Jungle+ Artikel 04.06.2026
Im ukrainischen Parlament geht die Angst vor den Antikorruptionsbehörden um

Die Bekämpfung der Symptome

Die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden haben Andrij Jermak, den ehemaligen Leiter des Büros von Präsident Wolodymyr Selenskyj, ­festgenommen und angeklagt. Doch die strafrechtliche Verfolgung einzelner korrupter hochrangiger Staatsvertreter ändert nichts an der Krise des ukrainischen Regierungsmodells.

Die Verhaftung von Andrij Jermak Mitte Mai löste nicht einfach einen von vielen Korruptionsskandalen in einem vom Krieg erschöpften Land aus. Mit dem ehemaligen Leiter des ukrai­nischen Präsidialamts traf es erstmals während der Präsidentschaft von Wolodymyr Selenskyj eine Schlüsselfigur im Machtapparat der Ukraine. Gleichzeitig deckt dieser Skandal gemeinsam mit weiteren Strafverfahren gegen hochrangige Beamte, Abgeordnete und regierungsnahe Geschäftsleute ein viel tiefer gehendes Problem auf: Das um Selenskyjs Partei »Diener des Volkes« aufgebaute Machtsystem verliert allmählich seine Funktionstüchtigkeit.

Jermak, der nach vier Tagen Untersuchungshaft gegen Kaution freikam, hatte maßgeblichen Anteil am Aufbau der Führungsstruktur, auf die sich ­Selenskyj stützt, und galt viele Jahre als »graue Eminenz« und zweitmächtigste Figur im Staat. Er vertrat das Land bei schwierigen internationalen Verhandlungen, sicherte finanzielle Hilfe sowie den Nachschub an Waffen zur Abwehr der russischen Aggression und festigte Selenskyjs persönliche Autorität. Obwohl Jermaks Karriere stets von erheblichen Skandalen begleitet war, hatte das für ihn zunächst keine persönlichen Konsequenzen.

Nachdem das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (Nabu) mit der Operation »Midas« Korruption im Energiesektor und darüber hinaus offengelegt hatte, musste Jermak im November 2025 schließlich doch zurücktreten. Umfangreiche Audioaufnahmen von Gesprächen zwischen ukrainischen Beamten kompromittierten nicht nur ihn. Auch der Energieminister und der Justizminister, deren Stimmen in den Aufnahmen zu hören waren, verloren ihre Ämter. Timur Minditsch, ein langjähriger Freund des Präsidenten, dessen Wohnung zur Aufzeichnung der Gespräche genutzt worden sein soll, setzte sich aus der Ukraine nach Israel ab.

Angst vor den Antikorruptions­behörden und die nachlassende Disziplin im Parlament haben dieses an den Rand einer schweren institutionellen Krise geführt.

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