gerade in seiner Zurückgenommenheit überwältigt. Rohers Leistung beeindruckt umso mehr, als der 33jährige schon vor Beginn seiner Karriere als Spielfilmregisseur eine Oscar-Auszeichnung vorweisen konnte: für seinen Dokumentarfilm »Nawalny« über den russischen Oppositionspolitiker Aleksej Nawalnyj, der 2024 ­­in einem Strafgefangenenlager ums Leben gebracht wurde.

Doch zurück zu »The Piano Tuner«: Niki White (Leo Woodall) arbeitet zusammen mit Harry Horowitz (Dustin Hoffman), einem jüdischen Freund seines verstorbenen Vaters und großen Jazzliebhaber, – wie der Filmtitel vermuten lässt – als Klavierstimmer. Sie nehmen sich in den Penthäusern und Villen in und um New York City der Wartung unbezahlbarer Flügel an, auf denen eh nie ­jemand spielt und die vielmehr zum dekorativen Inventar ihrer abgehobenen Besitzer gehören. Niki verfügt über ein absolutes Gehör, was ihm bei seiner Tätigkeit zugute kommt; überdies sind seine Ohren derart empfindlich, dass er selbst leiseste Geräusche wahrnehmen kann. Lärm hingegen erträgt er allerdings kaum, so dass er sich in der lauten Metropole mit einem Hörschutz Abhilfe schafft – und die vielversprechenden Anfänge seiner Karriere als Pianist aufgeben musste.

Der Regisseur Roher nutzt ein suggestives, fast physisch spürbares Sounddesign, das die Welt durch Nikis überempfindliche Ohren erfahrbar werden lässt.

So kann Niki sich nicht damit abfinden, als eines Abends in einer New Yorker Villa seine Feinjustierungen an dem Flügel, an dem am darauffolgenden Tag der »Piano Man« Billy Joel bei einer Benefizveranstaltung spielen soll, von lauten Geräuschen aus dem Obergeschoss gestört werden. Als er sich auf die Suche nach der Quelle derselben begibt, trifft er auf die israelischen Mitarbeiter der Sicherheitsfirma des Anwesens, die sich gerade an der gewaltsamen Öffnung eines schweren ­Stahlsafes mittels Sägewerkzeugs versuchen. Entnervt nimmt sich Niki des Tresors an, denn das Knacken von Drehschlössern hat er sich kürzlich mit Hilfe von Youtube-Tutorials und seines herausragenden Gehörs selbst beigebracht, als sein Mentor Harry die Kombination seines Safes vergessen hatte.

Als Letzterer trotz des strengen gesundheitlichen Regiments seiner Ehefrau, der »jiddischen Mame« Marla (Tovah Feldshuh), wenig später einen Schlaganfall erleidet und mangels Krankenversicherung eine enorme Krankenhausrechnung ­entsteht, sieht Niki sich gezwungen, das unmoralische Angebot von Uri (Lior Raz), dem Chef der israelischen Bande, anzunehmen und sein Gehör erneut in den Dienst von dessen kriminellen Machenschaften zu stellen. Eine ganze Weile läuft das wie am Schnürchen und Niki öffnet für die etwas tölpelhafte, liebenswerte Gang die Safes, die sich hinter Gemälden von Francis Bacon oder unter den Fußböden der Luxusimmobilien der Ostküstenmetropole verstecken. Die Schulden beim Krankenhaus schrumpfen und Niki erfährt plötzlich finanzielle und soziale Anerkennung. Überdies verliebt er sich auch noch in die aufstrebende Klavier- und Kompositionsstudentin Ruthie (Havana Rose Liu), der er dank seiner neuen Nebentätigkeit teure Geschenke machen kann.

Suggestives Sounddesign

Doch »The Piano Tuner« wäre kein konventioneller Heist-Film, wenn Nikis Glückssträhne nicht ein jähes Ende fände und den Weg für eine nervenaufreibende, anschwellende Klimax freigeben würde. Diese inszeniert Roher wie schon die Exposition durch ein ausgewogenes Zusammenspiel von schnellen Schnitten und Detailaufnahmen der geknackten Schlösser und ihres ­Innenlebens, der gestohlenen Uhren und so weiter einerseits sowie einer aufmerksamen Figurenentwicklung, die sich an den richtigen Stellen Zeit nimmt und auch die leisen zwischenmenschlichen Töne zum Klingen bringt, andererseits. So finden Suspense, Humor und die Liebe zu den Charakteren zusammen, ohne einander je im Weg zu stehen.

