Studieren am Limit
»Seit dem Wegfallen des Kindergeldes gehe ich im Schnitt viermal im Monat Plasma spenden, um die 200 Euro auszugleichen«, erzählte Luke*, ein Berliner Student, der Jungle World. Mit dem Geld, das er für die Spende erhält, könne er größere Ausgaben wie beispielsweise den Semesterbeitrag stemmen. Luke ist einer der über 480.000 Studierenden in Deutschland, die Bafög beziehen. Die 600 Euro, die der Medizinstudent monatlich erhält, reichen gerade einmal für die Miete und die Wohnnebenkosten. Um die anderen Lebenshaltungskosten zu decken, wie den Kauf von Lebensmitteln, erhält er Unterhalt von seinem Vater und arbeitet bis zu 16 Stunden die Woche als Hilfskraft in einer Arztpraxis. Und trotzdem: Sobald Ausgaben anstehen, die über das Grundlegende hinausgehen, werde es knapp auf dem Konto.
Damit steht er nicht allein: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts verfügt die Hälfte aller Student:innen mit eigener Haushaltsführung über weniger als 930 Euro monatlich zum Leben. Diejenigen, die nicht bei ihren Eltern leben, geben demnach im Schnitt 53 Prozent ihres Monatsbudgets allein für ihre Wohnkosten aus.
»Die Preise auf dem Wohnungsmarkt laufen dem Bafög davon.« Stefan Grob, Pressesprecher des Deutschen Studierendenwerks
Jüngste Aussagen der Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) dürften unter Student:innen nicht unbedingt für Begeisterung gesorgt haben. »Es ist kein Drama, wenn Studierende neben dem Studium jobben«, antwortete die Ministerin, als die Berliner Morgenpost sie auf deren wachsende finanzielle Schwierigkeiten angesprochen hatte. Mit Verweis auf die »privilegierte Situation« hierzulande, die sich ihrer Meinung nach etwa in der Abwesenheit von Studiengebühren zeigt, gab die ehemalige Stipendiatin der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung an, dass es kein »Vollkaskostudium« geben könne, und betonte die »wichtigen Erfahrungen«, die eine Erwerbstätigkeit neben dem Studium biete. In der Tat arbeiten fast 65 Prozent aller Studierenden in Deutschland neben dem Studium.
Bafög-Erhöhung in Gefahr
Auch deutete Bär an, dass es für die im Koalitionsvertrag vereinbarte Erhöhung des Bafög-Satzes derzeit keine Mehrheit in den Regierungsfraktionen gebe. »Wenn Pflegebedürftige sparen sollen und beim Elterngeld Kürzungen vorgenommen werden, dann ist nachvollziehbar, dass man nicht gleichzeitig an anderer Stelle große zusätzliche Leistungen verspricht«, so Bär. Ähnlich klingt der Regierungssprecher Stefan Kornelius, wenn er darauf verweist, dass sämtliche im Koalitionsvertrag vereinbarten Vorhaben unter einem grundsätzlichen Finanzierungsvorbehalt stünden. Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Wiebke Esdar, will hingegen an der vereinbarten Erhöhung festhalten, wie sie am 11. Juni im Bundestag verdeutlichte: »Für uns ist klar, wir wollen das Bafög erhöhen, und wir werden das Bafög erhöhen.«
Voraussichtlich Ende Juli will das Bundeskabinett über eine Reform des Bafög entscheiden. Neben einer Digitalisierung des Bezugssystems wurde im Koalitionsvertrag eine Erhöhung der Wohnkostenpauschale von 380 auf 440 Euro monatlich zum Wintersemester 2026/2027 vereinbart. Der Grundbedarf für Lebenshaltungskosten sollte schrittweise auf das Niveau der Grundsicherung angehoben werden. Derzeit wären das 563 Euro. Allerdings wäre diese Erhöhung schon bei Inkrafttreten von der Realität überholt. Nach einer Erhebung des Moses-Mendelssohn-Instituts, das unter anderem Immobilienforschung betreibt, betragen allein die durchschnittlichen Wohnkosten von Student:innen in Deutschland 493 Euro monatlich. In Großstädten wie Hamburg, Berlin oder München kann ein WG-Zimmer weit über 600 Euro kosten.
»Die Preise auf dem Wohnungsmarkt laufen dem Bafög davon«, teilte Stefan Grob, der Pressesprecher des Deutschen Studierendenwerks, der Jungle World mit. »Mit Blick auf die hohen Mieten in einigen Hochschulstädten droht eine soziale Selektion durch die Miete, bei der nicht mehr das Studienangebot der Hochschule, sondern der Mietpreis vor Ort oder die finanzielle Unterstützung durch die Eltern über die Studienortswahl entscheidet. Gerade deshalb ist eine umfassende Reform des Bafög so wichtig.« Auch Luke hofft auf die Reform: »Eine Änderung der Wohnkostenpauschale wäre für mich das Allerwichtigste.« Besorgt blickt er auf das kommende praktische Jahr im Medizinstudium, in dem unbezahlte Vollzeitarbeit vorausgesetzt wird und er deshalb keiner Erwerbstätigkeit nachgehen kann. In dieser Zeit werde sein jüngerer Bruder ihm finanziell aushelfen müssen.
