Anquatschen, abfilmen, ausnutzen
»Warum bin ich jetzt in so einer verletzlichen Situation im Internet und jeder sieht das?« fragt Zeina das ARD-Team, mit dem sie spricht. Ihr wurde ein Video zugeschickt, das sie zeigt. Zu sehen ist eine junge Frau im Bikini, die an der Alster in Hamburg auf einer Wiese liegt. Sie wird von einem Mann angesprochen, der die Kamera bedient, aber selbst nicht zu sehen ist. »Nö, ich habe leider einen Freund«, sagt sie. Die Stimme antwortet: »Willst du einen besseren?« Ein Clip, der diese Situation zeigt, wird später in den sozialen Medien hochgeladen. Das Besondere ist: Zeina hatte nicht bemerkt, dass sie gefilmt wurde.
Vor drei Wochen veröffentlichte der Südwestrundfunk (SWR) eine Recherche zu heimlichen Filmaufnahmen in Deutschland. In einer repräsentativen Erhebung von Infratest Dimap gaben 85 Prozent der Befragten an, dass sie das Phänomen für ein Problem hielten.
Das Ansprechen oder Anbaggern von Frauen durch Männer ist in verschiedenen Varianten ein beliebtes Thema misogyner Social-Media-Accounts.
Verborgenes Filmen ist mittlerweile aufgrund neuer Technologien besonders einfach möglich. Sogenannte Smart Glasses sehen aus wie herkömmliche Brillen, sind allerdings mit Mikrophon und Kamera ausgestattet. Bei dem populärsten Modell von Ray-Ban und Meta werden Funktionen per Sprachbefehl gesteuert, weswegen die Umgebung permanent mitgeschnitten und das Material in der Meta-Cloud gespeichert werden kann.
Datenschützer warnen davor, dass somit personenbezogene Daten Dritter ohne deren Zustimmung verarbeitet werden können. Ein Blick auf Tiktok und Co. zeigt, wie die Technologie genutzt wird – und dass viele der sogenannten content creators sich nicht dafür interessieren, ob die von ihnen unbemerkt Gefilmten ihre Zustimmung zu Filmaufnahmen gegeben haben oder nicht.
Das Ansprechen oder Anbaggern von Frauen durch Männer ist in verschiedenen Varianten ein beliebtes Thema misogyner Social-Media-Accounts. So gibt es etwa Tipps von sogenannten pick-up artists, wie man Frauen auf der Straße am besten durch dominantes »Festquatschen« dazu bringt, ihre Telefonnummern preiszugeben, oder wie man mit physischer Gewalt reagieren kann, wenn man abgewiesen wird.
Die Clips kursieren meist auf Instagram und Tiktok unter dem Hashtag »rizz«
Nun werden online auch Anleitungen dafür ausgetauscht, wie man, um solche Begegnungen heimlich filmen zu können, jene LED-Lämpchen der Kameras abschalten kann, die normalerweise kenntlich machen, dass gerade aufgenommen wird. Die so entstandenen Videos zeigen das Geschehen also direkt aus der Sicht des Manns. Solche Clips kursieren meist auf Instagram und Tiktok unter dem Hashtag »rizz«, die Urheber und Verbreiter werden daher auch als »Rizzfluencer« bezeichnet.
Der Inhaber des Instagram-Accounts »_erickronaldo_«, der 1,3 Millionen Follower hat, produziert immer wieder Clips, in denen er Frauen anspricht. Er filmte Frauen auf dem Münchner Oktoberfest und veröffentlichte die Clips ohne deren Zustimmung. Die meisten Clips hat er allerdings in den USA aufgenommen. Während in Deutschland Smart Glasses gerade erst ein Thema werden, ist das Filmen mit solchen Brillen in den USA schon länger verbreitet, vor allem im Nachtleben und an belebten Plätzen wie Stränden.