Diese erzählerische Präzision spiegelt sich nicht nur inhaltlich im größte Sorgfalt und Genauigkeit erfordernden Handwerk des Klavierstimmens, sondern auch auf der auditiven Ebene des Films wider. Roher nutzt ein suggestives, fast physisch spürbares Sounddesign, das die Welt durch Nikis überempfindliche Ohren erfahrbar werden lässt: Der ohrenbetäubende, schmerzhaft aggressive Lärm, dem Niki etwa beim unerwarteten Aufheulen eines Rauchmelders ausgesetzt ist, kontrastiert scharf mit der fast sakralen Stille der luxuriösen Penthäuser, in denen das rhythmische, metallische Klicken der Tresorschlösser zur eigentlichen Musik wird.

Daran anknüpfend wird »The Piano Tuner« über weite Strecken von dem pointierten Einsatz des Jazz-Soundtracks getragen. Er verleiht dem Film nicht nur die auf geradezu tröstliche Weise vertraute Atmosphäre eines New-York-Gangsterfilms, sondern eröffnet auch einen direkten Zugang zur Identifikation mit Harry, dem sprücheklopfenden Charmeur alter Schule, und seinem Wahlneffen, dem lakonisch enttäuschten Genie – über ihre Liebe zur Musik. Besonders hervorzuheben sind dabei die wiederholte Verwendung des Themas von Walter Gross’ »Tenderly« (bekannt unter anderem in der Version von Nat King Cole), in der so zärtlich wie kraftvoll Nikis Liebe zu Harry anklingt, sowie das handlungstreibende Ertönen von Nina Simones Einspielung von »Sinnerman«, die man ohnehin nicht oft genug hören kann.

Cameo-Auftritt von Herbie Hancock

Und dabei ist der Cameo-Auftritt der Jazzlegende Herbie Hancock noch gar nicht erwähnt, der sich in ein Ensemble fügt, das schlicht zum Niederknien ist. Das intime, familiäre Zusammenspiel der jüdischen Charakterdarstellern Dustin Hoffman und Tovah Feldshuh mit Leo Woodall, dem »White Lotus«-Schauspieler mit den glasigen Augen, entwaffnet ebenso wie dessen vorsichtige Annäherung an Havana Rose Lius vom Ehrgeiz getriebene Ruthie, bevor nach dem »Fauda«-Star Lior Raz auch der als Starpianist Marius Maissner eingeführte Jean Reno seine Aufwartung macht. Sie alle spielen virtuos Figuren, die aus den vertrauten Archetypen des Genres hervorgehen und dennoch nie auf diese reduziert werden.

Auch in dieser Besetzung wird deutlich, was Daniel Rohers Film von einem beträchtlichen Teil des heutigen Hollywood-Kinos unterscheidet. Während viele neuere Produktionen ihre Figuren vor allem als Träger politischer Botschaften behandeln, interessiert sich »The Piano Tuner« zunächst für Charaktergesichter – und für die Eigenheiten, Schwächen, Loyalitäten und Beziehungen der ­Figuren, denen sie Leben verleihen. Sein selbstbewusst jüdischer Blick auf die Welt erschöpft sich nicht in Identitätspolitik oder Opfererzählungen, sondern findet seinen Ausdruck in Humor, Intimität, musi­kalischer Tradition und einem tiefen Respekt vor der Individualität seiner Figuren – eben gerade im Spiel mit den Konventionen ihrer Figuren­anlage.

Dass ein solcher Film heutzutage beinahe anachronistisch wirkt, sagt wohl mehr über den Zustand der Filmindustrie als über ihn selbst aus. »The Piano Tuner« beschwört ein New York, das von jüdischem Leben, kultureller Leichtigkeit und urbanem Individualismus geprägt ist – und erinnert damit zugleich an die Fragilität dieser Traditionen in einer Zeit, in der antisemitische Ressentiments wieder offen hervortreten. Rohers Werk setzt diesen Entwicklungen keine politische Predigt entgegen, sondern etwas weit Wirksameres: handwerklich herausragendes ­Storytelling.

The Piano Turner (Kanada/USA 2025). Buch: Daniel Roher, Robert Ramsey. Regie: Daniel Roher. Darsteller: Leo Woodall, Havana Rose Liu, Lior Raz, Tovah Feldshuh, Jean Reno, Dustin Hoffman