Das Bafög dient eigentlich dazu, jungen Menschen unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund ein Studium zu ermöglichen. Einen gesetzlichen Anspruch auf Förderung hat jeder, dem »die für seinen Lebensunterhalt und seine Ausbildung erforderlichen Mittel anderweitig nicht zur Verfügung stehen«. Die Hälfte muss nach dem Studium zurückgezahlt werden.
90 Prozent der Student:innen werden von ihren Eltern unterstützt, nur etwa elf Prozent erhalten Bafög
Berechnet wird der Bedarf abhängig vom Einkommen der Eltern. Schon länger kritisieren Studierendenvertretungen und Gewerkschaften die hier vorgesehenen Freibeträge, also das Einkommen, das Eltern verdienen dürfen, bevor es auf das Bafög angerechnet wird, als zu niedrig. Viele junge Menschen, die es eigentlich nötig hätten, erhielten deshalb nur geringe oder keine Förderung. Am 11. Juni diskutierte der Bundestag anlässlich zweier Oppositionsanträge von Grünen und Linkspartei über die Zukunft des Bafög. Die Linkspartei forderte unter anderem, die Elternfreibeträge anzuheben und die Ausbildungsförderung in einen »rückzahlungsfreien Vollzuschuss« umzuwandeln.
»Wenn wir eine Milliarde für einen Tankrabatt haben, aber kein Geld für eine Bafög-Reform, dann ist das eine politische Entscheidung gegen Studierende«, kritisierte Jo Dietze, Vorstandsmitglied des Freien Zusammenschlusses von Student:innenschaften (FZS), gegenüber der Jungle World. Dabei berge das Bafög-System bereits zahlreiche Hürden, weshalb so manche Anspruchsberechtigte auf einen Antrag verzichteten. »Wir haben ein unfassbar komplexes Antragssystem, wir haben überforderte, nicht ausfinanzierte Bafög-Ämter und die Bearbeitungszeit ist so lang, dass viele armutsbetroffene Studierende auf Privatkredite zurückgreifen müssen.«
Nur elf Prozent Bafög-Empfänger:innen
Tatsächlich befindet sich die Zahl an Bafög-Empfänger:innen auf dem tiefsten Stand seit dem Jahr 2000. Außer dem hohen bürokratischen Aufwand ist es die Angst vor Verschuldung, die Student:innen davon abhält, Bafög zu beantragen. »Es geht immer mehr in die Richtung, dass nur Studierende, die Unterstützung aus dem Elternhaus erhalten, sich ein halbwegs sorgenfreies Studium ermöglichen können«, so Dietze. Von Bildungsgerechtigkeit könne immer weniger die Rede sein.
Insbesondere Student:innen, deren Eltern sie nicht unterstützen können, leiden unter dem ökonomischen Druck. So geht es auch Lara Häusler, einer Studentin der Erziehungswissenschaft aus Düsseldorf. Da die Rente ihrer Mutter gering sei, könne sie nicht auf Unterhalt aus dem Elternhaus zurückgreifen, erzählte sie der Jungle World. Sie gehört zu den wenigen Student:innen, die den Bafög-Höchstsatz von 992 Euro erhalten. Zusätzlich arbeitet sie und erhält aus mehreren Ehrenämtern 300 Euro monatlich. Das meiste davon gehe für Miete und Krankenversicherung drauf. Mit ihren 26 Jahren fällt sie aus der Familienversicherung raus und muss sich selbst versichern. »Ich arbeite eigentlich mehr, als dass ich studiere«, so Lara.
Trotzdem habe sie am Ende des Monats kaum etwas übrig. Vor allem das Sozialleben leide darunter: »Ich gehe sehr selten raus. Einladungen zu Ausflügen oder Urlauben muss ich absagen, weil ich einfach nicht die finanzielle Sicherheit dafür habe.« Die viele Arbeit und der psychische Druck hätten Einfluss auf ihre Leistungen im Studium. Hausarbeiten und Prüfungen habe sie ins nächste Semester schieben müssen. Bei mancher Vorlesung müsse sie abwägen, ob sie stattdessen lieber arbeiten gehe. Dadurch habe sich ihr Studienverlauf verlängert. »Ich habe Zukunftsängste, weil ich ab September kein Bafög mehr erhalten werde und im letzten Semester wahrscheinlich Vollzeit arbeiten muss.«
Wie sehr die Studienfinanzierung in Deutschland privatisiert ist, zeigt eine Auswertung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE): Demnach werden 90 Prozent der Student:innen von ihren Eltern unterstützt, nur etwa elf Prozent erhalten Bafög. Wer keine familiäre Unterstützung erhält, muss sich entweder verschulden oder deutlich mehr arbeiten als die bessergestellten Kommiliton:innen. Das kann zum Hindernis für den Studienerfolg werden. »Wer wöchentlich mehr als zehn Stunden während des Studiums arbeitet, unterliegt einem höheren Abbruchrisiko«, sagte Stefan Grob.
In der Sendung »Sonntags-Stammtisch« vom 14. Juni lenkte Dorothee Bär im Bayerischen Rundfunk dann ein: »Wir arbeiten an der Erhöhung.« Ob sie wirklich kommt, bleibt bis zur Kabinettsentscheidung offen. Für Student:innen wie Luke und Lara heißt das erst mal weiterhin: Plasma spenden und arbeiten gehen, um das Vollzeitstudium zu finanzieren.
* Name von der Redaktion geändert