25.06.2026
Warum die Fußball-WM nervt

Die große Plage

Diejenigen, die sich öfter als alle vier Jahre für Fußball leidenschaftlich interessieren, haben es während der gegenwärtig stattfindenden Fußballweltmeisterschaft der Männer nicht leicht.

Es könnte so schön sein: Die Saison ist vorbei, die fußballfreie Zeit muss sinnvoll überbrückt werden. Wobei, erstmal ist Wunden lecken angesagt. Denn der beste Verein der Welt, der 1. FC Saarbrücken, ist wider Erwarten nicht aufgestiegen. Die Männer scheiterten knapp mit Platz 15 in der 3. Liga am Aufstieg in die 2. Liga, die Frauen mussten sich – trotz Meisterschaft in der Regionalliga Südwest – mit Hertha BSC um den begehrten Platz in der 2. Liga streiten, was nur beinahe funktioniert hat.

Dass Meister und Meisterinnen nicht automatisch aus der Regionalliga aufsteigen, ist etwas, das dringend geändert werden muss. Doch der Kummer über die verpassten Chancen hält eh selten lange, als Saarbrücken-Fan ist man das gewohnt.

Boykott der WM

Was liegt also näher, als sich die Weltmeisterschaft der Männer zu gönnen? Nun, zum Beispiel der Neptun. Der ist mir auf jeden Fall näher als die WM, denn die boykottiere ich. Und das hat ganz unterschiedliche Gründe:

1. Ich bin kein Fußballfan, sondern Fan des 1. FC Saarbrücken. Da wird manchmal so was wie Fußball geboten, aber das weiß man vorher nie so genau. Manchmal regnet es zu viel, wie am 7. Februar 2024, als kurz vor Anpfiff im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Gladbach das Spiel abgesagt wurde. Der Rasen war abgesoffen, da halfen auch fünf Leute mit Laubbläsern auf dem grünen Feld nichts. Was eine Blamage, aber dafür kann der Verein nichts, die Stadt besitzt das Stadion und hat Mist gebaut. Am 12. März hat Saarbrücken dann trotzdem gewonnen. Warum soll ich mir also Spiele ansehen, bei denen ich die Spieler nicht kenne und niemand aus Saarbrücken mitspielt?

2. Das Stadionerlebnis: Im besten Stadion der Welt – dem Saarbrücker Ludwigspark – treffe ich Freunde und Freundinnen, um gemeinsam zu jubeln, jammern, singen, pöbeln und trinken. Für Auswärtsfahrten reicht leider die Kraft nicht, da muss notgedrungen vorm Fernseher mitgefiebert werden. Wenn die WM in Saarbrücken ausgetragen wird, gehe ich hin, versprochen.

3. Der Kommerz: Wieder die alte Leier, aber der Fußballweltverband Fifa hat dieses Mal noch einen draufgelegt. Neben den horrenden Ticketpreisen und der unklaren Zuweisung der Plätze – im ersten Zug kauft man einen nicht klar benannten Sitzplatz auf dem Unterrang, dann wird bei der zweiten Runde die Kategorie der Sitzplätze einfach geändert und man findet sich auf dem Oberrang wieder – geht es um den Zweitmarkt für den Weiterverkauf der Tickets. Dieser Marktplatz wird von der Fifa betrieben, um den Schwarzmarkt auszutrocknen. Der BVB zum Beispiel hat das auch, dort werden Tickets ausschließlich zum Originalpreis angeboten, zuzüglich einer Servicegebühr von zehn Prozent. Bei der Fifa kann der Verkäufer verlangen, was er möchte, der Markt soll das regeln. Und dazu werden von Käufer und Verkäufer 15 Prozent Provision verlangt. Die Idee, den Schwarzmarkthandel zu erschweren, um Spekulationen mit den Tickets unattraktiv zu machen, hat man denkbar eigennützig umgesetzt: Die Fifa hat das Schwarzmarktgeschäft einfach übernommen, um abzukassieren.

Ausgerechnet Mexiko als Austragungsort gegenüber den USA zu präferieren, ist absurd. Die Deutsche Menschenrechtskoordination Mexiko kritisiert anlässlich der WM das Schweigen zu den über 134.000 »verschwundenen« Menschen in dem Land.

Ein weiteres Ärgernis besteht in den flexiblen Preisen, die sich nach Angebot und Nachfrage richten. Das kennt man von Hotelbuchungen oder Flügen, je höher die Nachfrage, umso teurer wird der Spaß. Allerdings kann man bei der WM nicht auf andere Anbieter ausweichen, die Fifa hat ein Monopol auf die Spiele. Die europäische Verbraucherorganisationen Euroconsumers und Football Supporters Europe (FSE) – letztere ein Netzwerk von Fußballfans und Fanorganisationen in über 50 Ländern – haben unter anderem wegen dieser Praxis bei der Europäischen Kommission Beschwerde gegen die Fifa eingelegt. Die Hoffnung ist, dass sich zumindest bei der WM 2030 in Marokko, Portugal und Spanien derartiges Gebaren unterbinden lässt.

