25.06.2026
Sogenannte Qualitätsmedien unterschreiten auch ganz ohne KI journalistische Standards

Der Geist in der Maschine

»Echte« Menschen können unkritischer sein als eine KI. In den sogenannten Qualitätsmedien werden fortwährend journalistische Standards unterschritten, auch ganz ohne KI.

Unfreiwillig hat der Bayerische Rundfunk in die Debatte über den Einsatz von KI im Journalismus ein Argument eingebracht, das sowohl auf Seiten der KI-Kritiker in der Taz und der Süddeutschen Zeitung als auch bei den KI-Verteidigern beim Springer-Verlag oder der Berliner Zeitung nicht erwähnt wird: dass menschliche Autorschaft weder journalistische Qualität im Sinne des Pressekodexes noch die Wahrhaftigkeit eines journalistischen Produkts garantiert.

So hat die ARD einen Beitrag des Bayerischen Rundfunks über ein Bekleidungsgeschäft gebracht, das modest fashion anbietet, Sharia-konforme Kleidung zur »Bedeckung« von Frauen, geführt von einem muslimischen Ehepaar. In dem Beitrag kommen das Ehepaar, eine Bekannte und eine Kundin zu Wort. Die Frau erklärt ihre »Bedeckung« als freiwilligen Ausdruck ihres Glaubens, der Mann vergleicht Frauen mit Handys und die die Haut bedeckende Kleidung mit einer Handyhülle, die etwas Wertvolles schützt. Der Beitrag selbst nennt modest fashion einen »modischen Gegentrend« zur sommerlichen Freizügigkeit und formuliert zum Schluss, die Botschaft von modest fashion sei, dass es nicht darum gehe, wie viel Haut man zeige, sondern wie wohl man sich in ihr fühle.

Das war’s. Es gibt keine journalistische Brechung der Perspektive der Ladenbesitzer, auch nicht beim sexistischen Handykommentar – sie wird vielmehr undistanziert übernommen. Ebenso wird auf eine zweite Erzählebene verzichtet, die modest fashion kritisch in den Kontext islamischer, frauenverachtender Sittenregeln einordnen könnte. Beides sind wohlgemerkt Punkte, die Chat GPT kritisch zum Beitrag anführt.

Die Forderung nach Echtheit statt nach Wahrheit appelliert an denselben Affekt wie linke und rechte Populisten.

Das Beispiel verdeutlicht nicht nur, welche Sorte abgegriffener Phrasen Journalisten verwenden, wenn sie sich diese selbst aussuchen – vor allem wenn sie glauben, eine Botschaft zu haben –, sondern auch, wie in den sogenannten Qualitätsmedien auch ganz ohne KI journalistische Standards unterschritten werden. Es zeigt auch: Wo Menschen am Werk sind, wird nicht selten ideologisch voreingenommen gearbeitet – auch beim Gewichten und Prüfen von Fakten – und schließlich ideologischer Müll produziert, den selbst Chat GPT fragwürdig findet. Der unkritische, distanzlose BR-Beitrag lässt Rückschlüsse zu: Die Autoren scheinen die Verschiedenheit kultureller Praktiken – egal, was sie objektiv bedeuten, und gleichgültig, wie viel verdrängte Gewalt ihnen zugrunde liegt – als bereichernd zu empfinden. Und sie nehmen offenbar an, man dürfe Vertretern einer Kultur in der Bewertung ihrer kulturellen Praktiken nicht widersprechen.

Das verweist aber nicht nur auf eine unreflektierte Praxis von Kultursensibilität, in die sich eine identitätspolitisch verkürzte Standpunkttheorie eingeschlichen hat. Mehr noch: Die Distanzlosigkeit des Beitrags zu seinem Material, die keinen Widerspruch übt und die Dargestellten in ihrer Identität nicht hinterfragt, sie als unproblematisch und »echt« darstellt, deutet auf einen virulenten Authentizitätsfetisch hin, der eine unbewusste Reaktion der Autoren auf ihre – durch die KI verstärkte – Austauschbarkeit innerhalb kapitalistischer Verhältnisse darstellen mag.

Dieser Authentizitätsfetisch ist im Journalismus weit verbreitet – was sich auch an der Kritik zeigt, die gegenwärtig am Einsatz von KI im Journalismus geübt wird. Ann-Kathrin Leclère, Medienredakteurin der Taz, schreibt zwar richtigerweise, dass Journalisten ihre eigene Berufsgrundlage angriffen, wenn sie das Prüfen, Gewichten und Einordnen von Fakten »an Maschinen« abgeben oder gleich ganze Meinungsstücke von ihnen schreiben lassen, wie der Tagesspiegel-Redakteur Stephan-Andreas Casdorff es getan hat.

Eigenständiges Denken und Kritik im Journalismus ersetzt durch Phrasenkombinationstalent und Allgemeinplätze

Leclère kommt aber nicht auf den Gedanken, die Tatsache, dass massenhaft KI-generierte Meinungsstücke publiziert wurden, könne beweisen, dass eigenständiges Denken und Kritik im Journalismus schon seit langem ersetzt wurden durch Phrasenkombinationstalent und wohlfeile Allgemeinplätze wie »gesellschaftlicher Zusammenhalt«, »Menschlichkeit«, »Respekt« – weshalb sich journalistische Kommentare kaum von Politikeransprachen zu Gedenktagen unterscheiden.

Entsprechend gelangt Leclère auch nicht zu der diesem Verfall sich widersetzenden Forderung, das sprachliche Niveau im Journalismus wieder anzuheben und nicht mehr zu formulieren wie mittelmäßig begabte Abiturienten. Gehört diese boulevardisierende Zwangssimplifizierung doch zu den Bedingungen der Geistlosigkeit im Journalismus. Wer glaubt, die Leute seien zu doof, Sätze mit mehr als drei Kommata zu verstehen, und sein Schreiben entsprechend anpasst, wird am Ende selber doof. Und fordert dann wie Leclère in der Argumentation gegen die Verwendung von KI nicht etwa überzeugenderen oder wahrhaftigeren, sondern »echten« Journalismus von echten Menschen. Diese Forderung nach Echtheit statt nach Wahrheit appelliert an denselben Affekt wie linke und rechte Populisten.

Der Wunsch nach Echtheit ist ein Reflex auf die Austauschbarkeit aller gegen alle. Populistisch ist die Forderung nach Echtheit, weil sie von der Prüfung der im Text verhandelten Sache auf jene des Sprechers als Bürgen von Glaubwürdigkeit wechselt. Nicht mehr der Text soll wahr, begründet und bedenkenswert sein, sondern der Mensch dahinter »echt«. Genau davon lebt auch der Populismus: Ihn interessieren nicht Gedanken, sondern wer sie äußert; er sortiert Menschen in echt und unecht, in »Volk« und »die da oben«. Gerade deshalb, weil er nicht hält, was er verspricht, untergräbt der Verweis auf menschliche Autorschaft die Glaubwürdigkeit des Journalismus. Die Menschen, die als Echtheitssiegel herhalten sollen, trauen als ichverkümmerte Einzelne unterm Kapital doch nicht einmal sich selbst.