18.06.2026
Antizionistische Randalierer protestieren an der Universität der ostwestfälischen Stadt

Bielefeld noch immer nicht befreit

An der Universität Bielefeld gab es Proteste von anti­zionistischen Gruppen gegen einen Vortrag über akademischen Antisemitismus.

Seinen Vortrag an der Universität Bielefeld konnte Andreas Stahl, der Leiter der Zentralen Beratungsstelle zu Antisemitismus an Hochschulen in Nordrhein-Westfalen (Zeba NRW), vergangene Woche nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen halten. Wie notwendig eine Einrichtung wie Zeba und ihre Aufklärungsarbeit zum Thema Antisemitismus sind, demonstrierte die Gruppe Collective Liberation Bielefeld. Diese hatte zu einer Kundgebung gegen den Vortrag aufgerufen und behauptete, Stahl betreibe »Völkermordleugnung« und verbreite »menschenfeindliche Propaganda«.

Bereits im Dezember 2025 hatten Störer einen Vortrag Stahls an der ostwestfälischen Hochschule immer wieder durch Zwischenrufe unterbrochen. Deshalb entschied das Rektorat, den Referenten erneut einzuladen, dieses Mal aber nur angemeldete Gäste nach einer Ausweiskontrolle in den Hörsaal zu lassen. »Das war von vornherein eine ziemlich angespannte Gesamtsituation«, berichtet Stahl im Gespräch mit der Jungle World. »Es ist absolut bedenklich, dass gegen einen Vortrag zum Thema akademischer Antisemitismus eine Demo angemeldet wurde. Und auch die persönliche Markierung mit meinem Foto zeigt eine neue Qualität. Es geht um Einschüchterung.«

Eine Handvoll Protestierer sammelte sich vor dem Eingang, schwenkte Palästina-Fahnen und rief israelfeindliche Parolen.

Collective Liberation Bielefeld kooperiert eng mit der Hochschulgruppe Anti-Colonial Action Bielefeld (Acab), die mit fünf Sitzen im Studierendenparlament vertreten ist. Im Frühling habe Acab dort einen universitären Gedenktag für den getöteten iranischen Diktator Ayatollah Ali Khamenei beantragt, berichtete das Bündnis gegen Antisemitismus Bielefeld. In dem Antrag stand, Khamenei sei »eine für viele innerhalb der iranischen und schiitischen Gemeinschaften spirituell und politisch bedeutsame Persönlichkeit«, die »von den kriegstreiberischen US-zionistischen Regimes ermordet wurde«. Das ging dem Studierendenparlament zu weit, der Antrag wurde abgelehnt.

An der Bielefelder Hochschule sei eine krude Melange aus postkolonialen Aktivisten, klassischen Antiimperialisten, muslimisch geprägten Akteuren und arabischen Nationalisten aktiv, sagte Stahl im Gespräch mit der Jungle World: »Ihr gemeinsamer Nenner ist der Antizionismus.«

In einer Solidaritätserklärung für Stahl schrieb das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrer: »Die Gruppe Collective Liberation Bielefeld arbeitet mit Falschbehauptungen und Kontaktschuld; fachliche Kritik an israelbezogenem Antisemitismus wird zu ›Hass‹ erklärt, Israels Recht auf Selbstbestimmung als Rassismus diffamiert.«

Anfälligkeit des Postkolonialismus für Antisemitismus

Den Vortrag über antisemitische Graffiti und Vorfälle an Universitäten und die Anfälligkeit des Postkolonialismus für Antisemitismus besuchten rund 100 Personen. Eine Handvoll Protestierer sammelte sich derweil vor dem Haupteingang, schwenkte Palästina-Fahnen und rief israelfeindliche Parolen. Im Hörsaal saßen einige Kufiya-Träger demonstrativ in der ersten Reihe. Als selbst sie von einem »nicht belegten Genozid« in Gaza sprachen, habe das für Erheiterung gesorgt, berichtete Andreas Stahl.

»Völkermord ist eine juristische Kategorie, das müsste dann tatsächlich auch juristisch belegt werden. Es hat wahrscheinlich Kriegsverbrechen von israelischen Soldaten im Gaza-Krieg gegeben, aber von Genozid kann keine Rede sein«, sagte er. »Das zeigt auch der Bericht des Begin-Sadat-Centers aus Ramat Gan. Solche fragwürdigen Berichte wie die von Amnesty International oder der angeblich unabhängigen UN-Kommission sollte man nicht als Beleg nutzen.«

Auch zum Thema der sogenannten Nakba, der Vertreibung beziehungsweise Flucht der Palästinenser nach der Staatsgründung Israels 1948, vertritt Stahl eine Position, die seine Gegner ablehnen. Er bezieht sich auf die Forschungen des israelischen Historikers Benny Morris, der dargestellt habe, dass man bei zehn bis 20 Prozent der geflüchteten arabischen Palästinenser tatsächlich von einer bewussten Vertreibung sprechen könne. Viele seien vor dem Krieg geflüchtet, den, je nach Zählweise, vier oder fünf arabische Staaten angefangen hätten.

»Terrorkitsch« und Propagandaplakate

Man könne die Nakba nicht ohne Kontext darstellen, schließlich sei sie ein Ergebnis des arabischen Angriffskriegs gegen den jüdischen Staat. »Das ist das typische Muster des akademischen Antisemitismus«, kritisierte Stahl. »Zentrale Bestandteile der Wahrheit werden weggelassen, so dass Israel immer als Täter dasteht. Das ist Dämonisierung.«

Im Mai 2025 veranstaltete der Allgemeine Studierendenausschuss der Universität Bielefeld eine »Nakba-Woche«, bei der dem Bündnis gegen Antisemitismus Bielefeld zufolge »Terrorkitsch« und Propagandaplakate von Flugzeugentführern und Selbstmordattentätern der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) ausgestellt wurden.

Umso wichtiger ist es Stahl, festzustellen, dass das Rektorat der Universität nicht nachgegeben, sondern ihn trotz der Gegenproteste wieder eingeladen hat: »Es muss einen Mentalitätswechsel an den Unis geben. Mit antisemitischen Vorfällen müssen sie viel offensiver umgehen und die Probleme nicht verschweigen, um nach außen gut dazustehen. Die Universität Bielefeld hat da einen guten Anfang gemacht.«