Der analoge Mann
Ein geschäftiges Wochenende liegt hinter uns. Am Freitag waren Julia und ich beim Konzert von Ausgestorben in der »Neuen Zukunft«. Tolle Band, tolle Songs, aber bei 30 Grad dann doch etwas anstrengend.
Am Samstagvormittag sind wir aus unserer überhitzten Wohnung zu Vanessa auf die Terrasse geflüchtet. Am Abend, zurück in Kreuzberg, haben wir dann mit einem Bekannten draußen etwas gegessen und sind danach zu uns nach Hause gegangen, um das Fußballspiel Deutschland gegen die Elfenbeinküste zu sehen. In der Pause lief im Hintergrund die »Tagesschau«, während wir uns unterhielten. Nur Wortfetzen drangen durch, aber aus irgendeinem Grund nahmen wir dennoch das Thema »Arbeiten bis 70« auf.
Julia machte es wütend. Mich auch. »Das ist ja lächerlich«, meinte plötzlich unser Bekannter zu mir. »Du sitzt hier in deiner feinen Kreuzberger Altbauwohnung mit einem alten Mietvertrag und bejammerst das Los der armen Arbeiter. Warum kratzt dich das überhaupt?«
»Das ist doch nicht in Ordnung, dass Leute, die ihr Leben lang körperlich gearbeitet haben, nachher nicht von ihrer Rente leben können. Bis 70 zu arbeiten, um danach zu sterben, ist doch unmenschlich.«
Ich war perplex. Wusste gar nicht, was ich sagen sollte. »Wieso soll mich das nicht interessieren? Das ist doch nicht in Ordnung, dass Leute, die ihr Leben lang körperlich gearbeitet haben, nachher nicht von ihrer Rente leben können. Bis 70 zu arbeiten, um danach zu sterben, ist doch unmenschlich«, antworte ich.
Seine gleichgültige FDP-Haltung ärgert mich. Aber noch mehr ärgert mich, dass er recht hat. Mein Leben ist ziemlich gut. Einfach und gut. Ich sollte dankbar sein. Ich bin gesund, habe ein gutes Auskommen, eine Arbeit, die mir Spaß macht, keine Schulden und kann reisen. Ich habe kein Auto, kein Haus, keine Kinder. Noch nicht einmal Haustiere. Eine Person, die in unsere Wohnung einbrechen würde, hätte Mühe, etwas Wertvolles zu finden. Ich besitze eine sehr große Schallplattensammlung, aber die meisten meiner Platten sind zwar selten, aber wertlos. Ein Gentleman-Gangster mit sehr speziellen Kenntnissen könnte aus meiner Schallplattensammlung einige wertvolle herauslösen. Aber weil ich keine Sparte mit teuren Platten habe, müsste das wie gesagt ein gewiefter Einbrecher und Vinylspezialist sein.
Gleichgültige FDP-Haltung
Ich habe ein überschaubares Arbeitspensum, das keinen Stress verursacht, verdiene dafür aber auch weniger als ein Angestellter im Supermarkt. 2033, wenn ich 67 bin, beträgt meine Rente voraussichtlich 350 Euro. Ich werde so lange arbeiten, bis ich umfalle. Oder zumindest, bis ich nicht mehr zeichnen kann.
Aber das haben Comiczeichner immer gemacht. Mir macht meine »Arbeit« ja Spaß. Ich habe mir das so ausgesucht und ich hatte Glück. Und dass es vielen Menschen schlechter geht als mir, ist ungerecht. Und macht mich wütend.