4. Der Nationalismus: Deutschland-Fähnchen überall, Hupen, Tröten, schlechte Gesänge. Und das noch mitten in der Nacht, furchtbar. »Die Ergebnisse unserer Längsschnittanalysen bestätigen tatsächlich die Annahme eines kausalen Zusammenhangs zwischen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit«, so der Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Philipps-Universität Marburg, der 2006 mit einer Forschergruppe eine Studie zu der WM in Deutschland im selben Jahr veröffentlicht hat; diese Folgerung trifft immer noch zu, auch wenn die Hysterie nicht die Ausmaße hat wie bei der damaligen Heim-WM. Aber nicht jeder, der ein Fähnchen schwenkt, ist damit automatisch ein Nazi, wie gerne von der Spezies von Linken reflexartig deklariert wird, die sich das Jahr über gar nicht um Fußball kümmern und denen jede Form von Fankultur suspekt ist.

5. Machtgeile Männer: Ob Fifa-Präsident Gianni Infantino oder der US-amerikanische Präsident Donald Trump, die pompöse Selbstdarstellung ist schwer auszuhalten. Sie lieben nicht den Fußball, sondern ausschließlich sich selbst und baden in ihrer patriarchalen Aufgeblasenheit, die nun intensiv medial gefördert wird. Die Verleihung des Fifa-«Friedenspreises« an Trump war ein erbärmliches Schauspiel der Selbst­inszenierung, das wohl keinen Fußballfan interessiert hat.

»Love Football. Hate Fascism«

6. Fairness United: Die Ende 2022 aus dem früheren Bündnis #BoycottQatar2022 hervorgegangene Organisation setzt sich für Menschenrechte im internationalen Fußball ein, ein Protagonist ist Bernd Beyer-Schwarzbach. Der Protest gegen die WM in Katar war richtig und wichtig, gegen die WM in Saudi-Arabien 2034 wird auch schon agitiert. Leider ist der Boykott-Aufruf gegen die jetzige WM an zwei Stellen misslungen. Unter dem altbekannten Motto »Love Football. Hate Fascism« und der Überschrift »#USA2026« steht da: »Der Wille zur Faschisierung der US-amerikanischen Gesellschaft ist eindeutig.« Die Fifa solle die WM auf »Kanada und Mexiko beschränken«, weil die Menschenrechtssituation in den USA untragbar sei.

Faschismusvorwürfe aus Deutschland gegen andere Länder sind immer mit Vorsicht zu genießen, und dann ausgerechnet Mexiko als Austragungsort zu präferieren, ist absurd. Die Deutsche Menschenrechtskoordination Mexiko kritisiert anlässlich der WM das Schweigen zu den über 134.000 »verschwundenen« Menschen in dem Land; schuld sind nicht allein die Drogenkartelle, in vielen Fällen sind korrupte Polizeibeamte, Militärs oder lokale Regierungsvertreter direkt in die Entführungen involviert oder arbeiten mit Kartellen zusammen.

Wahrlich kein Ort demokratischer Vorbildlichkeit. Aber ein Aufruf ist immer ein Kompromiss, daher lass ich das mal so durchgehen, denn »ich bin ein großer Demokrat«, um Uli Hoeneß zu zitieren.

»Es ist ein historisches Ereignis, das die Menschen in deren Heimat zusammenschweißt. Wir können als große Fußballnation, die sich bisher immer für die WM qualifiziert hat, nicht den Anspruch ableiten, nur mit 16 oder 24 spielen zu wollen. Das wäre Herrschaftsdenken der Mächtigen.« Christian Streich

Warum ich trotzdem die WM nicht ganz ablehne? Ausgerechnet ein ehemaliger Fußballer des FC 08 Homburg – eines saarländischen Vereins, dem ich als Saarbrücker Fan nur das Schlechteste wünsche –, der seine einzigen Spiele in der Bundesliga bei diesem Verein absolvierte, hat ein paar kluge Sachen gesagt. Sein Name: Christian Streich. »Es ist ein historisches Ereignis, das die Menschen in deren Heimat zusammenschweißt. Wir können als große Fußballnation, die sich bisher immer für die WM qualifiziert hat, nicht den Anspruch ableiten, nur mit 16 oder 24 spielen zu wollen. Das wäre Herrschaftsdenken der Mächtigen.«

Die Kritik an der größten WM mit 48 Teilnehmern und ergo den meisten Spielen – à la »sportlich wertlose Gigantomanie« – rückt vor diesem Hintergrund etwas in den Schatten, man will ja niemandem den Spaß verderben. Und weiter: »Es profitieren eben auch kleine Verbände wie Curaçao oder Kap Verde. Über die Fifa-Honorare kommt relativ viel Geld in diese kleinen Verbände, mit dem sie die Jugend fördern sowie die Trainerinnen und Trainer und andere Mitarbeiter besser bezahlen können und das hoffentlich auch tun.« Auch hier kann man nicht widersprechen, wenn auch die Hoffnung, dass die Förderung dort ankommt, wo sie hingehört, mindestens naiv ist.

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Hans Wolf ist Mitarbeiter der Aktion 3.Welt Saar und deren Fußball AG » … in den Lauf«, in dem sich Anhänger verschiedener Clubs tummeln und die den Boykott-Aufruf zur WM in den USA unterzeichnet hat.