Dabeisein ist alles
Das Ringen um die deutsche Bewerbung für die Olympischen Spiele und Paralympischen Sommerspiele der Jahre 2036, 2040 oder 2044 ist in seine entscheidende Phase getreten. Am 26. September soll darüber im Rahmen einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Baden-Baden entschieden werden. Nachdem mit Hamburg ein Bewerber Ende Mai nach einem klaren negativen Referendum der Wähler ausgeschieden war, verbleiben mit der Hauptstadt Berlin, München und Köln inklusive der Rhein-Ruhr-Region noch drei deutsche Kandidaten.
Dass Hamburg aus dem nationalen Vierkampf aussteigen musste, kam kaum überraschend. In einer Volksabstimmung vor zehn Jahren hatte sich schon einmal eine Mehrheit der Wähler gegen die Gigantomanie Olympischer Spiele in ihrer Stadt ausgesprochen. Dennoch hatten auch dieses Mal die Stadtoberen äußerst motiviert ihren Hut in den Ring geworfen.
Ein Teil des Korallenriffs von Teahupo‘o in Tahiti wurde für den Surfwettbewerb der Olympischen Spiele von Paris unwiederbringlich zerstört. Die Kinder in den Vororten des Département Seine-Saint-Denis können sich zudem an einem neuen Autobahnkreuz erfreuen.
»Neben dem sportlichen Großereignis haben wir auch das Interesse, zusätzliche Bekanntheit und internationale Strahlkraft für unsere Stadt zu erreichen und Investitionen nach Hamburg zu holen«, sagte zum Beispiel der Erste Bürgermeister, Peter Tschentscher (SPD), im Rahmen der Bewerbung der Stadt. Er trommelte für die Austragung des zumeist ausufernden Großsportereignisses als »Riesen-Chance«, obwohl die meisten Menschen in der Hansestadt mit langfristig steigenden Mieten, heftigen Bauaktivitäten vor und einem erhöhten Verkehrsaufkommen während der Spiele leben müssten.
Und wo er schon einmal im Wahlkampfmodus war, behauptete Tschentscher, »viele Olympia-Städte« hätten »durch die Spiele eine enorme Schubkraft für ihre eigene Entwicklung bekommen«. Als Beispiel dafür zog er Seoul (1988) und Paris (2024) heran.
Die Auswahl der Beispiele lässt schon erahnen, wie schwer es den Befürwortern fiel, überhaupt positive Beispiele für eine dauerhafte Stadtentwicklung in der modernen Geschichte der Olympischen Spiele zu finden, und selbst diese beiden lassen sich bei genauerer Betrachtung nicht aufrechterhalten. Ein Blick in die Auswertung des französischen Rechnungshofs über die öffentlichen Kosten der Spiele liefert erste Hinweise, wie viel Wahrheitsgehalt in den Worten des hanseatischen Sozialdemokraten steckt.
Die Mär von den »grünsten Spiele aller Zeiten«
Dem Bericht zufolge kostete die Austragung der Olympischen und Paralympischen Spiele in Paris 6,6 Milliarden Euro an öffentlichen Geldern. Vor allem im Bereich der Sicherheit lagen die Kosten weit über dem ursprünglich veranschlagten Budget. Der Bewerbung zufolge waren insgesamt nur 2,4 Milliarden Euro eingeplant. Im Bericht des Rechnungshofs wurden zudem manche Kosten nicht einmal einberechnet, wie zum Beispiel die kostspielige Reinigung der Seine. Die wirtschaftlichen Auswirkungen blieben dagegen bescheiden: Das zusätzliche Wirtschaftswachstum schätzt der Rechnungshof auf 0,07 Prozentpunkte des gesamten Bruttoinlandsprodukts: rund 1,9 Milliarden Euro.
Die Umweltorganisation Greenpeace kritisiert in ihrer Nachbetrachtung der Olympischen und Paralympischen Spiele in Paris vor allem die Mär, wonach diese die »grünsten Spiele aller Zeiten« gewesen seien. Die Nichtregierungsorganisation erinnert an fallengelassene Versprechen wie kostenlosen öffentlichen Nahverkehr oder die Verpflichtung, während der Spiele kein Einwegplastik zu verwenden.
Ein Teil des Korallenriffs von Teahupo‘o in Tahiti wurde für den Surfwettbewerb unwiederbringlich zerstört. Die Kinder der Pariser Vororte im Département Seine-Saint-Denis können sich nun an einem neu errichteten Autobahnkreuz erfreuen. Greenpeace zufolge wurden gerade einmal 0,34 Prozent des Gesamtbudgets von Paris 2024 in Klimaprojekte investiert.
