Der Tiger ist los
»Patria Milagro« heißt ein Lied, das der rechtsextreme Präsidentschaftskandidat Abelardo de la Espriella während seines Wahlkampfs veröffentlicht hat. Das »Wundervaterland«, wie man den christlich anmutenden Titel übersetzen kann, hatte de la Espriella auch seinen Wählern versprochen. Die Wahl gewann er knapp gegen seinem linken Herausforderer Iván Cepeda. Die vorläufigen Ergebnisse der Stichwahl am Sonntag belaufen sich auf 49,65 Prozent für de la Espriella und 48,07 Prozent für Cepeda.
De la Espriella, der im Wahlkampf gesagt hatte, er werde ein »Feind« der Linken sein und diese politische Kraft »ausweiden«, schlug in seiner Siegesrede mildere Töne an. Zu seinem Gegner, der gemäß dem Statut zur Opposition als Zweitplatzierter nun Senator wird, sagte er, dieser werde »alle Garantien haben, um seine Oppositionsrolle auszuüben, solange dies im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen geschieht«. Cepeda und der scheidende Präsident Gustavo Petro, die beide der Partei Historischer Pakt angehören, kündigten ihrerseits an, die Ergebnisse mehrerer Wahllokale überprüfen zu lassen, bevor sie das Wahlergebnis akzeptieren.
Nach Angaben der Fundación Ideas para la Paz stieg die Zahl der Mitglieder illegaler bewaffneter Gruppen 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 5.000 auf über 27.000 an.
Cepeda, ein Philosoph und Friedensvermittler, las alle seine Wahlkampfreden in gemächlichem Tempo vor. De la Espriella hingegen machte aus seinen Wahlkampfveranstaltungen ein Spektakel: Er trat umgeben von Tänzerinnen, Sängern und Flammenwerfern auf und verkündete hinter Schutzscheiben aus kugelsicherem Glas lautstark, dass er das Vaterland verteidigen werde. In Anlehnung an Argentiniens Präsidenten Javier Milei, der sich als Löwe stilisiert, nannte sich der Kolumbianer »el Tigre« (der Tiger) und vertrieb unter diesem Markennamen auch Kleidung und Accessoires im Luxussegment.
In den sozialen Medien kursierten KI-generierte Darstellungen eines Tigers, von denen manche direkt von de la Espriellas Wahlkampfteam lanciert, andere von Nutzern erstellt wurden. In einigen Beiträgen jagte der Tiger einen verängstigten Cepeda; in anderen wiederum erschien er mit Krawatte und verkaufte seine Produkte.
Unfreiwillig unterstützte Cepeda diese Art von Kampagne noch. Nach dem ersten Wahlgang verklagte er seinen Gegner wegen missbräuchlicher Verwendung eines nationalen Symbols – des Trikots der kolumbianischen Fußballnationalmannschaft. Obwohl die Justiz dem Kläger recht gab, fiel die Kontroverse mit der Begeisterung für die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer zusammen, so dass sie letztlich de la Espriella populärer machte.
Wende in den Beziehungen zwischen Kolumbien und den USA?
Auch US-Präsident Donald Trump äußerte sich zu der Wahl. »Wenn de la Espriella gewinnt, wird er auf die uneingeschränkte Unterstützung und die Stärke der Vereinigten Staaten zählen können«, postete der Präsident einen Tag nach dem ersten Wahlgang auf seinem sozialen Medium Truth Social. De la Espriella schlägt vor, dass Kolumbien der von Trump ins Leben gerufenen militärischen Allianz rechter Regierungen zur Bekämpfung des Drogenhandels beitritt.
Das würde nach Jahren bilateraler Spannungen eine Wende in den außenpolitischen Beziehungen zwischen Kolumbien und den USA bedeuten. In seiner zweiten Amtszeit hat Trump illegalerweise – so die landläufige Einschätzung – Schiffe in der Karibik bombardieren lassen. Dabei sind mehr als 150 Menschen ums Leben gekommen. Nach der Gefangennahme von Venezuelas autoritärem Präsidenten Nicolás Maduro im Januar deutete Trump sogar an, dass das nächste Ziel Gustavo Petro sein könnte. Damit kam die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern zum Erliegen, die de la Espriella nun wiederherstellen möchte.
Der Sieg der extremen Rechten lässt sich zum Teil durch die gravierende Verschlechterung der öffentlichen Sicherheit erklären. Nach Angaben des Forschungsinstituts Fundación Ideas para la Paz stieg die Zahl der Mitglieder illegaler bewaffneter Gruppen (die aus der Guerillaorganisationen ELN und Farc-Dissidenten ebenso erwuchsen wie aus dem aus rechten Paramilitärs hervorgegangenen Mafiasyndikat Clan del Golfo) 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 5.000 auf über 27.000 an. Weder militärische Operationen noch Verhandlungen »haben es geschafft, ihre Rekrutierungsfähigkeit einzudämmen«, fasst der Bericht die Untersuchungsergebnisse zusammen.
Der repressiv regierende Präsident Nayib Bukele in El Salvador als Vorbild
Das Machtvakuum, das das Friedensabkommen von 2016 zwischen dem Staat und der Farc hinterlassen hatte, wurde von diesen kriminellen Netzwerken ausgefüllt: Die Zahl der aus Konfliktgebieten Vertriebenen stieg 2025 im Vergleich zum Vorjahr sprunghaft um 85 Prozent an, und die Rekrutierung von Minderjährigen in Regionen wie dem Cauca nahm zu. »Die Gruppen bieten Löhne und andere Anreize in Gebieten, in denen der Staat nur verspätet agiert oder gar nicht präsent ist.« Von Petros Strategie des paz total (vollständiger Frieden), an der Cepeda als Verhandlungsführer beteiligt war, bekam die Bevölkerung den Eindruck, dass die Waffenstillstände vor allem den Guerillagruppen in die Hände gespielt hätten.
De la Espriella machte sich diese Angst zunutze und versprach eine militärische Offensive nach dem Vorbild des repressiv regierenden Präsidenten Nayib Bukele in El Salvador sowie den Bau von mindestens zehn großen Gefängnissen und Rehabilitationszentren zur Bekämpfung der Kriminalität. Dazu versprach er drastische Kürzungen in Ministerien und eine weitreichende Privatisierung staatlicher Bereiche. Damit fand er sowohl bei Wirtschaftsvertretern als auch bei der städtischen Bevölkerung Anklang. Die Wahl ist auch als Meinungsbild zu Gustavo Petros Amtszeit zu verstehen, der Cepeda schadete, indem er sich in den Wahlkampf einmischte, den Verdacht institutionellen Wahlbetrugs schürte und im letzten Moment den unbeliebten Vorschlag machte, eine Verfassunggebende Versammlung einzuberufen.
Die Angst beschleicht aber auch jene, die nicht für den »Tiger« gestimmt haben. Der ehemalige Rechtsanwalt de la Espriellas hat vielfach Journalisten mit juristischen Konsequenzen gedroht, die sich daran gemacht hatten, zu seiner Vergangenheit zu recherchieren. Seine Kritiker fürchten, dass mit seiner Präsidentschaft Dekaden von rechtlichen Fortschritten rückgängig gemacht werden könnten. Mit dem Wahlergebnis folgt Kolumbien den Entwicklungen in Argentinien, Chile, Ecuador, Peru, Panama und Costa Rica.