25.06.2026
Irans Ökonomie leidet unter dem Krieg und dem eigenen Regime

Untote Wirtschaft

Das umstrittene US-iranische Abkommen sieht unter anderem enorme Erleichterungen für die sanktionierte iranische Wirtschaft vor. Die gravierenden strukturellen Probleme der iranischen Ökonomie dürften jedoch fortbestehen, auch wenn die USA dem Mullah-Regime entgegenkommen.

Die starke wirtschaftliche Isolation des Iran könnte bald ein Ende haben. Die vergangene Woche unterzeichnete Absichtserklärung zwischen der Islamischen Republik Iran und den USA zu einer Beilegung des Kriegs zwischen beiden sieht zahlreiche Punkte vor, die der iranischen Wirtschaft sehr zugutekämen. So könnten die US-amerikanische Seeblockade und der Kriegszustand enden, ebenso könnten die USA eingefrorene iranische Gelder im Umfang bis zu 100 Milliarden US-Dollar freigeben und nahezu alle Sanktionen aufheben. Zusätzlich steht gar ein ­Investitionsfonds für den Iran im Umfang von 300 Milliarden US-Dollar zur Diskussion.

Selbst wenn diese Punkte des umstrittenen Abkommens verwirklicht werden sollten, dürfte das jedoch nicht ausreichen, um die Wirtschaftskrise im Iran zu lösen. Denn deren Probleme sind struktureller Natur. Der jüngste Krieg ist nicht die Ursache der iranischen Wirtschaftskrise. Er ist aber zu einem ihrer stärksten Beschleuniger geworden.

Ein Problem für den Iran sind die direkten Folgen der Angriffe der USA und Israels seit Ende Februar. Deren Luftangriffe auf Petrochemie-, Stahl- und Raffinerieanlagen haben die iranische Wirtschaft an kritischen Punkten geschädigt. Lieferketten wurden unterbrochen, Deviseneinnahmen sind gesunken, Transportkosten und die Preise für Rohmaterialien gestiegen. Viele Fabriken leiden zudem unter Rohstoff­engpässen und produzieren deswegen im Durchschnitt nur noch 30 Prozent ihres bisherigen Ausstoßes. In den vergangenen Monaten entließen viele Betriebe daher Beschäftigte, die Arbeitslosigkeit verdoppelte sich nahezu. Damit haben sich auch die Kosten für die Sozialversicherungen stark erhöht und zu sozialen Problemen geführt.

Der jüngste Krieg ist nicht die Ursache der iranischen Wirtschafts­krise. Er ist aber zu einem ihrer stärksten Beschleuniger geworden.

Auch die Angriffe, die der Iran selbst im Ausland verübt hat, haben Folgen für die iranische Wirtschaft. Vor dem Krieg dienten die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) als Irans wichtigstes Tor für den Welthandel und damit als Weg, die westlichen Sanktionen zu umgehen. Durch die iranischen Raketen- und Drohnenangriffe auf die VAE und wirtschaftliche Vergeltungsmaßnahmen der Emirate hat sich das iranische Regime jedoch selbst von diesem lukrativen Handelsweg abgeschnitten.
Die Weltbank schätzt daher, dass Irans Wirtschaft in dem im März 2026 endenden iranischen Kalenderjahr um etwa 2,7 Prozent geschrumpft ist. Darin sind die direkten Folgen des Kriegs für die Wirtschaft folglich noch kaum einberechnet.

Die Folgen der US-amerikanischen Seeblockade sind ebenfalls weitreichend. Diese hat den Import von Rohstoffen stark erschwert, was zu einem deutlichen Anstieg der Inflation geführt hat, insbesondere bei Lebensmitteln. Dem jüngsten iranischen Inflationsbericht zufolge haben sich binnen eines Jahres Speiseöl um 431 Prozent, Eier um 342 Prozent und Reis um 287,4 Prozent verteuert. Allein im Mai stieg der iranische Verbraucherpreisindex um 8,8 Prozent im Vergleich zum Vormonat an. Aufs Jahr hochgerechnet wäre dies mehr als eine Verdoppelung der Verbraucherpreise.

Sanktionen auf für den Ölexport bestimmte Öltanker, aber auch die Seeblockade haben der iranischen Regierung einen großen Teil ihrer Öleinnahmen entzogen. Gleichzeitig hat die umfassende Rezession die Steuereinnahmen verringert. Nach Angaben der iranischen Steuerverwaltung sind die staatlichen Steuereinnahmen in den vergangenen zwei Monaten im Vergleich zu den Vorjahresmonaten um 29 Prozent gefallen. Inflationsbereinigt beläuft sich der Rückgang sogar auf bis zu 60 Prozent.