Sparmaßnahmen im Breitensport
Dass die Versprechungen vor einer Bewerbung zumeist keine Grenzen kennen, kann derzeit auch in Berlin beobachtet werden. Als einziger Bewerber verzichtete man auf eine Befragung der Stadtbewohner – wohl wissend, dass man sie verlieren würde –, stattdessen dekretierte die Senatskanzlei den Antritt der Hauptstadt zum nationalen Vorentscheid. Dieser undemokratische Makel hängt nun den Organisatoren nach, weshalb die angeheuerte Marketing-Abteilung derzeit Überstunden leisten muss. »Ein paar Olympia-Sieger stehen fest: Öffis, Wohnungsbau und Tourismus«, plakatierte die Kampagne »Berlin gewinnt Olympia« in den vergangenen Wochen im öffentlichen Raum.
Ein Plakat mit dem witzig gemeinten Slogan »Weitsprung für unsere Sportstätten« prangt derzeit in unmittelbarer Nähe zum Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, dessen Stadion gerade im Rahmen von Umbaumaßnahmen dem Erdboden gleichgemacht wird. Die Kostensteigerung von einst geplanten 100 Millionen auf bislang 348,9 Millionen Euro allein für dieses Bauprojekt sorgt derzeit für große Diskussionen in der Stadtgesellschaft. Die enorme Verteuerung hat bereits zu Finanzierungslücken und Sparmaßnahmen im Breitensport geführt. Den Berliner Senat kümmert das nicht weiter, stattdessen wird Geld in die Olympia-Bewerbung investiert.
Als williger Helfer bei diesem Unterfangen agieren die verschiedenen Gliederungen des organisierten Sports. Vorneweg der Landessportbund Berlin (LSB), dessen Vorsitzender Thomas Härtel (SPD) einst Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport unter dem Senator Ehrhart Körting (SPD) war. Heutzutage rührt er fleißig die Werbetrommel, um Begeisterung bei den Mitgliedsvereinen entfachen: »Ihre Unterstützung hilft jetzt weiter«, ist in einer internen Rundmail des Verbands zu lesen. »Posten Sie eigene Statements, kurze Videos oder Beiträge, warum Sie eine Berliner Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele unterstützen«, instruiert er die rund 2.300 Mitgliedsvereine des Landessportbunds.
»Die Erfahrungen anderer Austragungsorte wie Barcelona, London und Paris zeigen, dass gerade der Breitensport und die kommunale Infrastruktur langfristig profitieren können, wenn die Projekte nachhaltig geplant sind – und genau das ist der Anspruch von Berlin und von uns als Verband«, sagte der Präsident des Berliner Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbands, Özcan Mutlu, der Jungle World.
Verquickung von organisiertem Sport und Berliner Politikbetrieb
Er saß früher für Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus und ist ebenfalls ein prominenter Fürsprecher der Olympia-Bewerbung der deutschen Hauptstadt. »Was die personelle Aufstellung unseres Verbandes betrifft, so ist es kein Zufall, dass Persönlichkeiten wie Ehrhart Körting und ich Verantwortung übernommen haben«, so Mutlu weiter. Der ehemalige Berliner Innensenator Körting war Mutlus Vorgänger im Amt des Präsidenten des Berliner Behinderten- und Reha-Sportverbandes.
Die Verquickung von organisiertem Sport und Berliner Politikbetrieb liegt im Interesse beider Seiten. Die Sportverbände erhoffen sich einen direkten Draht zu den regierenden Parteien, indem sie ehemalige Berufspolitiker anheuern. Dass dabei die demokratische Mitbestimmung innerhalb der Verbände zu kurz kommt, scheint kaum jemanden zu stören. Diese gut gepflegte Allianz sorgt dafür, dass die Gegner der Bewerbung für die Olympischen und Paralympischen Spielen innerhalb des organisierten Sports kaum zu Wort kommen.
Dieses Gebaren lässt die Bewerbung Berlins in einem besonders schlechten Licht dastehen. Der Deutsche Olympische Sportbund hat verschiedene Bewertungskriterien für die Bewerber aufgestellt, zu denen auch die »nationale Akzeptanz« zählt. Nachdem sich in München und der Region Köln inklusive Rhein und Ruhr bei Bürgerentscheiden die Mehrheit für die Bewerbung ausgesprochen hat, sieht es für Berlin eher schlecht aus.
Die sechs Millionen Euro Gesamtbudget für die Kampagne können eigentlich jetzt schon abgeschrieben werden. Es existiert kaum eine realistische Chance, als Sieger hervorzugehen. Die Gesamtkosten für das nationale Auswahlverfahren sollen sich auf rund 50 Millionen Euro belaufen.