Allerdings werden Frauen auch in Alltagssituationen gefilmt. 2025 berichtete die Twitch-Streamerin Herculyse, wie sie im Supermarkt angesprochen und heimlich gefilmt worden war. Das entsprechende Video wurde erst auf öffentlichen Druck hin entfernt; zunächst hatte Instagram sich dagegen ausgesprochen, das Video zu löschen. Der Urheber des Clips äußerte sich wiederum in einem Reaction-Video zur Kritik, die an ihm geübt wurde.
Dating-, Flirt- oder Pick-up-Content
Darin sagt er, er breche die Regeln, um mehr Views zu generieren und durch die Videos ein Einkommen zu erzielen. Die Videos werden anschließend als Dating-, Flirt- oder Pick-up-Content veröffentlicht. Die Clips von Ronaldo und Co. laufen gut und haben mitunter einige Hunderttausend Views. Diese Aufmerksamkeit ist gleichzeitig Währung: Mehr Klicks bedeuten mehr Geld.
Frauenverachtender Content läuft in sozialen Medien gut. Unter den Clips finden sich immer wieder entmenschlichende Kommentare, in denen die Frauen objektifiziert oder rassistische Stereotype geäußert werden. Die gefilmten Frauen werden oft als promisk abgewertet, obwohl es ja die Urheber sind, die ungefragt zahllose Frauen ansprechen und belästigen. Ihnen geht es, außer um ökonomische Interessen, vor allem darum, möglichst viele Frauen, die als möglichst attraktiv eingestuft werden – sie werden häufig als »tens« bezeichnet, also als ganz oben auf einer Skala von eins bis zehn, die den Account-Betreibern zur Bewertung von Frauenkörpern dient –, auszunutzen und als »Content« zu präsentieren. Von einem tatsächlichen Interesse an den Frauen als konkreten Individuen ist nicht auszugehen.
Frauenverachtender Content läuft in sozialen Medien gut. Mehr Klicks bedeuten mehr Geld.
In einem Video ist zu sehen, wie der content creator mit einer Frau chattet, die er zuvor gefilmt hatte. In dem Clip macht er Reklame für Wing AI, eine KI, die dafür entwickelt wurde, Chatverläufe zu scannen und auf jede Frage die perfekte Antwort zu liefern. Die Anwendung wirbt damit, ihrem User 2,5 mal mehr Dates zu verschaffen als vorher. Dass das Kennenlernen möglicher Partner:innen immer mehr an einen Warentausch erinnert, seit Online-Dating allgemein üblich wurde, ist ein Allgemeinplatz.
Die »Eroberung« einer Sexualpartnerin war natürlich auch früher schon ein häufiges Sujet, mit dem der Mann soziale Anerkennung generieren wollte. Frauen waren hier aufgrund patriarchaler Geschlechterverhältnisse ohnehin nur Objekt. Nun helfen technische Möglichkeiten, männliche Allmachtsphantasien zu befriedigen: Man kann die Frau als vermeintliche „Eroberung« ungefragt der Welt präsentieren, ohne sich selbst je tatsächlich zeigen zu müssen – Statuserhöhung ohne Risiko und ohne Verantwortung.
Komplizierte Rechtslage
Die KI kann nun überzeugende Chat-Antworten formulieren, die Männer müssen hier also auch nicht mehr schlagfertig, charmant oder gar klug sein. Zeina sagte zu den »Rizz«-Videos: »Wie viel Content ist denn da draußen, von dem ich nichts weiß?« Frauen können sich weder sicher sein, ob sie gefilmt werden, noch, ob sie tatsächlich mit einem Mann oder einem KI-Bot kommunizieren. Diese Unsicherheit im Alltag steigert sowohl Ängste als auch Gefahren bei freiwilligen Flirts und Dates.
Die Rechtslage ist kompliziert, da die geltenden Gesetze noch nicht an die neue Technologie angepasst sind. Zwar ist man durch das Recht am eigenen Bild in Deutschland grundsätzlich vor der Veröffentlichung von Aufnahmen ohne Einwilligung geschützt. Doch das ungenehmigte Filmen im öffentlichen Raum an sich ist erlaubt. Es wäre zu diskutieren, wie der gesetzliche Schutz erweitert werden kann.