Steigende Inflationsrate

In den vergangenen Jahren hat die iranische Regierung wiederholt auf die Reserven des Nationalen Entwicklungsfonds und die Notenpresse der Zentralbank zurückgegriffen, um lebensnotwendige Importe zu finanzieren, Haushaltslöcher zu stopfen und so die soziale Unzufriedenheit in Grenzen zu halten. Aus Mangel an ausländischen Devisen wird die im Inland kursierende Geldmenge aufgebläht, was sich an der steigenden Inflationsrate zeigt.

Die Inflation und die damit einhergehende sinkende Kaufkraft der Menschen im Iran hat auch für Unternehmen Konsequenzen. Betriebe sehen sich mit höheren Kosten für Rohstoffe, Energie, Transport, Sozialversicherung und Löhnen konfrontiert. Da die Menschen im Iran über weniger Kaufkraft verfügen, ist zudem die Nachfrage ­gesunken, was wiederum den Gewinn der Betriebe zusätzlich zu den auftretenden Produktionseinschränkungen verringert hat.

Noch gravierender ist die Situation für Unternehmen, die von importierten Rohstoffen oder Komponenten abhängig sind. Wechselkursschwankungen, Schwierigkeiten beim Geldtransfer, die höheren Kosten alternativer Handelsrouten und die Ungewissheit über die Zukunft haben die Betriebsplanung ­erschwert. Eine steigende Verschuldung der Betriebe ist die Folge.

Schon vor dem Krieg kam es in dem öl- und gasreichen Land im Sommer zu Stromabschaltungen und im Winter zu Gasknappheit.

Eines der grundlegenden Probleme der iranischen Wirtschaft ist zudem ihre Abhängigkeit von billiger Energie. Jedes Jahr gewährt die iranische Regierung Subventionen auf Benzin und andere Energieprodukte im Umfang von rund 100 Milliarden US-Dollar, auch um damit Zustimmung zum Regime zu erkaufen. Energieintensive Industrien haben sich an stark subventioniertes Gas und Strom gewöhnt und gehen verschwenderisch damit um. Schon vor dem Krieg kam es in dem öl- und gasreichen Land daher im Sommer zu Stromabschaltungen und im Winter zu Gasknappheit.

Ähnlich sieht es beim Thema Wasser aus. Obwohl der Iran eigentlich zu den niederschlagsreicheren Ländern der Region gehört, leidet das Land unter Wasserknappheit und Dürren. Ein Grund ist der verschwenderische Umgang mit Wasser, unter anderem ersichtlich an der starken staatlichen Förderung der wasserintensiven Stahl- und Rüstungsindustrie; ein anderer die agrarische Überwirtschaftung arider Flächen, die viel Wasser verbraucht.

Eine Folge ist das Sinken des Grundwasserspiegels, was den Iran zum weltweiten Spitzenreiter bei der Landerosion gemacht hat. So kommt es häufig zu Rissen in Häusern und Mauern, auch tödliche Einstürze von Gebäuden und Erdrutsche sind ein wachsendes Problem. Und zuletzt hat die langanhaltende Abschaltung des Internets im Iran durch das Regime zu heftigen wirtschaftlichen Problemen geführt, die eine mögliche Aufhebung der Internetsperre überdauern würden.

Kombination aus Rezession und hoher Inflation

Diese strukturellen Probleme der iranischen Wirtschaft würden auch nach einem Ende des Kriegs und der Seeblockade, der Freigabe der einge­frorenen iranischen Gelder, der Lockerung zahlreicher Sanktionen und sogar der Einrichtung des geplanten Investitionsfonds fortbestehen. Selbst der Fluss großer Geldmittel in die iranische Wirtschaft würde nicht ausreichen, um die rapide Inflation, das hohe Haushaltsdefizit, die Beschädigung der Infrastruktur und die Verringerung der Produktionsleistung zu über­winden.

Statistiken zeigen, dass die Regierung ihre Ausgaben weiterhin zu erheblichen Teilen finanziert, indem sie schlicht Geld drucken lässt. Die verfügbaren Belege deuten daher darauf hin, dass der Iran weiter unter einer Kombination aus Rezession und hoher Inflation zu leiden haben wird: Die Industrie steht vor weitreichenden und strukturellen Einschränkungen, darunter ein Mangel an Rohstoffen und eine unzuverlässige Versorgung mit Energie. Die Kaufkraft der Haushalte ist deutlich gesunken und es besteht kein Vertrauen darin, dass die Regierung die Inflation eindämmen, Lieferketten stabilisieren oder Planungssicherheit herstellen kann.

Obwohl ein Abkommen wie das jetzt von der Regierung Trump erwogene ­einen Teil des Drucks lindern mag, dürfte Irans Wirtschaft ohne institutionelle, steuerliche, finanzielle und handelspolitische Reformen nicht zu einer nachhaltigen Entwicklung fähig sein. Angesichts der Tatsache, dass weite Teile der iranischen Wirtschaft von Netzwerken kontrolliert werden, die dem herrschenden Regime nahestehen, sind derartige Reformen jedoch unwahrscheinlich.